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Lehren aus der grünen Schule

22.7.2013 - Unter dem Motto "Schulgärten – Orte der Bildung für nachhaltige Entwicklung und Ernährung" fand vom 29. bis 30. Juni in Berlin eine Weiterbildungsveranstaltung der Kinder- und Jugendkommission von Slow Food Deutschland statt. Ein Nachbericht.


Nachdem – zumindest in Westdeutschland – der alte Schulgarten völlig von der Bildfläche verschwunden war, erfährt er derzeit eine gewisse Renaissance. In immer mehr Schulen werden Schulgärten wieder belebt oder auch neu angelegt. Dies hat gute Gründe: Sie bieten sich als geradezu ideale Orte der Bildung für nachhaltige Entwicklung an, eröffnen jungen Menschen ganzheitliche und sinnliche Lernerfahrungen zu basalen Themen des Lebens. Wie gedeiht eine Pflanze eigentlich gut, wie verwerte ich sie sinnvoll, damit ich und andere am Ende satt werden und Genuss erleben? Von hier sind dann die Fragen zur aktuellen Agrar- und Ernährungspolitik nicht mehr weit. Was ist passiert, dass wir uns in den Ländern des Nordens nicht mehr aus Gärten ernähren? Wie ist der globale Nahrungsmittelmarkt organisiert und welche Probleme schafft er? Warum müssen in anderen Regionen der Welt so viele Menschen hungern? Und warum werden hier so viele Menschen trotz Sattheit krank?

Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten

Vor diesem Hintergrund hat Slow Food Deutschland die Schulgärten auf die Agenda des Vereins genommen und vor kurzem einen Kooperationsvertrag mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten e.V. (BAGS) geschlossen. Ziel ist, die Entwicklung der Schulgärten in Deutschland nicht nur durch die praktische Beteiligung von Slow Food Mitgliedern vor Ort, sondern auch durch gemeinsame fachliche und fachpolitische Initiativen zu stärken. Damit wird ein Thema im Verband gestärkt, das bei Slow Food weltweit schon lange eine zentrale Rolle spielt, wie z.B. in den Terra Madre-Projekten, der Kampagne „Gärten für Afrika“, den „Edible Schoolyards“ in den USA oder den zahlreichen Initiativen des Urban Gardenings.


Produktive Arbeitsatmosphäre

Zum Start der Kooperation fand am 29./30.6.2013 eine Weiterbildung in der August-Heyn-Gartenarbeitsschule Berlin-Neukölln statt, die Mitglieder von Slow Food, BAGS sowie weitere Interessierte zusammen führte. Gekommen waren aus dem gesamten Bundesgebiet 21 Personen, von denen alle entweder bereits Schulgartenprojekte initiiert hatten oder aber diese auf den Weg bringen wollten. Dieses ausgeprägte gemeinsame Interesse machte es leicht, schnell miteinander in Verbindung zu kommen, und ließ eine sehr konzentriert-produktive und inspirierende Arbeitsatmosphäre „zur Sache“ entstehen, aber auch eine angenehm entspannte Stimmung mit Fröhlichkeit und viel Humor.

Der Veranstaltungsort war ideal gewählt, machte er doch einen lebendigen Schulgarten mit langer Tradition mit Gemüse, Kräutern, Getrei-de, Obstbäumen, Blumen, Bienen und Schafen unmittelbar erlebbar. Auguste Kuschnerow, ehemalige Leiterin der Gartenarbeitsschule und stellvertretende Vorsitzende der BAGS, nahm hierzu die TeilnehmerInnen auf einen eindrucksvollen Rundgang durch den Garten mit. Ein abendlicher Besuch im Prinzessinnengarten, ein öffentlicher Stadtgarten inmitten des Stadttrubels von Berlin, ermöglichte einen weiteren spannenden Eindruck zu den Entwicklungen des Urban Gardenings als sozialer Protestbewegung.


Spannende Fachvorträge

Gerahmt wurde die Veranstaltung durch eine Reihe von informationsreichen Vorträgen: Prof. Dr. Steffen Wittkowske von der Universität Vechta und Vorsitzender der BAGS referierte zum Stand der Entwiclung der Schulgärten in deutschen Schulen. Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland berichtete den TeilnehmerInnen von den vielfältigen Facetten, die der Garten im allgemeinen und der Schulgarten im Besonderen für Praxis und Politik dieses internationalen Vereins beim Kampf um Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität haben.

Thomas Pohler, Mitglied der Kinder- und Jugendkommission von Slow Food, stellte grundsätzliche Überlegungen zu den Herausforderungen an, die damit einhergehen, wenn Schulgärten in Kooperation mit außerschulischen Akteuren betrieben werden. Cornelia Ptach, ebenfalls Mitglied der Kinder- und Jugendkommission, stellte Möglichkeiten der praktischen Umsetzung von Schulgartenprojekten vor. Dr. Birgitta Goldschmidt vom Generationengarten in Koblenz und Volker Meißner Kooperation von der Kleingartenanlage Eilenburger Straße e.V. (Torgau) berichteten schließlich aus konkreten Garten- und Schulgartenprojekten in Rheinland-Pfalz und Torgau. Birgitta Goldschmidt formulierte dabei eine Reihe von hilfreichen Handlungsempfehlungen für jene, die Projekte zum Schulgarten in Angriff nehmen wollen.


Tipps und Tricks für künftige Schulgärtner

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde ein Planungsworkshop durchgeführt, der allen TeilnehmerInnen die Möglichkeit bot, ihre aktuellen Projektvorhaben im Kreis der Anwesenden vorzustellen und sich Ratschläge für offene Fragen und Probleme zu holen. Tatsächlich entstand ein überaus reger Austausch mit vielen kleinen und großen Hilfestellungen, angefangen von Tipps zum Bezug von Saatgut oder dem Mähen von Streuobstwiesen, Literaturhinweisen, Informationen zu lehrreichen Projekten und Internetlinks bis hin zu Empfehlungen zur Akquise von Kooperationspartnern, Geld und Sachspenden, Umgang mit Lehrkräften und Schülern, mit Benotungen, Vandalismus in Schulgärten oder der Verwertung der erzeugten Gartenprodukte.

Sichtbar wurde, wie animierend und hilfreich die Vernetzung für diejenigen ist, die in lokalen Schulgartenprojekten engagiert sind. Es zeigt sich aber auch, dass es noch viele offene Herausforderungen gibt, die zu bearbeiten sind. Dazu gehört vor allem die Frage des Verhältnisses von Schulgarten und Schulverpflegung. Eine Teilnehmerin berichtete davon, dass eine Schule, die das Mittagessen selbst gekocht hat, die Lebensmittel des eigenen Gartens selbstverständlich verarbeitet hat. Als vom Schulträger die Schulverpflegung an eine Catering-Firma vergeben wurde, war es damit dann aber vorbei.

Angesichts der Dominanz der Catering-Konzepte bei der Schulverpflegung sieht die Situation in den Schulen in der Regel so aus, dass die Verwertung der selbst erzeugten Gartenprodukte abgelöst von der alltäglichen Schulverpflegung stattfindet und stattdessen das Mittagessen von außen angeliefert wird. Einigkeit herrschte in der TeilnehmerInnenrunde dazu, dass diese Praxis pädagogisch wenig sinnig ist. Wünschenswert wäre vielmehr, wenn Gärtnern, Produktverwertung und –konsum eine ganzheitliche Erfahrungseinheit für junge Menschen bilden würden.

Text: Cornelia Ptach, Kinder- und Jugendkommission Slow Food Deutschland
Alle Fotos: Weiterbildungsveranstaltung in Berlin | Kinder- und Jugendkommission Slow Food Deutschland

Mehr Informationen: 
Kinder- und Jugendprojekte von Slow Food


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