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Krebs: Debatte um Glyphosat

9.6.2015 - Ist der Unkrautvernichter Glyphosat krebserregend? Eine neue Studie der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC), angesiedelt bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, deutet darauf hin. Dies machte ein Fachgespräch von Bündnis 90/Die Grünen am vergangenen Montag in Berlin deutlich. Ein Bericht von Sharon Sheets, Slow Food Deutschland.

Die Auswirkungen des Einsatzes von Pestiziden auf die Umwelt und die Gesundheit von Tier und Mensch beschäftigt die Wissenschaft und viele Zivilorganisationen schon seit langem. Die Meinung der großen Industriekonzerne steht hier abermals der Meinung der Verfechter nachhaltiger Landwirtschaft gegenüber. Seit März 2015 steht das Herbizid Glyphosat in dieser Debatte im Mittelpunkt: Glyphosat ist das weltweit und in Deutschland am häufigsten eingesetzte Herbizid. Neben der Landwirtschaft nutzen es in Deutschland auch Haus- und Kleingärtner, die Bahn und viele Kommunen zur Unkrautbekämpfung.

Im Bild oben: In deutschen Kleingärten kommt Glyphosat immer häufiger zum Einsatz. | © Katharina Heuberger

Nachweise in Urin und Muttermilch

Die detaillierten Ergebnisse des IARC werden im Juli erscheinen, in der Politik müssten jedoch jetzt schon einige bekannte Tatsachen zur Reflektion über den Einsatz dieses Herbizids führen. Wie Harald Ebner MdB, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion, einleitend zum Fachgespräch betonte: „Glyphosat als Totalherbizid hat eine unglaublich starke Auswirkung auf den Rückgang der Biodiversität. Eine Belastung in Nahrungsmitteln und Spuren in Urin und Muttermilch wurden zudem auch nachgewiesen“. Auch die Tatsache, dass, wie Julia Sievers-Langer, Agrar Koordination e.V., darstellte, Glyphosat immer in Kombination mit bestimmten Begleitstoffen kommt, die ein vielfaches an Toxizität enthalten, müsste uns zu denken geben.

Slow Food kann den Ansatz des Bündnis 90/Die Grünen das Thema in die Politik zu bringen nur begrüßen und befürworten. Es wäre jedoch wünschenswert, dass sich die Bundesregierung und entwicklungspolitische Akteure auch zeitnah dem Thema Pestizide in der Landwirtschaft annähern, damit wir nicht weiterhin Zeugen der durch Herbizid- und Pestizid-Aussetzung verursachten gesundheitlichen Schäden der Menschen in Entwicklungsländern und sogar hier zu Lande sein müssen.

Einsatz von Glyphosat nimmt weltweit zu

Es ist in der Tat verwunderlich, dass der Glyphosat-Einsatz weltweit immer zunimmt, statt, wie man es von dem Bericht des IARC im März erwarten könnte, eingestellt zu werden, mindestens bis gegebenenfalls eine Widerlegung der krebserregenden Auswirkungen bewiesen wird. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat die Analyse des IARC bis jetzt nur kritisiert mit dem Vorwurf, dass circa 30 Analysen nicht berücksichtigt worden seien bei der Auswertung, die insgesamt über 1000 Studien enthält. Wäre die Aufgabe der Politik nicht jedes kleinste Risiko für die Gesundheit des Menschen zunächst verantwortungsbewusst auszuschließen statt hochgradige Analysen in Frage zu stellen? Bei solch einem Agieren wird klar, dass es hier nicht um die Interessen aller Bürger geht.

Glyphosat ist nur ein Beispiel dafür, dass sich die Politik und Entwicklungsprogramme mit dem Thema beschäftigen müssten, wenn sie wirklich um die menschliche Gesundheit beschert sind. Aber das scheinen die großen Herbizid- und Pestizid-Konzerne es keinesfalls zu sein: Prof. Elizabeth Bravo vom Netzwerk für ein Genfreies Südamerika, sprach per Videokonferenz über die gesundheitlichen Folgen der gentechnisch veränderten Pflanzen und von Glyphosat in Südamerika. Sie lieferte erschreckend hohe Zahlen gesundheitlicher Schäden bei Menschen, die innerhalb einer Reichweite von circa 10 km einem verstärkten Pestizideinsatz ausgesetzt werden. Darunter sind Fälle von Krebs, Leukämie, und Missbildungen bei Kindern.

Julia Sievers-Langer sprach von ähnlichen Beispielen gesundheitlicher Schäden in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, Südamerika und Asien. In Sri Lanka ließen sich vor allem Nierenprobleme nachweisen und die verstärkte gesundheitliche Benachteiligung vor allem bei Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind und diesen Stoffen ggf. ohne adäquate Schutzkleidung direkt ausgesetzt sind.

Eiskalte Marketingstrategien der Konzerne

Uwe Kekeritz MdB, Sprecher für Entwicklungspolitik Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion, sprach deshalb im Kontext der Entwicklungspolitik genau von den Marketingstrategien der Konzerne, welche nur ihr Produkt vermarkten wollen und durch positive Schlagwörter wie „smart agriculture“ auf ganz unverschämte Weise vorgeben, sich für die Verbesserung der Armut und Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen in den Entwicklungsländern einzusetzen, wobei sie in Realität nur das Gegenteil bewirken: Krankheit, Abhängigkeit, Dürre, Verlust an Boden- und Wasserqualität. Kekeritz zitierte in diesem Zusammenhang auch auf ganz passende Weise Papst Franziskus, der bei der Entwicklungspolitik immer darauf verweist, dass diese Art der industriellen Landwirtschaft der Konzerne nur tötet und keine Zukunft hat!

Mehr Informationen:
Slow Food Positionen zur EU-Agrarpolitik


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