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Tierschutz: Neuland wechselt Führung und Konzept

8.1.2015 - "Neuland e.V. - Verein für tiergerechte und umweltschonende Tierhaltung in der Landwirtschaft" präsentiert ein neues Konzept, um die Skandale der Vergangenheit abzuschütteln und neues Vertrauen zu gewinnen. Trägervereine übernehmen künftig mehr Verantwortung, die Kontrollen werden verschärft. Eine Einschätzung der geplanten Reformen von Manfred Kriener

Die Schockstarre ist beendet. Jetzt heißt es: mehr Transparenz, mehr Kontrollen, neue Gesichter. Nach den beiden heftigen Fleischskandalen im vergangenen Jahr will sich Neuland, der Verein für artgerechte Tierhaltung, personell und strukturell neu aufstellen und seine Richtlinien und Vorschriften verschärfen. Eine extern angesiedelte Warenflusskontrolle, unangekündigte Betriebsinspektionen mit Sanktionsrechten für die Kontrolleure und eine neue Vereinsstruktur sollen helfen, verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Wichtigste Neuerung: Die drei Trägervereine BUND, Deutscher Tierschutzbund und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft wollen ihre Spitzenfunktionäre in den neuen Vorstand von Neuland schicken, um die Geschicke persönlich in die Hand zu nehmen. Damit übernehmen die Träger mehr Verantwortung und geraten bei Skandalen auch direkt in die Schusslinie. Einen Bundesgeschäftsführer soll es künftig nicht mehr geben. Schon vor Monaten hatte Neuland den Vetriebsleiter Nord und den Geschäftsführer von Neuland-Süd gefeuert.

Bild oben: Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, bei einer Neuland-Veranstaltung während der Grünen Woche in Berlin. Er wird in zukünftig im Vorstand von Neuland die Geschicke des Vereins mit in der Hand haben. | © Katharina Heuberger


Etikettenschwindel beim Fleisch

Im vergangenen Jahr hatte Neuland mehrfach für Negativ-Schlagzeilen gesorgt, als durch Zeitungsberichte aufgedeckt wurde, dass falsch deklariertes Fleisch im großen Stil unter dem Neuland-Label verkauft worden war. Wo Neuland draufstand, war kein Neuland drin. Auf einer Pressekonferenz in Berlin stellten der Verein und die drei Trägerverbände jetzt ihre Pläne zur Neuausrichtung vor. Die Mitgliederversammlung am 15. Januar muss diese Weichenstellung aber erst noch absegnen und vor allem den neuen Vorstand wählen.

In langen Krisensitzungen, so berichtete Hubert Weiger, der Chef des BUND, hatte man zwischenzeitlich sogar das Ende für Neuland erwogen. „Es war ein sehr bitteres Jahr für uns!“ Dass man sich dann doch für ein Weiterleben des seit 26 Jahren bestehenden Vereins für artgerechte Tierhaltung entschieden hat, ist sicher die richtige Entscheidung, die Auflösung hätte niemandem geholfen. Jetzt also ein Neustart mit hochkarätigem Personal und strengeren Regeln

Bild oben: Fleisch mit Neuland-Siegel. | © Neuland e. V.

Drohende Verbraucherverwirrung durch neues Siegel

Eine weitere Neuerung klingt allerdings eher seltsam: Neuland will für seine Betriebe das Premium-Tierschutzsiegel des Deutschen Tierschutzverbandes erwerben. Man setzt also auf das eigene Label, das bisher einen guten Ruf und Bekanntheitsgrad hatte, noch ein zweites obendrauf. Die Verwirrung der Verbraucher, denen vor lauter Siegeln und Labeln ohnehin der Kopf raucht, wird dadurch sicher nicht kleiner. Hat man das Vertrauen in die eigene Marke verloren? Vollends unsinnig wird das zweite Label, wenn man weiß, dass der Deutsche Tierschutzbund bei der Formulierung seiner neuen Labelbestimmungen sich wiederum bei Neuland bedient und deren Richtlinien teilweise übernommen hat. Ein hübsches Kuddelmuddel.

Die externe Kontrolle soll künftig mehr Kompetenzen bei der Ahndung von Verstößen und Betrügereien bekommen. Entscheidend wird aber sein, dass die Kontrolleure tatsächlich unabhängig sind. Im Biosektor ist immer wieder eine seltsame Nähe und personelle Verquickung zwischen Kontrollinstanzen und Bioverbänden zu beobachten. Hier muss Neuland Zeichen setzen und tatsächlich eine neue Kontrollkultur etablieren. Unangemeldete Kontrollen sollte man nicht als Errungenschaft auf der Habenseite verbuchen. Sie müssen ganz einfach selbstverständlich sein.


Problematisch: Auch künftig liefern Nicht-Mitglieder Jungtiere

Heikel bleibt der Zukauf von Jungtieren. Vor allem Ferkel und Junghühner müssen offenbar auch künftig aus Betrieben zugekauft werden, die nicht bei Neuland Mitglied sind. Das ist ein Schwachpunkt des Neuland-Konzepts, den man zumindest mittelfristig durch den Aufbau eines „geschlossenen Systems“ beseitigen sollte – so dass endlich auch die Küken- und Ferkelproduktion in eigener Hand liegt. Jetzt sollen die Betriebe, aus denen man zukauft, besonders kontrolliert werden.

Ob die Neuaufstellung von Neuland wirklich Erfolg hat, wird man nicht nur am Ausbleiben von Skandalen messen können. Das wäre zu wenig. Was dem Verein fehlt, ist eine echte Marktoffensive und entsprechende Expansion. Dass Neuland in den 26 Jahren seines Bestehens gerade mal ein Prozent Marktanteil errungen hat, ist eine ziemlich traurige Bilanz. Dies liegt allerdings auch an den Verbrauchern, die nach wie vor nach Preis und Schnäppchenmentalität einkaufen, Hauptsache billig. Die Einbußen, die Neuland nach den beiden Fleischskandalen des Vorjahres erlitten hat, waren indes überraschend moderat. Man ist nochmal glimpflich davongekommen.

Jetzt wird es Zeit, den Skandal zu beerdigen und mit den Trauergästen auf zu neuen Taten zu schreiten. Neuland hat eine zweite Chance verdient, bleibt aber unter strenger Beobachtung.

Bild oben: Ferkel in einem Neuland-Betrieb. | © Neuland e. V.


Mehr Informationen:

Neuland-Interview mit slowfood.de: Wir entschuldigen uns bei allen Verbrauchern

Slow Thema "Tiere in der Landwirtschaft"

www.neuland-fleisch.de


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