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Weinlese: Hitzejahrgang mit Happy End?

22.9.2015 - Schon Ende August, zwei Wochen „zu früh“ begann die Weinlese 2015. Die Sommerhitze hat den Jahrgang geprägt, viele Winzer mussten „Wasser fahren“ gegen Trockenstress. Jetzt liegen kleine Beeren mit wenig Saft, aber hoher Konzentration in den Tragebutten. Von Manfred Kriener.

Der Trockenstress dieses Sommers hat Spuren hinterlassen. In den Eimern und Butten der Lesehelfer sammeln sich kleine Beeren mit geringer Saftausbeute, aber ausgezeichneter Qualität. Die Weinlese 2015 ist in den deutschen Anbaugebieten voll im Gang. Eine erste Zwischenbilanz offenbart einen hitzegeprägten Jahrgang. Viele Winzer mussten im Sommer „Wasser fahren“, damit die Reben nicht schlapp machten. Wenn es jetzt trocken bleibt, könnte der nicht ganz einfache Jahrgang einen versöhnlichen, womöglich sogar großartigen Abschluss finden.

Schon Ende August, zwei Wochen früher als gewohnt, hatte die Weinlese im Badischen begonnen. Gestern war das Weingut Huber in Malterdingen, eine Top-Adresse für Spätburgunder, fast durch. Auch beim Weingut Dr. Heger in Ihringen ist mehr als die Hälfte der Ernte eingefahren. Hegers Önologe Stefan Steinheuer sagt einen außergewöhnlichen Rotwein-Jahrgang voraus. „Hohe Mostgewichte, sehr gute Farbausbeute, kerngesundes Lesegut bei niedrigen Säuren und kleinen Erträgen.“ Dass die deutschen Winzer über zu niedrige Säurewerte klagen, ist ein neues Phänomen, das erstmals 2003 zum Problem wurde. In diesem Jahr sollten die meisten Betriebe allerdings ohne künstliche Nachsäuerung auskommen. Für Säurefreaks wird 2015 sicher nicht der Wunschjahrgang.

Extrem aufwändige Bewässerung

Beinahe euphorisch blickt der sonst eher nüchterne Schwaben-Winzer Gert Aldinger in seine Weinberge bei Fellbach. „Ich bin jetzt 59 Jahre alt, aber ich hab‘ noch nie so schöne Trauben gesehen.“ Seine Reben hätten die teilweise extreme Trockenheit gut überstanden, nur in den Junganlagen, wo die Wurzeln noch nicht tief genug ins Erdreich reichten, habe man teilweise bewässert – „es war extrem aufwändig“, so Aldinger. Jetzt seien die ersten Resultate der 2015er Lese vielversprechend, „das sieht richtig gut aus“.

Die Anbaugebiete Franken, Rheinhessen und die Pfalz melden ebenfalls positive Trends. In Franken, wo es nicht ganz so heiß war, scheinen die Säurewerte „normaler“ auszufallen. Sebastian Fürst, Juniorchef vom Weingut Rudolf Fürst in Bürgstadt, ist ohne Bewässerung durch den Sommer gekommen. Um die Trauben nicht so stark der Sonne auszusetzen, habe man dieses Jahr weniger entblättert. Chardonnay, Früh- und Spätburgunder sind bereits gelesen, „tipptopp“.

Auf die Tube drücken, um die Mostgewichte zu zähmen

Philipp Kuhn will sich in der nördlichen Pfalz mit seinen 25 Lesehelfern beeilen, damit die Mostgewichte nicht zu hoch werden und die Alkoholwerte nach der Gärung nicht über 13 Volumenprozent hinausgehen. Kuhn freut sich über das gute Gerbstoffgerüst seiner Rotweinmoste. Die roten Sorten und der weiße Sauvignon blanc seien überwiegend im Keller, „gesund, mit bester Qualität.“ Jochen Dreißigacker im rheinhessischen Bechtheim taxiert die Mengenverluste durch die dieses Jahr sehr kleinen Beeren auf 20 Prozent. „Dafür ist alles hoch konzentriert.“

Erneut zeigt die aktuelle Lese den Strategiewechsel im deutschen Weinbau. Das Schielen auf möglichst hohe Oechslegrade ist Geschichte. Gerade die Spitzenwinzer kämpfen eher darum, dass die Weine nicht zu alkohollastig werden; sie lesen in heißen Jahren lieber etwas früher. Das Nord-Südgefälle ist dieses Jahr besonders stark ausgeprägt. Während in Baden die Weinlese bereits auf die Zielgerade schwenkt, hat sie in den Riesling-Hochburgen an Mosel, Saar, Rheingau und an der Nahe gerade erst begonnen. Bio-Winzer Clemens Busch meldet von der Mittelmosel: „Die Trauben sehen gut aus, nächste Woche wird bei uns die Hauptlese beginnen.“

Hitze liquidiert die Kirschessigfliege

Noch eine andere beruhigende Nachricht: Der große Störenfried des Weinjahrgangs 2014, die berühmte Kirschessigfliege, ist dieses Jahr kein Thema. Der trocken-heiße Sommer hat die zuvor gefährlich angewachsene Population von drosophila suzukii buchstäblich ausgetrocknet. Eine unter Wissenschaftlern diskutierte Beschallung der Rebzeilen, um das auf akustische Signale angewiesene Liebesspiel der Fliegen zu stören, konnte unterbleiben. Heavy Metall oder Mozart im Weinberg? Vielleicht im nächstem Jahr!

Bild oben: Weinlese in Deutschland. | © Deutsches Weininstitut

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