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Online-Petition: Retten Sie Englands Rohmilch-Stilton!

22.3.2016 - Slow Food startet eine Petition und schafft ein Presidio, um eine der ältesten und edelsten Käsesorten Großbritanniens zu retten - die Rohmilch-Version des Stilton.

Stilton wird derzeit von sechs großen Käserherstellern erzeugt, die die Milch von mehreren Betrieben mischen und über eine Million Laibe pro Jahr erzeugen. Die Rohmilch-Version des Stilton wird derzeit nur von einem Käser, Joe Schneider, erzeugt. Er verwendet lediglich Milch von Kühen seiner eigenen Herde. Sein Rohmilch-Stilton kann jedoch nicht das EU-Gütezeichen "geschützte Ursprungsbezeichnung" (g. U.), erhalten.

"Geschütze Ursprungsbezeichnung" ist eines der drei Siegel der EU für die Qualität landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Lebensmittel, und bedeutet: Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung eines Erzeugnisses in einem bestimmten geografischen Gebiet nach einem anerkannten und festgelegten Verfahren. Da laut dem zugrundeliegenden Protokoll, welches 1996 von der Stilton Cheese Makers Association erstellt wurde, nur pasteurisierte, also erhitzte Milch verwendet werden darf, erscheint der Rohmilch-Stilton auf dem Markt nun unter dem Namen “Stichelton”, dem ältesten aufgezeichneten Namen des Dorfes Stilton. 

Slow Food hat eine Petition gestartet und sich entschieden, ein Presidio zur Rettung der Produktion von Rohmilch-Stilton zu schaffen. Ziel ist es, Schneiders Anfrage an das Konsortium der Käsereien und das britischen Ministerium für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten (DEFRA) zur Änderung des Produktionsprotokolls zu unterstützen, um es Käsern, die Rohmilch verwenden, zu ermöglichen, für das EU-Gütesiegel "geschützte Ursprungsbezeichnung" zertifiziert zu werden.

“Es gibt niemanden mehr, der Rohmilch-Stilton produziert”, so Schneider. “Mir ist bewusst, dass die großen Hersteller die nationale Wirtschaft stützen. Ich finde es jedoch besorgniserrengend, dass Politiker nur an den Belangen der großen Betriebe interessiert sind und an die kleinen Betriebe keinen Gedanken verschwenden. Diese geschützte Ursprungsbezeichnung gehört der britischen Bevölkerung sowie den Europäern und nicht den großen Unternehmen.”

Beteiligen Sie sich mit Slow Food und Joe Schneider an der Rettung des Rohmilch-Stiltons, mit Ihrer Unterschrift in der Petition zur Änderung des Produktionsprotokolls. Die Petition wird der Stilton Cheese Maker Association und dem britischen Ministerium für Landwirtschaft und Lebensmittel (DEFRA) vorgelegt werden.


"Wir verlieren einen Teil unseres landwirtschaftlichen und kulinarischen Erbes!"

Shane Holland, Vorsitzender von Slow Food in Großbritannien, bestätigt: “Es ist von entscheidender Bedeutung, das Stilton-Protokoll so zu ändern, dass auch bei der Verwendung von Rohmilch das EU-Gütesiegel 'geschütze Ursprungsbezeichnung' erworben werden kann und somit den vollen geschmacklichen Ausdruck eines Käses zu ermöglichen, der so seit Jahrhunderten hergestellt wird. Traditionelle Methoden und Rezepte derartig zu beschränken bedeutet, einen Teil unseres landwirtschaftlichen und kulinarischen Erbes zu verlieren - dadurch werden wir ärmer.”

Piero Sardo, Vorsitzender der Slow Food Stiftung für biologische Vielfalt: “Einerseits gibt es Menschen, die behaupten, dass industrielle Produktion ein Garant für Hygiene, niedrige Preise, eine große Produktvielfalt und Geschmackskontinuität ist. Auf der anderen Seite gibt es jene, für die dieses System eine erniedrigende Homogenisierung des Geschmackes, ein Verlust von Artenvielfalt und einen dramatischen Rückgang von traditionellen Fertigkeiten darstellt. In pasteurisierter Milch gibt es nichts 'Lebendiges' mehr, um sie zu Käse zu verarbeiten müssen Enzyme hinzugefügt werden, sonst würde das Lab nicht mehr arbeiten. In den letzten Jahren hat sich in einigen Ländern unter anspruchsvollen Verbrauchern ein großes Bewusstsein zu dem sozialen und kulturellen Wert von Rohmilchkäsen gebildet.”

Großbritannien ist eines der Länder, die am hartnäckigsten auf die Verwendung von pasteurisierter Milch in ihren Produktionsprotokollen für das EU-Gütezeichen "geschütze Ursprungsbezeichnung" beharren (im Verhältnis zur Gesamtzahl von Erzeugnissen): fünf von den zehn britischen Käsesorten mit diesem Gütezeichen verlangen die Verwendung von pasteurisierter Milch, während vier Protokolle beide Techniken - Rohmilch oder pasteurisierte Milch - erlauben und nur eines, welches unpasteurisierte Milch erfordert, das für den Bonchester Käse. Mit seiner Strategie stellt sich Großbritannien gegen den Trend - Länder wie Frankreich, Italien, Portugal oder die Schweiz verlangen die Verwendung von Rohmilch in einem Großteil ihrer Käsesorten mit der Zertifizierung "g. U.".

Slow-Food-Engagement für Rohmilch-Käse

Slow Food setzt sich seit Jahren für Rohmilchkäse ein und hat mehr als 80 Presidi geschaffen, um traditionelle Rohmilchkäse zu fördern, viele von ihnen sind gleichzeitig für die EU-Produktbezeichung "geschützer Ursprung" zertifiziert. In vielen Fällen existieren Presidi und geschützte Ursprungsbezeichnungen in friedlicher und profitabler Koexistenz. So zum Beispiel der Emmentaler in der Schweiz oder der Piacentinu Ennese auf Sizilien.

Schaut man auf die europäischen Produkte, die das Zeichen "geschützer Ursprung" tragen dürfen, wird deutlich, dass 39 Prozent der Produktionsprotokolle die Erzeuger verpflichten,  Rohmilch zu verwenden und lediglich acht Prozent der Protokolle verlangen, die Milch vor der Verwendung zu pasteurisieren. Bei 53 Prozent der Käsesorten gibt es jedoch keine konkreten Vorschriften zur Wärmebehandlung der Milch. Diese Lücke scheint der industrielle Produktion mit pasteurisierter Milch und ausgewählten Enzymen Tür und Tor öffnen zu wollen.

Unterschreiben Sie hier die Slow-Food-Petition

Quelle: Pressemeldung von Slow Food International vom 21. März 2016

Foto oben: ©  Slow Food Archiv

Mehr Informationen:

Slow Food Presidio: Rohmilch-Stilton

Slow Food Presidio: Emmentaler

Slow Food Presidio: Piacentinu Ennese

Slow-Food-Monitor für biologische Vielfalt (Englisch)

Slow Thema: Milchvielfalt

EU-Gütezeichen für landwirtschaftliche Produkte und Lebensmittel


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