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Sortenvielfalt und Zero-Waste: zwei Vorzeige-Betriebe in Schleswig-Holstein

4.11.2016 - Am 27. Oktober 2016 fand im Rahmen der „Zu gut für die Tonne“-Aktionstage die Veranstaltung „Kiel rettet Lebensmittel“ statt. Im Vorfeld dieser Aktion wurde eine von Slow Food Deutschland e. V. und dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) organisierte Erntetour auf zwei exemplarischen Höfen in Schleswig-Holstein durchgeführt, die bereits das Konzept einer zukunftsfähigen Landwirtschaft umsetzen. Die Teilnehmer der Erntetour konnten anhand eines direkten Vergleichs erfahren, wie intensiv und einzigartig alte Sorten schmecken und im Gespräch mit Landwirten erfahren, warum nur noch sehr wenige Betriebe diese Sorten anbauen. Ein Bericht von Sharon Sheets, Slow Food Deutschland.

Die Mengen an Gemüse, die von Landwirten wegen ästhetischen 'Mängeln' wie Knubbeln oder schwarzen Stellen nicht vermarktet werden können und daher oft gleich auf dem Feld liegen blieben statt geerntet zu werden, sind enorm. Schon am Anfang der Lebensmittelkette - auf dem Acker - hat die Lebensmittelverschwendung somit ein für alle beschämendes Ausmaß angenommen, obwohl dieses verwachsene Gemüse geschmacklich einwandfrei und nahrhaft ist und zudem vielleicht sogar noch spannend aussieht, denn wer mag keine herzförmige Kartoffel? Deshalb bot sich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erntetour diesmal eine ganz besondere Erfahrung: Sowohl der SoLaWi-Hof „Wilde Kost“ in Blunk als auch der Hof Wittschap in Kiel widmen sich noch dem Anbau alter Sorten und haben sehr innovative Wege gefunden, um ihre Lebensmittelverschwendung auf dem Acker auf Null zu reduzieren. Damit wirtschaften sie auf ökologisch nachhaltige Weise und gehen als Leuchttürme einer enkeltauglichen Landwirtschaft mit gutem Beispiel voran.

Im Bild oben: Dass es nicht nur rote Beete gibt, zeigte der Besuch bei Hof Wittschap im Rahmen der Slow-Food-Erntetour. | © Ingo Hilger


Schleswig-holsteinisches Paradies für Karottenvielfalt

Bei der SoLaWi „Wilde Kost“ in Blunk kamen die Teilnehmer der Erntetour in den Geschmack einer für die meisten noch nie gesehenen Karottenvielfalt. Das spezielle Angebot auf dem Hof ist selbst für den Sonntagsmarkt eine Seltenheit denn verkostetwurden die seltenen ökologischen Karottensorten 'Milan' und 'Fine' von Bingenheimer Saatgut, sowie die alten Sorten Maruschka und Gochsheimer Gelbe. „Samenfest“ bedeutet, dass sie sich zur Erzeugung und Vermehrung eigenen Saatguts eignen. „Hmm lecker“, die Teilnehmer zeigen sich begeistert: Alle vier Karotten haben einen herausragenden Geschmack, aber die zwei alten Sorten setzen sich zudem bzgl. Farbe und Form stark ab. Sie entsprechen nicht der gängigen Möhrenform, sondern sehen sehr besonders aus - sind sehr dick und statt orange sind sie jeweils weiß bzw. gelb-, und schmecken auch viel intensiver.

Warum findet man sie also weder im Supermarkt und nur noch sehr selten auf dem Markt? Auf diese Frage von Seiten der Teilnehmer ging Landwirtin Anja Christiansen ein: Leider ist es so, dass alte Sorten immer mehr von der Lebensmittelindustrie ersetzt wurden, weil sich ihre Unförmigkeit nicht für die maschinelle Ernte oder Weiterverarbeitung eignet. Gleichförmig und konform müssen angebaute Sorten heute für die maschinelle Verarbeitung sein. Da fallen Karotten wie die Maruschka und Gochsheimer Gelbe oder der Spitzkohl schnell raus, und das auch bei Biobauern, die größere Flächen bewirtschaften.

Im Bild oben: Landwirtin Christiansen von der SoLaWi „Wilde Kost“ stellt vier verschiedene Karottensorten vor, darunter die alten Sorten Maruschka und Gochsheimer Gelbe. | © Ingo Hilger

Zero-Waste dank SoLaWi

Landwirtin Christiansen baut alte Sorten wie die Maruschka und Gochsheimer Gelbe noch an, weil auf dem Hof sowieso noch per Hand geerntet wird denn hier gilt: Geschmack statt Masse. Durch das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft wird nämlich garantiert, dass die Arbeit der SoLaWi „Wilde Kost“ gesichert ist und auch fair entlohnt wird. Gleichzeitig ist die Abnahme von Lebensmitteln nicht den Marktnormen unterworfen, was ermöglicht, dass knubbeliges und verwachsenes Gemüse nicht auf dem Acker liegen bleibt sondern auf dem Teller statt in der Tonne landet. Das Thema Lebensmittelverschwendung ist der SoLaWi „Wilde Kost“ sowieso fremd, denn die Produktionsmenge ist direkt mit der Abnahmemenge harmonisiert. So produziert Christiansen eher zu wenig als zu viel: Es gibt schon eine lange Warteliste von Verbrauchern, die auch gerne einen Anteil der SoLaWi kaufen würden. Alles ist hier im Einklang mit der Natur abgestimmt und nach dem Zero-Waste-Prinzip wird hier diesen Herbst als Premiere noch ein weitere Schritt umgesetzt: Der Grünschnitt aus umliegenden Hausgärten und dem eigenen Betrieb wird nun für die Beheizung des Gewächshauses im Winter genutzt werden.


Dürfen es rote, gelbe, weiße oder lieber bunte Beete sein?

Haben Sie schon mal von gelber, weißer oder bunter Beete gehört? Nein? Dann geht es Ihnen wie den meisten Verbrauchern und auch den Teilnehmern der Slow-Food-Erntetour. Das ist auch gar kein Wunder, denn selbst größere Biobetriebe züchten auf Masse und widmen sich neben dem Verzicht auf Pestizide und Herbizide nur selten alten Sorten. Schade, denn sie schmecken nicht nur gut, sondern sind im Vergleich zu Hybridpflanzen auch noch samenfest. Genau aus diesem Grund war die Erntetour auf dem Hof Wittschap in Kiel ein Volltreffer: Die meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Erntetour kannten nur rote Beete, und so eröffnete sich für sie beim ernten eine bisher unbekannte Farbenvielfalt verschiedener Beetesorten: Von der roten, gelben, weißen bis zur bunten Beete war alles vertreten und wurde für die Suppe für die Aktionstage „Zu gut für die Tonne Kiel“ mitgenommen. Ganz ähnlich sah es auch mit der Sortenvielfalt von Kürbissen und anderem Wintergemüse aus. Die Teilnehmer waren zum Beispiel begeistert zu sehen, welch eine Farben- und Formpracht es noch bei Kürbissen gibt, auch wenn sie uns als Verbrauchern leider oft vorenthalten bleibt und wir nur einige wenige und immer gleiche Sorten zu Gesicht bekommen.

Im Bild oben: Slow-Food-Vorstandsmitglied Frederick Schulze-Hamann mit frisch geernteter Beete. | © Ingo Hilger

Mit mobilem Hühnerstall gegen Lebensmittelverschwendung

Der Besuch bei Hof Wittschap war nicht nur interessant, um mehr über alte Sorten zu erfahren, sondern vor allem auch, weil Lebensmittelverschwendung auch hier gänzlich vermieden wird. Das hier angewendete Konzept beruht vor allem darauf, dass alles, was nicht vermarktet werden kann auf dem Acker liegen bleibt und dann anschließend von den Hühnern abgefressen wird. Denn ein sogenannter „mobiler Hühnerstall“ wandert regelmäßig von einer Fläche zur nächsten, womit die Nachernte von den Hühnern übernommen wird. So spart sich der Landwirt Arbeit und verhindert gleichzeitig Lebensmittelverschwendung. Wenn Mangold zum Beispiel Mehltau gebildet hat und nicht zum Verkauf abgeerntet werden kann, kommen die Hühner gerne, fressen alles ab und sind dabei auch noch glücklich. So wird in Kreisläufen gewirtschaftet und Ressourcen werden optimal genutzt.


Food Heroes

Nach Einschätzung der Welternährungsorganisation FAO gingen innerhalb des letzten Jahrhunderts 75 Prozent der um 1900 noch verfügbaren Sortenvielfalt verloren. Das industrielle Lebensmittelsystem hat schon jetzt das Verschwinden vieler alter Nutztierrassen und Sorten als Tribut gefordert, da diese unter dem Wachse-oder-weiche-Dogma nicht bestehen konnten. Für das industrielle Lebensmittelsystem bieten sich nur Sorten an, die komplett maschinell bearbeitet werden können und auch einen hohen Grad an Beständigkeit im Aussehen aufweisen und so ist Einförmigkeit die Devise der Lebensmittelindustrie. Schade, denn so gehen nicht nur eine unglaubliche Geschmacks-, Sorten- und Farbenvielfalt verloren, sondern auch die vielen Vorteile, die sich durch den Anbau regionaltypischer, alter Sorten ergeben.

Genau deshalb schätzen wir als Slow Food Deutschland e. V. die Arbeit von Erzeugern wie Anja Christiansen von der Wilden Kost und Christmut Anders vom Hof Wittschap so hoch. Sie sind wahre „Food Heroes“, denn sie setzen sich mit Leib und Seele für eine nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln ein, arbeiten auf ressourcenschonende Weise, vermeiden Verschwendung und bringen den Lebensmitteln die Wertschätzung gegenüber, die ihnen gebührt. Vor allem aber schützen sie trotz einem Mehraufwand an Arbeit die geschmackliche Einzigartigkeit und die Regionalität alter Sorten.

Im Bild oben: Teilnehmer betrachten die Kürbisvielfalt auf dem Hof Wittschap. | © Ingo Hilger


Wie können auch Sie an solche wohlschmeckenden Sorten kommen und damit zum Erhalt der biokulturellen Vielfalt beitragen?

Schauen Sie sich doch zum Beispiel nach einer SoLaWi (solidarische Landwirtschaft) in Ihrer Umgebung um, oder wenden Sie sich mit Fragen an ein Slow Food Convivium in Ihrer Nähe. Sicherlich können Sie hier Insider-Tipps zu guten Bezugsquellen regionaler Produkte bekommen.

Mit der Arche des Geschmacks schützt Slow Food außerdem vom Aussterben bedrohte Nutztierarten, Kulturpflanzen und handwerkliche Lebensmittel. Auf unserer Homepage sind diese aufgelistet und jeweils mit Bezugsquelle genannt, vielleicht ist ja auch hier etwas für Sie dabei: Biokulturelle Vielfalt - Arche-Passagiere

Im Bild oben: Kölner Palm, ein hasenohriger, robuster Feldsalat vom Kölner Vorgebirge. Er wurde in diesem Jahr in die Arche des Geschmacks von Slow Food Deutschland als Passagier aufgenommen. | © Cornelia Cölln




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