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BÖLW-Tagung: Landwirtschaft und Klimaschutz

16.11.2016 - Die UN-Klimakonferenz debattiert derzeit in Marrakesch. Die Rolle der Landwirtschaft, einer der wichtigsten Klimaveränderer weltweit, wird dort jedoch kaum thematisiert. Warum dies ein schwerer Fehler ist, zeigte eine Tagung des Bunds für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) in Berlin am 9. November auf. Ein Bericht von Sharon Sheets, Slow Food Deutschland.

Die Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention tagen vom 7. bis 18. November 2016 für die UN-Klimakonferenz COP22 in Marrakesh, Marokko. Bei COP21 wurde letzten Winter in Paris das erste Klimaschutzabkommen vereinbart, das alle Industrieländer zur Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes verpflichtet. Bei COP22 soll es nun um das Erreichen dieser Ziele gehen. Slow Food und andere Organisationen, wie der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), haben indes kritisiert, dass die negativen Folgen der Landwirtschaft auf das Klima im Rahmen der UN-Klimadiskussionen kaum Beachtung findet. Deshalb ging es bei der BÖLW-Herbsttagung "Agriculture please! Warum man die Klimakrise nicht ohne die Landwirtschaft lösen kann" am 9.11. in Berlin darum herauszustellen, warum die Landwirtschaft ein bedeutender Mitverursacher des Klimawandels ist und dass man aus diesem Grund eine Systemveränderung in der Nahrungsmittelproduktion anstreben muss, um die Klimakrise nachhaltig zu überwinden. In diesem Sinne kann eine zukunftsfähige Landwirtschaft auch substantiell zur Lösung der Klimakrise beitragen.

Bild oben: Mehr als 200 Staaten diskutieren in Marrakesch über die Folgen des Klimawandels und Gegenmaßnamen. Die industrielle Landwirtschaft ist einer der Hauptverursacher der Klimaveränderung weltweit. | ©  Katharina Heuberger


Landwirtschaft als Opfer, Auslöser oder Lösung der Klimakrise?

Dass die Beziehung von Landwirtschaft und Klima wechselseitiger Natur ist wurde bei der BÖLW-Herbsttagung bereits in der Auftaktrede von Felix Prinz zu Löwenstein, BÖLW-Vorsitzender, verdeutlicht. So führte er einige Beispiele an, welche untermalen, dass die Landwirtschaft schon in vielen Teilen der Erde dem Klimawandel zum Opfer fällt und gefallen ist. Dies betrifft z. B. die Taifunopfer auf den Philippinen, denen von heute auf morgen die landwirtschaftliche Einkommensquelle und damit jegliche Lebensgrundlage genommen wurde. Entsprechende Klimakatastrophen häufen sich und viele landwirtschaftliche Betriebe überall auf der Welt fallen ihnen zum Opfer. Besonders dramatisch ist, dass die Betroffenen nicht die Einwohner der verursachenden Industrienationen sind, sondern meistens diejenigen, die sowieso schon mit Armut und Hunger zu kämpfen haben. Um weitere noch schwerwiegendere und häufigere Folgewirkungen zu vermeiden, muss es aber nun in Marokko und jeweils auf nationaler Ebene um die konkrete Umsetzung eines Aktionsplans zum Erreichen der Klimaziele gehen.

Slow Food ist ganz bei Prinz zu Löwenstein, wenn er sagt, dass über die drei Rollen der Landwirtschaft beim Klimathema gesprochen werden muss: als Täter, als Opfer und auch als Beitrag zur Lösung der Klimakrise. Deutschland verhält sich derzeit schizophren: Vorbildlich den Klimavertrag zu ratifizieren, ist eine Sache, bei der Umsetzung der ambitionierten Ziele des Klimavertrags sieht das Engagement der Bundesrepublik aber anders aus: An verbindlichen Zielen und konkreten Maßnahmen lässt es im Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung in allen Sektoren vermissen. „Dass der Klimaschutzplan von Umweltministerin Hendricks ein zahnloser Tiger ohne das notwendige Transformationspotential ist und möglicherweise nicht in Marokko vorgelegt werden kann, zeigt, dass bei der konkreten Umsetzung der Pariser Klimaziele aus der Vorreiterrolle Deutschlands nun eine Rolle rückwärts wird“, so Prinz zu Löwenstein.

Bild oben: Ein afrikanischer Bauer wässert sein Feld. | ©  Slow Food Archiv

Treibhausgase aus der Landwirtschaft

Laut der BÖLW-Infobroschüre Nachgefragt: 28 Antworten zum Stand des Wissens rund um Öko-Landbau und Bio-Lebensmittel von 2012 ist „die Landwirtschaft bedeutende Mitverursacherin des Klimawandels. Sie setzte in Deutschland 2005 insgesamt 108 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente an Treibhausgasen und damit 6,3 Prozent aller CO2-Emissionen (weltweit 13 Prozent) frei. Wird die Erzeugung von Betriebsmitteln (vor allem chemisch-synthetisch hergestellte Stickstoffdünger und Pestizide) hinzugezählt, steigt der Anteil der deutschen Landwirtschaft an Treibhausgas-Emissionen auf rund 16 Prozent und mit Landnutzungsänderungen, wie zum Beispiel der Regenwaldabholzung, sogar auf rund 30 Prozent“ (S. 50).

Obwohl die Landwirtschaft mitunter ein Hauptemittent von Treibhausgasen wie Methan, Lachgas und Kohlenstoffdioxid ist, gibt es aktuell keine Begrenzungen für entsprechende Emissionen und somit auch keinen Anreiz, den eigenen industriellen oder privaten Verbrauch zu drosseln. Hermann Lotze-Campen, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, bemerkte deshalb, dass es dringend an Regulierungen zur Begrenzung der negativen, externen Effekte der Landwirtschaft bedürfe: Neben den Treibhausgas-Emissionen geht es besonders um Gewässerbelastung durch Nitrat, Luftverschmutzung, Bodendegradation, Biodiversitätsverlust und die Übernutzung von Grundwasserressourcen.


Die Art der Landwirtschaft und des Konsums entscheidet

Die negativen Auswirkungen von herkömmlichen landwirtschaftlichen Methoden auf Boden, Wasser und Agrarbiodiversität können nur reduziert werden, wenn wir uns von der intensiven Tierhaltung und der industriellen Nahrungsmittelproduktion zu Gunsten eines zukunftsfähigen Systems verabschieden. Hier geht es einmal um die politische Bereitschaft zum Beispiel nun endlich eine neue Düngeverordnung durchzusetzen und den ökologischen Landbau in den Fokus zu nehmen, welcher sich positiv auf den Erhalt der biologischen Vielfalt wie auch der Böden u. v. m. auswirkt.

Auf der anderen Seite sind auch die Verbraucher aufgefordert ihren Fleischkonsum zu verringern: Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass „über zwei Drittel der landwirtschaftlichen Triebhausgase aus der Tierhaltung stammen“ (BÖLW 2012). Diese Gase – allen voran Methan - entstehen vor allem bei der Verdauung von Wiederkäuern. Eine ausgewogene Ernährung mit reduziertem Fleischkonsum – was sowieso von der deutschen Gesellschaft für Ernährung angemahnt wird – hilft folglich das Klima zu schützen. Wenn man man zudem bei tierischen Produkten auf die Herkunft aus artgerechter Tierhaltung und möglichst Freilandhaltung achtet, dann trägt man als Verbraucher weiterhin dazu bei, dass Massentierhaltung in unserer Gesellschaft ein Auslaufmodell wird. Wir alle tragen dementsprechend mit unseren Kaufentscheidungen Tag für Tag dazu bei, dass ein System gefördert und das andere ausgeschlossen wird.

Bild oben: In einem gesunden Boden leben bis zu 600 Regenwürmer pro Quadratmeter. | ©  Katharina Heuberger

Benachteiligung nachhaltig wirtschaftender Betriebe

Abschließend bleibt zu sagen, dass diejenigen, die sowieso schon ökologisch nachhaltig produzieren und wirtschaften nicht weiterhin durch die Verantwortungslosigkeit großer, industrieller Betriebe benachteiligt werden dürfen. Wie das Beispiel der EU-Nitratverordnung verdeutlicht, an die sich Deutschland schon seit 1991 nicht hält, bedarf es dringend eines Klimaschutzplans, der politische Maßnahmen implementiert, kontrolliert und notfalls auch mit Strafzahlungen durchsetzt. Auch Bärbel Höhn, MdB Bündnis 90/Die Grünen, bezeichnete es als dramatisch, dass der Klimaschutzplan von Umweltministerin Hendricks noch nicht durchgekommen sei. Das Klimaabkommen von Paris sei 2015 zwar verabschiedet worden, aber bei der Umsetzung gäbe es wenig Fortschritte. Fest steht: Wenn wir so weiter machen wie bis jetzt, werden wir die selbstgesteckten Ziele nicht erreichen und das angestrebten Ziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung wird unerreichbar bleiben.


Mehr Informationen: 

Klimawandel: Slow Food fordert Wende bei EU-Fleischpolitik

Slow Food Positionen zur EU-Agrarpolitik

Slow Food Positionen zur Tierhaltung in der Landwirtschaft

Die Arche des Geschmacks

Publikationen: Fleischatlas 2014


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