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Interview: "Letztlich kommt uns billig teuer zu stehen.“

5.10.2016 - Ein Liter Milch für 50 Cent, ein Kilo Hühnerfleisch 2,60 Euro und Schweinefleisch das Kilo zu 6,50 Euro – wir Deutschen leisten uns die billigsten Lebensmittel in Europa. Aber zu welchem Preis? Interview mit Anita Idel, Tierärztin und Slow-Food-Mitglied, geführt von Susanne Stockmann, tz München.

Das Aktionsbündnis Artgerechtes München, das von den Machern des Münchner Tollwood-Festivals ins Leben gerufen wurde, hat an der Uni Augsburg eine Studie in Auftrag gegeben, um die versteckten Kosten der industriellen Massentierhaltung zu erforschen. Das Ergebnis wurde auf einer Pressekonferenz in München vorgestellt. Dort warnte die Tierärztin, Anita Idel: „Billig ist nur scheinbar billig. Die wahren Kosten eines Produktes, also die Auswirkungen auf Umwelt, Boden, Wasser, Luft, den Tierschutz und die soziale Situation sowie die Gesundheit der Menschen finden sich in diesem Preis nicht wider. Wir sollten wissen: Letztlich kommt uns billig teuer zu stehen.“

Bild oben: Ein Gegenmodell zur industriellen Massentierhaltung - ganzjährige Bio-Freilandhaltung von Schweinen auf dem Bio-Freilandgemüse-Betrieb von Heinrich Jung in Norwegen. |  © Anita Idel

Preiswerte Lebensmittel werden auch zulasten der Tiere produziert. 

Idel: Am Anfang stehen die Zuchtziele: Hochleistung. Entzündungen von Eutern, Eileitern und Gelenken gelten heute als Berufskrankheit der Tiere. Diese Entwicklung passierte nicht zufällig, sondern sie geschah und geschieht zielgerichtet. Es geht um die Interessen der Industrie in der Landwirtschaft. Es wird ja viel weniger in der Landwirtschaft als an der Landwirtschaft verdient. Die Bauern werden zerrieben: Auf der einen Seite die vorgelagerte Industrie, vor allem die chemische Industrie, die synthetischen Stickstoffdünger, Pestizide, Antibiotika und zunehmend auch Saatgut verkaufen will. Auf der anderen Seite machen weiterverarbeitende Industrie und Lebensmittelhandel Druck.

Manchmal dringt etwas davon an die breite Öffentlichkeit, wie bei der Diskussion um die Milchpreise. Preise, die noch nicht einmal 50 Prozent der Kosten einspielen, die notwendig wären, um einen Betrieb auf Dauer (!) erhalten zu können. Das geht auf Kosten der menschlichen und der Tiergesundheit. Hochleistungs-Tiere werden der Weide entfremdet, weil sie intensiv gefüttert werden. Über 70 Prozent der in der EU-Landwirtschaft verfütterten Proteine stammen aus Importen, überwiegend aus Südamerika. Der Urin und der Kot, den die Tiere mit diesem Futter produzieren, müsste eigentlich in die Böden Südamerikas zurück. Dort fehlen die Nährstoffe, wir haben hier zu viel davon.

Warum gibt es so wenige konkrete Daten?

Wir können nur finden, wenn und was wir suchen. Ein Beispiel: Jahrelang haben wir darauf gedrungen, die Auswirkungen des massenhaften Antibiotika- Einsatzes in der Tierhaltung auf Böden und Gewässer zu untersuchen. Es hieß immer: Die Tiere scheiden keine wirksamen Medikamente aus, da muss man nichts untersuchen. Als es Jahre später endlich Studien gab, war das Entsetzen groß, dass bis zu 30 Prozent der Medikamente in wirksamer Form aus den Tieren wieder rauskamen. Aber dann hat man immer noch nicht die Folgen im Boden untersucht, sondern lediglich nach wirksameren Medikamenten geforscht.

Häufig wird sehr einseitig geforscht, sodass Zusammenhänge übersehen werden: So wird die Kuh als Klima-Killer wahrgenommen, wenn nur Emissionen berechnet werden. Häufig sind es zu kurze Zeitspannen, die in der Forschung zu Fehlschlüssen führen – auch dafür ein Beispiel: Eine Studie für das Bundeslandwirtschaftsministerium kam kürzlich zu dem Schluss, die ökologische Landwirtschaft sei weniger produktiv als die konventionelle und daher nicht flächendeckend zu empfehlen. Aber intensive landwirtschaftliche Produktion zerstört auf Dauer die lebensnotwendigen Ressourcen. Jeder Vergleich mit einem System, das nicht auf Dauer möglich ist, führt zwangsläufig zu falschen Schlüssen und ist deshalb unlauter.

Was muss anders werden?

Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Die Wissenschaft wird überwiegend auf „weniger vom Schlechten“ beschränkt, also weniger Antibiotika, weniger Pestizide. Aber das ändert nichts an unserem kranken Agrarsystem. Wir brauchen eine ökologische Agrar(r)evolution. Je mehr Menschen auf der Welt leben, desto wichtiger werden fruchtbarer Boden, der Wasser speichern kann, und die biologische Vielfalt. Dazu brauchen wir das Rind genauso wie Bienen und andere Bestäuber oder den Regenwurm. Die Antwort auf alle Probleme ist immer die Gleiche: Wir müssen denken und handeln in fruchtbaren Landschaften und so die Landwirtschaft ökologisieren. Es gibt den klugen Satz: Entweder wir ernähren uns in Zukunft ökologisch oder gar nicht mehr.

Quelle: Interview mit Anita Idel in der tz vom  21. September 2016. Das Gespräch führte Susanne Stockmann (tz).


Die Tierärztin, Mediatorin und Lead-Autorin im Weltagrarrat Anita Idel sprach bei der Vorstellung der Studie. Idel engagiert sich auch bei Slow Food Deutschland, unter anderem als Mitglied in der Arche-Kommission. Die Arche des Geschmacks ist ein internationales Projekt der Slow Food Stiftung für Biodiversität. | © Andreas Schölzel


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