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95 Thesen für Kopf und Bauch: Aktionstag in Heilbronn

8.11.2017 – Slow-Food-Aktivisten haben zum bundesweiten Reformationstag die „95 Thesen für Kopf und Bauch“ von Slow Food Deutschland und Misereor in Heilbronn am Bauzaun der Kilianskirche aufgehängt. Auf zehn großen Bannern werden die Missstände im Umgang mit Lebensmitteln angeprangert. Der Schulterschluss der evangelischen, katholischen und evangelisch-methodistischen Kirchengemeinden für eine gemeinsame Sache ist in Heilbronn eine Premiere.

„Diese Aktion ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Ökumene funktioniert und eine gemeinsame Stimme Voraussetzung für die Reformation unseres Ernährungssystems ist“, sagt Rupert Ebner, Vorstand Slow Food Deutschland e. V. Slow Food Deutschland und Misereor haben bewusst das Reformationsjahr genutzt, um gemeinsam die 95 Thesen zu veröffentlichen und den gesamtgesellschaftlichen Dialog zu mehr Nachhaltigkeit bei Produktion, Handel und Genuss von Lebensmitteln zu unterstützen und zu vertiefen. Beide Organisationen nutzen das wachsende Interesse vieler Konsumenten, wissen zu wollen, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie hergestellt werden und welche Auswirkungen die Produktionsweise ihres Essens auf Mensch, Tier und Umwelt hat.

Bild oben: Die Thesen machen die nächsten Wochen Verbraucher in der Innenstadt von Heilbronn auf die Reformbedürftigkeit unseres Ernährungssystems aufmerksam.

Neues Stadtgespräch in Heilbronn

Das Slow Food Convivium Heilbronner Land nahm diese Initiative zum Anlass, um zum ersten Thesenanschlag überzugehen. Denn der Heilbronner Raum ist beispielhaft für die moderne Lebensmittelindustrie. Relevante industrielle Hersteller wie Unilever/Knorr und Campina sowie große Händler wie Lidl und Kaufland haben hier ihren Sitz und zählen zu den großen Arbeitgebern. Damit wiegt die ernährungspolitische Verantwortung der Region schwer. „Die Idee des Thesenanschlags war in der Theorie schnell geboren, der Umsetzung jedoch lagen zunächst einige Steine im Weg“, so Heinrich Leutenberger, Leiter des Slow Food Convivivums Heilbronner Land. Geplant war es, die Banner mit den 95 Thesen am Deutschordensmünster St. Peter+Paul und der Kilianskirche entlang der Kirchbrunnenstraße anzubringen. Dafür jedoch erteilte die Stadt keine Genehmigung. Der Kompromiss zeigt sich jetzt am Bauzaun entlang der Kaiserstraße und wandert von dort in knapp zwei Wochen Richtung Kirchbrunnenstraße mit Blick auf die Fußgängerzone. Damit ist Heilbronn die erste Stadt in Deutschland, in der alle 95 Thesen im städtischen Zentrum publik gemacht werden.


Ein Gemeinschaftswerk

Das Anbringen der Thesen ist ein Gemeinschaftswerk, welches am Samstagmorgen stattfand: Heinrich Leutenberger zog gemeinsam mit seinem Stellvertreter Ingo Willhauk sowie Rupert Ebner (Vorstand Slow Food Deutschland), Tilmann Sticher (Pastor evangelisch-methodistische Kirche Heilbronn), Carsten Wriedt (Diakon Katholische Kirche St. Peter und Paul Heilbronn), Alexandra Winter (Pfarrerin Citykirche und Evangelische Erwachsenenbildung Heilbronn), Hannes Finkbeiner (1. Vorsitzender Kirchengemeinderat der Kilianskirche) und Bärbel Sticher (Leiterin des Eine Weltladen) vor die Tore der Kilianskirche. Die Stimmung unter den Akteuren war spürbar ausgelassen trotz der Tragweite des Themas. „Ich finde es klasse, dass wir mithilfe der Thesen inmitten der Heilbronner Innenstadt die Leute anstupsen und zum Nachdenken anregen können. Die Thesen sind kurz und knapp, lassen sich auf einen Blick erfassen und wirken bei den Bürgern nach, da bin ich mir sicher“, so Alexandra Winter.

Einig sind sich die Anwesenden vor allem darüber, dass es ein gesamtgesellschaftlicher und damit auch konfessionsübergreifender Auftrag ist, allen Menschen Zugang zu guten, sauberen und fairen Lebensmitteln im Sinne der Slow-Food-Philosophie zu ermöglichen. „Es geht darum, Verteilungsgerechtigkeit herzustellen und die Menschen zugleich wieder an die Herstellungsprozesse ihrer Lebensmittel sowie an traditionelle Rezepte und Zubereitungen heranzuführen“, so Rupert Ebner. Slow Food ist genau darum bemüht: Wissen rund ums Essen als Alltagskompetenz aufzubauen. Denn Verbraucher, die wissen, welches Lebensmittel wann Saison hat und aus ihrer Region stammt, können sich auch mit moderaten Budgets genuss- und verantwortungsvoll ernähren. „Menschen müssen auch wieder ein Gefühl für faire Lebensmittelpreise bekommen“, so Andrea Lenkert-Hörrmann, Projektbeauftragte von Slow Food Deutschland. Fair der Umwelt und den Erzeugern gegenüber: Kann das, was im Supermarkt günstig verkauft wird, auch wirklich so günstig hergestellt werden? Oftmals sind die Preise externalisiert: Schäden, die durch industrielle Produktionsprozesse z. B. im Boden angerichtet werden, sind im Preis des Lebensmittels nicht einkalkuliert. In dem Fall nämlich müssten die Verbraucher deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Während der Heilbronner Diskussionsrunde wurden auch Herausforderungen, von denen konkret die Heilbronner betroffen sind, angesprochen. Eines der großen Themen ist die Müllvermeidung der sogenannten To-Go-Mentalität. Carsten Wried, Diakon der St. Peter und Paul Kirche, verweist auf die Berge an Plastiktellern und Bechern, welche die Kirchentreppen „schmücken“ und wünscht sich dazu einen Dialog mit der Stadt und den jeweiligen Anbietern einer solchen Fast-Food-Kultur. Das Thema über gute, regional erzeugte Lebensmittel im Dialog mit der Stadt, soll sich spätestens mit der Buga 2019 fortsetzen.

Bild oben: Zufriedene Gesichter bei den Akteuren der Heilbronner Aktion (v.l.n.r.): Tilmann Sticher (Pastor evangelisch-methodistische Kirche Heilbronn), Heinrich Leutenberger (Conviviumleiter Heilbronner Land), Carsten Wried (Diakon Katholische Kirche St. Peter und Paul Heilbronn), Ingo Willhauk (stellvertretender Conviviumleiter Heilbronner Land), Bärbel Sticher (Eine Weltladen), Dr. Rupert Ebner (Vorstand Slow Food Deutschland e.V.), Alexandra Winter (Pfarrerin Citykirche und Evangelische Erwachsenenbildung Heilbronn), Hannes Finkbeiner (1. Vorsitzende Kirchengemeinderat der Kiliankirche)


Heinrich Leutenberger, Conviviumleiter Heilbronner Land, auf dem Weg zum Thesenanschlag an der Kilianskirche


Alle Bilder:  © Rose Schweizer


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