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Protest gegen Wiesenhof: „Zicke-Zacke Hühnerkacke"

15.9.2017 – Wildwest in Königs Wusterhausen. Im märkischen Sand hat Wiesenhof seine monströse Hühnertötungsfabrik ohne Genehmigung erweitert. Kommunal- und Landespolitiker halten die Augen fest geschlossen. Vergangenen Samstag demonstrierten 1.000 Aktivisten gegen den heftig umstrittenen Schlachthof. Manfred Kriener war vor Ort.

Die Septembersonne schämt sich. Sie verschwindet lieber hinter Regenwolken. Die Betonkästen der Märkischen Geflügelhof-Spezialitäten GmbH liegen unterm grauen Himmel unscheinbar am Ortsrand von Niederlehme bei Königs Wusterhausen. Drinnen werden Hühnerhälse durchgeschnitten. Der Geflügelhof ist eigentlich ein Schlachthof. Er gehört zum Wiesenhof-Komplex. Hier werden täglich bis zu 120.000 Masthähnchen geschlachtet. Ein Tag hat 86.400 Sekunden, das sind dann eineinhalb Hähnchen in jeder Sekunde. Im April vergangenen Jahres hat das Unternehmen die Schlachtkapazität ohne Genehmigung auf 160.000 Hähnchen erweitert, in Spitzenzeiten sollen sogar bis zu 240.000 Tiere geschlachtet werden. Jetzt ziehen 1.000 Demonstranten an der Fabrik vorbei, schwenken Transparente und skandieren „hopp, hopp, hopp, Wiesenhof stopp!“

Bild oben: Schlachtungen im Milli-Sekunden-Takt – Protestmarsch zur Hühnerfabrik von Wiesenhof im brandenburgischen Niederlehme bei Königs Wusterhausen.


Viel Empathie fürs Federvieh

Es sind auffallend viele Frauen und Mädchen, die die „Würde der Tiere“ verteidigen, sanfte Menschen mit leidenschaftlicher Empathie für die Kreatur. Eine junge Frau hält in Anspielung auf Rio Reisers Ton, Steine, Scherben das schönste Schild des Demonstrationszugs in die Herbstluft: „Keine Mast für niemand!“. Auf einem anderen Plakat heißt es: „Hühner sind doch auch nur Menschen“. Eine Mädchengruppe ruft rhythmisch: „Animals are welcome here!“ Ob das die richtige Tonlage ist, die der gemeine Niederlehmer Dorfbewohner versteht? Der schaut gelegentlich aus dem Fenster und wundert sich über die Demonstranten im Nieselregen. Dem Reporter gefällt die unmissverständliche Botschaft einer Greenpeace-Gruppe schon besser: „zicke-zacke-Hühnerkacke!“

Bild links: Schönstes Schild der Demo – "Keine Mast für niemand!"

 

Die Tierfabriken marschieren Richtung Osten

Der Streit um den Wiesenhof-Schlachthof in Königs Wusterhausen thematisiert erneut die industrielle Tötung unserer Nutztiere in immer monströseren Ausmaßen. Er ist aber auch aus vielen anderen Gründen beispielhaft. Er zeigt wie die Massentierhaltung nach Ostdeutschland expandiert. Wie sie dort auf vordemokratische, zuweilen steinzeitliche Strukturen trifft. Wie illegale Praktiken von der Politik stillschweigend gedeckt werden. Wie sich Bürgermeister zum Büttel der Hühnerbarone machen.

Wer sich hier in der Bürgerinitiative „Königs Wusterhausen stinkt’s“ engagiert, der braucht Mut. „Das ist ein hartes Pflaster, du wirst schnell gemobbt“, sagt Andreas Rieger, der bei der BI mitarbeitet und „zum Glück auswärts“ wohnt. Rieger redet Klartext: Mit Wissen und Duldung der Behörden sei die illegale Erweiterung des Schlachtbetriebs unterm Radar durchgewunken worden. „Das ist schon heftig was hier getrieben wird, manchmal einfach kriminell.“ Riegers Stimmung liegt irgendwo in der Mitte zwischen Wut und Fassungslosigkeit. Eigentlich kann er selbst nicht glauben, was hier passiert ist.


Legal, illegal, alles egal!

Wiesenhof und die Kommunal- und Landespolitiker haben inzwischen ein Geständnis abgelegt, die Vorwürfe sind jetzt amtlich bestätigt. Eine parlamentarische Anfrage des brandenburgischen Grünen-Abgeordneten Benjamin Raschke an SPD-Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger brachte Licht in die Finsternis. Raschke fragte nach, ob es denn stimme, dass der Schlachthof vorzeitig und ohne Genehmigung seine Kapazität erhöht habe. Antwort: „Die angesprochene Kapazitätserhöhung ist erfolgt; wir befinden uns derzeit in der Überprüfung des Sachverhalts.“ Auch das Landesamt für Umwelt bestätigte die illegale Erweiterung: „Die Erhöhung der Schlachtkapazitäten (…) ist dem LfU bekannt.“ Als Grund wird ein Brand in einer anderen Schlachtfabrik von Wiesenhof im niedersächsischen Lohne genannt. Wegen dieser „Notsituation“ musste Königs Wusterhausen schnell einspringen.

Anlagen dieser Größenordnung unterliegen aber einem umfangreichen Genehmigungsverfahren, inklusive öffentlicher Anhörung und Einwendungsmöglichkeiten der Bürger. Dieses Genehmigungsverfahren ist inzwischen eingeleitet, aber noch lange nicht abgeschlossen.

Nachdem die heimliche Ausweitung publik geworden war und die Empörung beim nachdenklichen Teil der Bevölkerung entsprechend wuchs, musste die brandenburgische Landesregierung handeln. Nach mehr als einem Jahr illegalen Betriebs der Anlage wurde am 20. Juni diesen Jahres eine „Teilstillegung“ des Schlachthofs durchgesetzt. Die Anlage wurde damit aber lediglich auf die alte Kapazität von 120.000 Schlachtungen täglich zurückgefahren, also wieder in den legalen Zustand zurückversetzt. Mehr nicht.

Bild oben: Am Eingang zum Schlachthof – in Spitzenzeiten 240.000 Hähnchen täglich.


Gemüseeintopf und Nieselregen

Der Demonstrationszug ist an seinem Ziel angekommen. Die Rednerinnen der Schlusskundgebung zeigen noch einmal ihre Empörung, sie wettern gegen Tötungen im Milli-Sekunden-Takt, die Zuhörer spendieren Wiesenhof mehrere „Pfuiiiis“ und wärmen sich am Gemüseeintopf.

Der Ablauf der Demonstration zeigt erneut das krude Demokratieverständnis in Königs Wusterhausen. Die Schlusskundgebung mit einem geplanten Bürgerfest, mit Musik, Verköstigung und Kulturprogramm sollte eigentlich auf dem Festplatz in Niederlehme stattfinden, wo sich üblicherweise die Menschen versammeln. Der Antrag war auch rechtzeitig gestellt worden, wie die Veranstalter vom Bündnis „Wir haben es satt“ versichern. Doch die Stadtverwaltung Königs Wusterhausen habe die Anmelder der Demonstration „monatelang hingehalten“ und immer umfangreichere Unterlagen angefordert. Nachdem alle Anforderungen erfüllt waren, sei Ende August endlich der Vertrag in Aussicht gestellt worden. Doch zwei Tage später sei die Ablehnung gekommen. Die Veranstaltung „finde keine Zustimmung durch die Stadtverwaltung“. Basta. Die Stadtverwaltung wird von SPD-Bürgermeister Lutz Franzke angeführt.

Bild oben: Demokratie nur auf der Nebenstraße: Die Abschlusskundgebung wurde vom Festplatz verbannt.

700 Arbeitsplätze – das Mantra der Befürworter

Also kein Festplatz. Jetzt steht das Podium in einer Nebenstraße unweit der Schlachtfabrik. Zuvor, so beklagt sich die Bürgerinitiative, sei ihnen schon die örtliche Bibliothek als Veranstaltungsort für eine Podiumdiskussion zum Thema Schlachthof nach anfänglicher Zusage verweigert worden. Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht – bitte nur auf Nebenstraßen.

Die Befürworter des Schlachthofs verschanzen sich hinter der Zahl von 700 Arbeitsplätzen, von denen allerdings die Mehrzahl von osteuropäischen, meist rumänischen Arbeitskräften besetzt werden. Dennoch ist der Schlachthof damit einer der größten Arbeitgeber in der Region. Dieser Arbeitgeber zahle pünktlich seine Löhne und bemühe sich um hohe Hygienestandards, heißt es in einem offenen Brief des Betriebsrats. Er attackiert die Bürgerinitiative und wehrt sich in scharfer Diktion gegen Unwahrheiten, Gerüchte, Vermutungen und Beschuldigungen.

Doch wie sollen Gerüchte verschwinden, wenn die Transparenz fehlt? Die Kommunalpolitikerin Gudrun Eichler hatte Wiesenhof gefragt, wann die Erhöhung der Schlachtkapazität erfolgen solle. Die öffentlich erteilte Antwort von Wiesenhof-Anwalt Helmar Hentschel: Sie habe kein Recht, das zu erfahren. Eichler tritt bei der jetzt anstehenden Bürgermeisterwahl in Königs Wusterhausen für ein Bündnis von Grünen und Linken an. Sie beklagt „Gestank“, „Abwasserhavarien“ und „Versickerungsdelikte“ bei Wiesenhof. Und dass die Unterlagen des Schlachthofs zur Erweiterung „schlampig, fehlerhaft, widersprüchlich und unvollständig“ waren und deshalb gleich zweimal öffentlich ausgelegt werden mussten. „Kleine Formfehler“, sagt die Gegenseite.


Manchmal ist Wiesenhof schwer vegetarisch

Es ist später Nachmittag geworden, die Demonstranten ziehen in Grüppchen langsam ab. Ein kleiner Demonstrationszug gegen einen riesigen Hühnerkonzern. Dass dieser Konzern, Deutschlands „größter Hühnerschänder“ wie die taz schrieb, neuerdings auch noch mit Veggiefood gute Geschäfte macht, das passt in die Zeit. Der vegetarische Part von Wiesenhof war diesmal aber kein Thema unter den Aktivisten.

Wenigstens die Königs Wusterhauser Polizisten sind freundlich. Eine Hundertschaft ist abkommandiert worden, um Wiesenhof vor den marodierenden Horden zu schützen. Jetzt erklären sie den auswärtigen Demonstranten den Rückweg zum Bahnhof. In der S-Bahn nach Berlin sitzen meist ältere Herrschaften neben den Demonstranten, von denen einige noch ihr Hühnerkostüm tragen, in das sie geschlüpft sind. „Ich ess‘ sowieso kein Hähnchen mehr“, sagt patzig ein Mitreisender. „Das ist nicht schön, was die mit den Tieren machen“, sagt seine Ehefrau und versucht den Gatten zu beruhigen: „Ist ja richtig, wenn die jungen Leute demonstrieren.“

Bild oben: Auffallend viele Frauen sind bei der Anti-Wiesenhof-Demonstration.

Alle Bilder © Pixelmann

Mehr Informationen:

"Wir haben es satt!": Kein Wiesenhof-Megaschlachthof in Königs Wusterhausen (11.9.2017)

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