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Kommentar: Warum Landwirtschaft Tierhaltung braucht

3.7.2018 – Tätliche Angriffe auf Restaurantbesitzer, Landwirte, die Todesdrohungen bekommen und predigende Veganer, die Fleischessern Hölle und Verdammnis androhen, ließen mich kürzlich der Frage nachgehen, wo die Trennlinie zwischen vegan und meschugge verläuft. Aus diesem Grund wandte ich mich an die britische Vegan Society und konnte mit Louise Davies sprechen, die dort für Kampagnen, Richtlinien und Forschung zuständig ist. Freundlicherweise beantwortete sie einige Zusatzfragen per E-Mail. Von Marianne Landzettel.

Wo waren wir stehengeblieben? Teil 1 dieses Artikels (slowfood.de, 27. Juni 2018: Veganer bitte absteigen – das hohe Roß lahmt ) konzentrierte sich auf die von der Vegan Society benutzte Definition von Veganismus: "Veganismus ist ein Lebensstil, der bei Lebensmitteln, Kleidung und für jeglichen anderen Zweck versucht, soweit als möglich und machbar, alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeit gegen Tiere auszuschließen." Und es ging darum, wann ein Produkt als vegan gekennzeichnet werden kann: "Unsere rigorosen Testverfahren stellen sicher, dass kein Produkt das das vegan-Logo trägt, tierische Produkte oder Derivate enthält oder an Tieren getestet wurde. Landwirtschaftliche Produktionsmethoden oder die assoziierte Nutzung von Tieren, berücksichtigen wir derzeit nicht."

Die landwirtschaftlichen Produktionsmethoden zu ignorieren bedeutet leider nicht, dass bei der Herstellung veganer Lebensmittel Tiere nicht zu Schaden kommen: Von Bienen und Hummeln die gezüchtet, vermietet oder verkauft werden, um in Obstplantagen und Gewächshäusern Bestäubungsdienste zu leisten, bis zu Trillionen von Bodenlebewesen, die in einer Wachstumssaison durch Bodenbearbeitung und Ernte ihr Leben lassen – selbst auf Gemüsebaubetrieben ohne Nutztiere. Landwirt Andrew French schrieb kürzlich in Acres U.S.A., einem US-Magazin für Biolandwirtschaft: "Um unser Getreide, Bohnen und Gemüse zu produzieren, schlachten wir täglich hunderte Kilo wirbel- und wirbellosen Lebens in tausenden von Feldern." Meine Schlussfolgerung daraus ist: Vegane Landwirtschaft gibt es nicht.

In diesem Artikel geht es mir um eine weitere These, die da lautet: Gegenwärtig tragen Veganer und Veganismus aktiv zum Klimawandel und der Zerstörung des Planeten Erde bei. Ein ziemlich harsches Urteil, mögen Sie denken, aber der Schlüssel dafür ist der Kohlenstoffkreislauf.

Bild oben: Schafe auf einer Farm in Süd-England

Wir essen unsere Fleece-Jacken

Beginnen wir mit Kleidung und Schuhen. Eine klimafreundliche, vegane Modekollektion fällt ziemlich spärlich aus. Im Sommer stehen Flip-Flops zur Verfügung (nur solche die aus Naturgummi hergestellt wurden), während der übrigen Jahreszeiten können Veganer zwischen verschiedenen Canvas-Schuhen (mit Sohlen aus Naturgummi) und Gummistiefeln wählen. Das war’s. Alle anderen veganen Schuhe werden aus Plastik hergestellt, und das Rohmaterial dafür ist Erdöl. Fossile Brennstoffe wiederum sind die Hauptursache für Klimawandel und globale Erwärmung. Im Sommer können sich Veganer in Kleidung aus Baumwolle, Hanf oder Leinen auch moralisch gut fühlen, aber sobald es Herbst wird holen sie Pullover, Jacken und Mäntel aus dem Schrank, die aus künstlichen, auf Erdöl basierenden Fasern, hergestellt wurden. Das schlimmste Material sind dabei Fleece-Jacken!

Keine dieser synthetischen Fasern ist biologisch abbaubar, alle werden auf Mülldeponien landen oder in Müllverbrennungsanlagen. Und: Fleece-Kleidungsstücke schädigen die Umwelt zusätzlich, weil bei jeder Wäsche Millionen Mikrofaserpartikel ausgewaschen werden. Diese Fasern sind zu klein, um in Kläranlagen herausgefiltert zu werden, und landen deshalb in Flüssen und Meeren. Mikrofasern werden inzwischen nicht nur in Fischen und anderen Meerestieren gefunden, sondern über künstliche Bewässerung auch auf Ackerflächen. "Essen wir unsere Fleece-Jacke?" war die Überschrift auf einer NPR (öffentlicher Rundfunk in den USA) Webseite im vergangenen Jahr. Die Antwort lautet: Ja, das tun wir. Der Rat von NPR an Veganer? Waschen Sie Ihre Fleece-Jacke seltener ...


Mikrofasern vs. Wolle

Wie wäre es, wenn Veganer statt dessen Wolle tragen würden? Wollfasern haben außergewöhnliche Eigenschaften: Sie können den Körper vor Hitzeverlust schützen, wenn es draußen kalt ist, wenn es dagegen heiß ist, nehmen sie Feuchtigkeit auf und sind dadurch kühlend. Diese Eigenschaften könnten auch für den umweltfreundlichen Transport von so ziemlich allem genutzt werden, was heute in Styroporboxen verpackt wird – von Gemüse, Fisch, Fleisch und Milchprodukten, über Impfstoffe und Medikamente, bis hin zur heißen Pizza. Aus Wolle lassen sich Teppiche fertigen, Decken, Betten und isolierendes Baumaterial. Und Wolle steht reichlich zur Verfügung: Schafe müssen geschoren werden, es ist für ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit absolut notwendig. Ja, ich habe die PETA-Videos gesehen – aber wo immer diese Aufnahmen gemacht wurden – diese Videos zeigen den Missbrauch von Tieren aber keine tiergerechte Schafschur.

Aber wir reden nicht nur über Wolle versus Mikrofasern, das Thema ist viel umfassender: Wir brauchen Nutztiere in der Landwirtschaft, um dem Klimawandel zu begegnen und den Planeten zu kühlen. Kühe und Schafe haben das Zeug den Planeten zu retten. Pflanzen "atmen" CO2 aus der Atmosphäre ein und verwandeln es mit der Hilfe von Sonnenlicht in Zucker. Dieser Prozess wird Photosynthese genannt. Einen Teil diesen Zuckers transportiert die Pflanze in ihre Wurzeln, denn dort ist Zucker die gängige "Währung" im Austausch gegen für die Pflanze sonst unerreichbare Nährstoffe und Wasser.

Bild oben: Schafschur wie sie sein soll


Grasland braucht Tiere

Nicht nur die Wurzeln der Pflanze sind an diesem "Kohlenstoff/Zucker gegen Nährstoffe"-Tauschhandel beteiligt, es gibt Trillionen von Pilzen, Bakterien, Mikroorganismen, Würmern und Käfern, die Nährstoffe gegen Kohlenstoff tauschen und einander als Nahrung dienen – es ist ein fein aufeinander abgestimmtes Netzwerk von Abhängigkeiten. Und überirdisch sind Wiederkäuer – Kühe und Schafe – ein integraler Bestandteil dieses Systems: Beim Grasen legen Kühe und Schafe die Wachstumsknoten der Gräser frei und Sonnenlicht löst einen neuerlichen Wachstumsschub aus. Die Tiere "massieren" die Böden mit ihren Hufen und arbeiten dadurch Gras- und andere Pflanzensamen in die Krume ein und sie düngen mit ihrem Kot und Urin. Grasland und Herdentiere haben sich über Jahrtausende gemeinsam entwickelt.

Könnten wir Grasland ohne Tiere haben, mögen Veganer fragen. Nein, können wir nicht. Ohne dass das Gras abgeweidet wird, ohne Massage und anschließende Düngung, wächst Gras, bis die Halme im Winter absterben und eine dichte Schicht bildet, die neue Schößlinge nicht zu durchdringen vermögen. Nach einer gewissen Zeit stirbt das Gras ganz ab, der Boden liegt frei und Erosion setzt ein. Andere Pflanzen samen sich aus, Büsche und Unkräuter siedeln sich an, aus fruchtbaren Weiden ist spärlich bewachsenes Brachland geworden.

Könnte man das Gras mähen, mögen Veganer fragen. Das könnten wir tun, zumindest an einigen Stellen, aber eine Menge Grasland, speziell hier in Großbritannien befindet sich in Randlagen, an Hängen, die zu steil für jeden Mäher sind. Und wir reden über zehntausende Hektar. Sollen Landwirte die für umsonst mähen? Mit Maschinen, die Diesel oder Sprit benötigen?

Warum brauchen wir überhaupt Grasland? Weideland absorbiert CO2 und kann Kohlenstoff langfristig einlagern, was hilft, den Klimawandel zu verlangsamen. Und: Grasland kann bei Sturzregen Überflutungen verhindern und Wasser speichern, das dann in einer Dürrephase verfügbar ist. Dabei geht es nicht nur um Grasland in den Randlangen Großbritanniens und im übrigen Europa, sondern auch um die noch existierenden Prärien Nordamerikas, um Grasland in Südamerika, Australien, Afrika und Asien.

Bild oben: Es geht auf eine neue Weide – Kühe versammeln sich am Gatter

"Die Natur sollte sich selbst überlassen bleiben"

Was wäre, wenn wir nur in den Gegenden Landwirtschaft betreiben würden, in denen man Getreide und Gemüse anbauen kann, und wir überließen alles andere der Natur bis irgendwann wieder eine Wildnis entstanden wäre? Schrebergartenbesitzer in Berlin sind wenig erfreut über Wildschweine, die das Großstadtleben zu genießen scheinen, vor allem wenn nette Gärtner ein Buffet in Form sorgsam angelegter Gemüsebeete anbieten. In einigen Gegenden Europas sind wieder Wölfe, Bären und Biber zuhause; ihre Zahl hat inzwischen so zugenommen, dass über Abschussquoten diskutiert wird.

Wie sähen vegane Lösungen für derartige Probleme aus? Ich habe Louise Davies von der Vegan Society gefragt, wie mit einer wachsenden Zahl von Wildtieren umgegangen werden sollte, wenn es so wie in Großbritannien keine Raubtiere wie Wölfe, Bären oder Luchse mehr gibt – Rotwild kann einen Wald schneller vernichten als Forstarbeiter mit Kettensägen. "Wir möchten, dass die Natur sich selbst überlassen bleibt. Bevor der Mensch eingriff, hat die Natur auch funktioniert." Angesichts einer Bevölkerungsexplosion und der dadurch bedingten Verknappung von Futter würde die Natur eine Lösung finden, sagt mir Louise Davies von der Vegan Society. Nicht nur die Wildschweine in Berlin dürften zustimmen.

Die Umwelt ist für Veganer sekundär

Während meines Interviews mit Louise wollte ich einen Punkt genau klären: Wenn ein Veganer wählen muss zwischen der Umwelt und dem Leben von Tieren, zwischen Wolle und synthetischem Fleece – wie fällt die Wahl aus? "Die Vegan Society bekämpft alle Formen der Ausbeutung von oder Gewalt gegen Tiere. Den Menschen, die vegan leben, geht es nicht primär um die Umwelt", lautete die Antwort.

Mit kleinen und mittelgroßen diversifizierten landwirtschaftlichen Betrieben mit artgerechter Nutztierhaltung und hohen Tierwohlstandards, mit Artenvielfalt, Agroforsten und langen Rotationen könnten wir "alles" erreichen: Kohlenstoffsequestrierung, eine Abkühlung des Planeten Erde und erhöhte Bodenfruchtbarkeit, wir könnten langfristig ohne Pestizide, Herbizide und chemische Dünger auskommen, Landwirte hätten ein besseres Einkommen, es würden neue Jobs geschaffen, ländliche Gemeinden würden wiederbelebt und obendrein hätten wir gesundes Essen mit viel Aroma und Geschmack. Werden Sie also bitte kein Veganer!


Nie wieder Eier aus der Legebatterie!

Aber wenn Sie statt dessen nie wieder ein Ei essen, das von einer Henne in einer Legebatterie gelegt wurde, wenn Sie nie wieder Milch oder Milchprodukte konsumieren, die von Turbokühen stammen, die ob ihrer Rieseneuter weder stehen noch liegen können, wenn Sie dafür ab und an Fleisch eines Tieres essen, das sein Leben gesund und gut versorgt auf einer Weide zusammen mit seinen Artgenossen verbrachte, wenn Sie auf Plastikklamotten verzichten und Wolle oder Baumwolle tragen, wenn Sie Plastikschuhe und Gürtel durch solche aus Leder ersetzten, dann können wir vielleicht wirklich "alles" haben.

Bild oben: Mobil auf dem Acker – die Hühner räumen ab

Alle Bilder: © M. Kunz (4)

Teil 1 des Artikels der Autorin zum Thema "Vegane Ernährung" ist am 27. Juni 2018 erschienen:
Veganer bitte absteigen – das hohe Roß lahmt


1 Alle in diesem Artikel verwendeten Zitate, inklusive aller aus dem Interview mit Louise Davies, wurden von der Autorin übersetzt.

2 https://www.npr.org/sections/thesalt/2017/02/06/511843443/are-we-eating-our-fleece-jackets-microfibers-are-migrating-into-field-and-food

3 Für mehr Informationen: Judith D. Schwartz: Cows save the planet, Chelsea Green Publishing, 2013


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Slow Thema: Lebensmittelerzeugung und -konsum

Slow Thema: Genuss und Wertschätzung


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