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Weinlese wie anno 1400

9.10.2018 – In den meisten deutschen Anbaugebieten lag der 2018er schon Ende September komplett im Keller. Ein großer Rotwein-Jahrgang kündigt sich an bei erstaunlichen Mengen. Hitze und Trockenheit attackierten vor allem die jungen Rebstöcke. Von Manfred Kriener

Es war in vielen Betrieben die früheste Weinlese seit Jahrhunderten. Beim württembergischen Top-Weingut Aldinger in Fellbach reicht die Chronok zurück bis 1827. In diesen fast 200 Jahren waren die Trauben noch nie in der zweiten Augustwoche geerntet worden. Auf der Suche nach einem vergleichbaren Jahrgang müsse man noch weiter zurückschauen, recherchierte Gert Aldinger: Um 1400 soll ein ähnlich frühreifer Jahrgang registriert worden sein. Der extrem heiße und trockene Sommer – der zweitwärmste seit 1881, dem Beginn der Temperaturaufzeichnungen – sorgte bundesweit für eine historisch frühe Lese in kurzen Hosen. Offiziell war sie am 6. August eröffnet worden. Aldinger: „Die Klimaverschiebung ist da, das ist nicht zu bestreiten.“

Mitte September hatten die meisten Weingüter an Rhein, Main und Neckar den größten Teil ihrer Trauben bereits im Keller. In „normalen“ Jahren vergehen vom Austrieb der Reben im April bis zum Lesebeginn etwa fünfeinhalb Monate, in diesem Jahr waren es nur vier. Nur im Rieslingland an der Mosel begann die Lese traditionell etwas später. Entgegen allen Befürchtungen sind die Ergebnisse trotz der Trockenheit sehr gut, teilweise überragend. Egal ob rot oder weiß, frühe oder späte Rebsorten: Die Erntehelfer schnitten in allen 13 Anbaugebieten kerngesunde, voll ausgereifte und aromatische Trauben vom Stock und dies bei idealen Mostgewichten. Für die Winzer gab’s keine aufwändige Selektionsarbeit, kein mühsames Auslesen fauler Beeren, keine Traubenverluste. Auch die Erntemenge ist erstaunlich. Sie wird mit 10,7 Mio Hektolitern das zehnjährige Mittel von 8,8 Mio und erst recht den Vorjahresertrag von 7,5 Mio deutlich übertreffen. Schwachpunkte des Jahrgangs sind die teilweise niedrigen Säurewerte, weshalb die nur in Ausnahme-Jahren erlaubte Nachsäuerung der Moste vom Weinbauverband ein weiteres Mal freigegeben wurde. Aber viele Verbraucher mögen auch bei den Weißweinen die fülligeren Tropfen mit moderater Säure. Sie kommen dieses Mal voll auf ihre Kosten.

Die üppige Menge des 2018er Jahrgangs wird die leergeräumten Keller füllen und sie sollte, wie Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut erklärt, für stabile Preise sorgen. Wobei der deutsche Verbraucher nach wie vor knausrig ist und im Schnitt nur 2,92 Euro für einen Liter Wein ausgibt. Die wenigsten Kunden kaufen übrigens gezielt nach Jahrgängen, dies bleibt den Kennern vorbehalten. Die werden sich über den neuen Jahrgang freuen.

„Traumhaftes“ Lesegut hat Ludwig Kreuzberg vom gleichnamigen Weingut an der Ahr auf die Kelter gebracht, „2018 wird bei den Rotweinen zu den Top-Jahrgängen gehören, da bin ich optimistisch“. Die Winzer, sagt Kreuzberg, hätten vom legendären Sahara-Jahrgang 2003 viel gelernt und deshalb dieses Mal früher gelesen und aufgepasst, dass der Alkoholgehalt der Weine nicht über 13,5 Prozent hinausschießt. Das Ahrtal habe mit heftigen Niederschlägen am 11. Juni „Riesenglück gehabt, so sind wir über den Sommer gekommen“. Bei den roten Trauben sieht Kreuzberg neben guten Mostgewichten eine „sensationell tiefe Farbe und sehr gute Tannine“.

Bild oben: Makellose Trauben und Weinlese in kurzen Hosen am Neckar in Kreis Ludwigsburg. Der Jahrgang 2018 hat historische Ausmaße. | © Pixelmann

Spanien grüßt Ostdeutschland

„Südspanische Verhältnisse“ meldet Vertriebsleiter Alexander Schau vom Weingut Hey in Naumburg in der ostdeutschen Region Saale-Unstrut. Von April bis Mitte September sei kein nennenswerter Regen gefallen, dennoch sei man ohne Bewässerung ausgekommen. „Dieses Jahr sieht man genau, wo unsere Wasseradern laufen, dort sind die Ergebnisse besser.“ Am Ende gab’s makellose Trauben und einen „tollen Rotwein-Jahrgang“, bilanziert Schau.

Im Kaiserstühler Weingut Dr. Heger in Ihringen haben die Lesehelfer am 13. August die ersten Trauben geholt. Sechs Wochen später war die Lese abgeschlossen. Um die Junganlagen vor dem Austrocknen zu bewahren, musste Joachim Heger „Millionen Liter“ Wasser fahren. Heger erwartet mit der Änderung des Klimas weitere Hitzejahrgänge und denkt ernsthaft darüber nach, in seinen heißesten Lagen eine Anlage zur Tröpfchenbewässerung zu installieren. Die teure Investition könnte sich lohnen. Auch eine dichtere Bepflanzung mit engerem Stockabstand zahle sich aus, damit sich die Reben gegenseitig besser beschatten. Heger freut sich über „superreife und unglaublich gesunde Trauben“.

Der soeben zum deutschen „Riesling-Champion“ gekürte pfälzer Spitzenwinzer Philipp Kuhn ist Ende September nach vier Erntewochen auf die Zielgerade eingebogen. Eigentlich wollte er die Lese früher beginnen als am 24. August, aber sein wichtigster polnischer Helfer hat geheiratet. Der habe ja nicht wissen können, dass er schon Mitte August gebraucht wird. „Wir mussten aufpassen, dass uns die Mostgewichte nicht davongaloppieren“, sagt Kuhn. Bei den Weißweinen seien die Säuren zwar tief – „da wird im Mund nichts kratzen und beißen“ – aber noch akzeptabel. Bei den Roten erinnerten Farbe und Gerbstoffe an Südeuropa. Und: „Du findest dieses Jahr wirklich keine einzige faule Beere!“

Spritzen war im heißen Sommer kein Thema

Pflanzenschutz war 2018 kein Thema, eine oft unterschätzte, erfreuliche Seite trockener Hitzejahrgänge. Dafür hatten die jungen Rebstöcke, deren Wurzelwerk noch schwach entwickelt ist, Riesenprobleme mit der Wasserversorgung. „Bei uns hat es am 4. Juli das letzte Mal geregnet“, bilanzierte Kuhn in der letzten Septemberwoche.

In Rheinhessen erklärt der Westhofener Winzer Philipp Wittmann 2018 zum „Wahnsinnsjahr“. Zweimal Starkregen im Juni und August habe die Trockenheit in Schach gehalten und für einen perfekten Sommer gesorgt. Anders als 2003 hätten die Temperaturen die 40-Grad-Marke diesmal nicht erreicht. Deshalb habe es keine Rosinenbildung in den Trauben gegeben und damit auch keine Überkonzentration. Mit der frühen Augustlese habe man die frische Aromatik erhalten können. Die wahre Größe des Jahrgangs, so Wittmann, werde man erst in einigen Jahren erkennen. Was man schon jetzt sagen kann: Der 2018er verspricht lagerfähige muskulös-intensive Rotweine und füllig-cremige Weiße.

Der Weinbau im Klimawandel

Die deutschen Anbaugebiete gehören bisher zu den Gewinnern der Klimaveränderung. Temperaturen und Zahl der Sonnenstunden haben sich stark erhöht, das Klima ist bei einer immer noch guten Wasserversorgung „mediterraner“ geworden. In der schwäbischen Weinbaugemeinde Weinsberg ist die mittlere Temperatur in der Zeit von 2000 bis 2014 um 1,2 Grad gegenüber dem Zeitraum 1961 bis 1990 angestiegen – ein Quantensprung. Noch bis in die 1980er Jahre mussten die Winzer in schlechten Jahren tief in den Zuckersack greifen, um überhaupt trinkbare Weine auf die Flasche zu ziehen. Vor allem der Riesling, die spät reifende, große Traditionstraube, hing immer wieder über dem Abgrund. Heute ist es dem Riesling an vielen Standorten zu warm geworden. In den Weinbau-Prognosen für das Jahr 2050 findet der Riesling in Norddeutschland, unweit der dänischen Grenze, sein Temperaturoptimum. Schon heute hat sich die Weinbauzone weit verschoben. Lange galt der 50. Breitengrad als nördlichste Grenze, der für den Weinbau gerade noch geeigneten Regionen. Inzwischen ist dies der 57. Breitengrad, der im südlichen Schweden liegt.

In Deutschlands Weinregionen hat sich der Vegetationszyklus – Austrieb, Blüte und Ernte –um drei bis vier Wochen verschoben. Der Austrieb der Paradesorte Riesling erfolgte bis Ende der 1970er Jahre in Süddeutschland in der Mitte des Monats Mai. Heute treiben die Rieslingstöcke dort schon Mitte April aus. Die Klimaveränderung hat den Winzern zwar geholfen, aber auch neue Probleme gebracht: Neue Schädlinge wie die Kirschessigfliege machen sich breit oder Starkregen zur Erntezeit, der für rasante Fäulnis sorgt. Neben der Trockenheit leiden die Trauben in Hitzejahren auch an Sonnenbrand. Zu niedrige Säurewerte in heißen Jahren sind ebenfalls ein neues Thema. Gleichzeitig sind die Mostgewichte oft so hoch, dass die Weine fett und brandig-alkoholisch ausfallen können.

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