Biodiversität

Archejahr 2013

Das Archejahr 2013

27.11.2012 - Unter dem Motto "Essen, was man retten will!" ruft Slow Food Deutschland das Jahr 2013 zum Archejahr aus. Sowohl Mitglieder als auch Interessierte sind aufgefordert, neue Arche-Passagiere zu finden, bevor sie für immer verschwunden sind. Den Auftaktartikel zum Archejahr von Robert Friedenberger, Mitglied im Vorstand von Slow Food Deutschland, lesen Sie hier.

Der alle vier Jahre stattfindende Weltkongress von Slow Food International ist ein wichtiger Meilenstein im Leben der Slow Food Bewegung. So wurden Ende Oktober 2012 in Turin eine neue Satzung beschlossen und die internationalen Gremien neu gewählt. Unbemerkt von den meisten der 650 Delegierten trat noch ein anderes Ereignis ein. Die internationale sowie alle nationalen Archekommissionen wurden turnusmässig aufgelöst. Dies ist in der Satzung der internationalen Stiftung für Biodiversität so geregelt.

"Das internationale Slow Food Projekt zur Erhaltung der Biodiversität, von der Slow Food Stiftung für biologische Vielfalt 1996 gegründet, schützt weltweit über 1000 regional wertvolle  Lebensmittel, Nutztierarten und Kulturpflanzen vor dem Vergessen, indem sie in die Arche des Geschmacks aufgenommen werden. Die Arche des Geschmacks ist ein internationales Projekt von Slow Food. Lokale und regionale Lebensmittel, Nutztier- und Nutzpflanzenarten, die unter den gegenwärtigen ökonomischen Bedingungen am Markt nicht bestehen oder "aus der Mode gekommen sind", sollen durch die Arche-Kampagne vor dem Vergessen gerettet werden."

Abbildung oben: Logo der internationalen Slow Food Stiftung für Biodiversität


Neuer Schwung für die Arche des Geschmacks

Slow Food Deutschland sieht diese Zäsur als einen guten Moment, dem Archeprojekt neuen Schwung zu verleihen. Im internationalen Vergleich nimmt sich die deutsche Bilanz - rund 30 Passagiere aktuell - noch bescheiden aus. Die Anzahl der Passagiere in der Arche des Geschmacks ist sicher nicht das allein glücklich machende Kriterium und es soll auch keinen Wettkampf der Länder geben. Mit Sicherheit gibt es aber in nahezu allen Convivien einen oder mehrere Archekandidaten. Diese gilt es zu entdecken und zu kommunizieren. Bei mittlerweile über 80 Convivien sollten 100 Archekandidaten keine utopische Zahl sein. Als Impuls wird zum Terra Madre Tag am 10. Dezember das Jahr der Arche ausgerufen. Alle Mitglieder, aber auch sonstige Interessierte, sind aufgerufen, Ideen und Vorschläge zu sammeln und an die Geschäftsstelle zu melden. Von hier aus wird gemeinsam mit dem Vorstand das weitere veranlasst. Es ist bei der Meldung keine Bewertung des Kandidaten erforderlich, wird aber gerne angenommen.

Vorschlag für neuen Arche-Passagier online schicken

Foto oben: Einer der jüngsten deutschen Arche-Passagiere, das Ramelsloher Huhn. In der Liste der gefährdeten Nutztierrassen ist das Ramelsloher Huhn als extrem gefährdet gelistet. Im Jahre 2009 betrug der Bestand rund 500 Hühner. | Thomas Jensen


Die Arche des Geschmacks ist das Projekt von Slow Food, um gegen die dramatisch rückläufige Artenvielfalt bei Nutztieren und -pflanzen zu kämpfen. Im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelverarbeitung verschwinden alte, bewährte Arten, weil sie nicht mehr den technologischen und betriebswirtschaftlichen Ansprüchen und Erwartungen entsprechen. Auch die durch die Globalisierung der Märkte einhergehende Vereinheitlichung von Methoden und Produkten trägt ihren Part dazu bei.


Dass damit neben dem Verlust an biologischer Vielfalt auch ein Verlust im sozialen, ökonomischen, kulturellen, naturräumlichen und landschaftlichen Bereich eintritt, ist den meisten nicht bewusst.

Fotos links: Nachwuchs beim Limpurger Rind und beim Bunten Bentheimer Schwein dank dem Engagement von Slow Food Deutschland | Stefan Abtmeyer


Vom Verschwinden bedroht

Die Archepassagiere gilt es zu finden und zu benennen, solange es sie noch gibt! Deshalb wird jetzt das Jahr der Arche ausgerufen und die Arche ein Schwerpunkt der Vorstandsarbeit in der nächsten Zeit sein. Passagiere der Arche erfüllen folgende Kriterien:

• In ihrer Existenz bedroht

• Einzigartige geschmackliche Qualität

• Historische Bedeutung

• Identitätsstiftenden Charakter für eine Region

• Unterstützen nachhaltige Entwicklung einer Region

• Tiere stammen aus artgerechter Haltung

• Frei von gentechnischer Veränderung

• Produkte sind käuflich erwerbbar

Mit dem Wissen, dass biologische Vielfalt regionale Wurzeln besitzt, bewahrt die Arche des Geschmacks das kulinarische Erbe der Regionen. Schwerpunkt der Arbeit ist das aktive Sammeln, Beschreiben und Katalogisieren der Passagiere. Die Arche des Geschmacks ist ein eingetragenes Warenzeichen von Slow Food International. Die Intensivierung der Arche erfordert strukturelle Veränderungen. Als zuständiges Vorstandsmitglied wird Robert Friedenberger direkter Ansprechpartner in allen Fragen rund um die Arche des Geschmacks sein. Administrativ und organisatorisch wird in der Geschäftsstelle Veronica Veneziano mit einem Teil ihrer Arbeitszeit für die Arche arbeiten.


Neue inhaltliche Ausrichtung

Im Laufe der Jahre hat sich bei der Bewertung der Archeanträge sukzessive ein immer höherer wissenschaftlicher Anspruch entwickelt. Umfang und Inhalt der Archeanträge nahmen eine Dimension an, die weit über das erforderliche Mass hinausging. Damit verschwammen auch die Unterschiede zwischen Archepassagieren und Presidi. International stagniert als Konsequenz dessen die Zahl der Presidi; in Deutschland konnte heuer mit den Alblinsen immerhin ein neues Presidio anerkannt werden und ein weiterer Antrag liegt zur Prüfung bei der Stiftung für Biodiversität. Bei künftigen Anträgen zur Arche des Geschmacks soll der wissenschaftliche Anteil auf das zur Beurteilung notwendige Maß reduziert werden. Dafür erhalten die sozialen Aspekte und die landwirtschaftlichen Belange einen höheren Stellenwert. Nachdem bisher der Schwerpunkt auf Nutztieren und -pflanzen lag, soll jetzt ein auch Augenmerk auf Lebensmittel und Zubereitungen gelegt werden. Sie können nicht nur gleichwertig Passagiere der Arche des Geschmacks werden, sie bringen sogar die Grundzüge von Slow Food in besonderem Maße zum Ausdruck.

Künftig wird der Stärkung der Zweistufigkeit von Archepassagieren und Presidi wieder mehr Bedeutung zugemessen. Es wird auch auf internationaler Ebene nur noch Presidi geben, die vorher Passagiere der Arche waren. In dieser Zweistufigkeit dient die Arche einerseits dem Suchen, Katalogisieren und Beschreiben der Passagiere. Andererseits dient der Status aber auch dazu, die Passagiere in ihrer Entwicklung zu beobachten und Kontakte zwischen Erzeugern, Verarbeitern, Gastronomen, Händlern und Verbrauchern bzw. Koproduzenten zu knüpfen. Hier besteht die Möglichkeit und Aufgabe der Convivien, die Kontakte herzustellen und auszuweiten. Es handelt sich also um einen dynamischen Prozess, kein statisches Abbild einer Geschichte.

Foto oben: Im Juli 2012 besuchte eine Delegation der Slow Food Stiftung für biologische Vielfalt aus Bra die Schwäbische Alb, um über die Aufnahme des Arche-Passagiers "Alblinse" in die Presidio-Familie zu entscheiden. Die Aufnahme erfolgte im August.


Ein Archepassagier wird Presidio

Die Unterstützung sowohl von Archepassagieren wie von Presidi erfolgt immer aus dem Antrieb heraus, einem Archepassagier, bzw. dann einem Presidio wieder eine größere Bedeutung in der Landwirtschaft oder dem Lebensmittelangebot zu verschaffen. Im Idealfall bilden sich aus den Kontakten der Archepassagiere heraus Erzeuger-Gemeinschaften. Diese definieren die Herstellungsbedingungen und -standards und garantieren somit die Qualität der Erzeugnisse. Damit ist der wesentliche Schritt zu einem Presidio getan. Was so einfach klingt, ist in der Regel eine Entwicklung über Jahre hinweg. Den Erzeuger-Gemeinschaften gehen oft Arbeitsgruppen, Unterstützerkreise und ähnliche Gruppierungen Gleichgesinnter voraus.

Presidi sind konkrete Beispiele einer neuen, nachhaltigen Landwirtschaft. Sie erhalten lokale Ökosysteme, regionale Traditionen und schaffen Lebensmittel von unverwechselbarer Qualität. Eine Qualität, die nur erreicht wird, wenn die Bedürfnisse von Umwelt, Mensch und Tier nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in Einklang gebracht werden.

Das Presidio-Projekt wurde im Jahr 2000 von der Slow Food Stiftung für biologische Vielfalt ins Leben gerufen, da erkannt wurde, dass man Veränderungen nicht herbeireden, wohl aber gestalten kann. Während die Arche des Geschmacks Schützenswertes beschreibt, auflistet und damit vor dem Vergessen bewahrt, übernimmt das Presidio aktive Förder- und Schutzaufgaben. Ein Presidio (ital. für Schutzraum) versteht sich dabei als ein Netzwerk von engagierten Landwirten, handwerklich arbeitenden Lebensmittelproduzenten, interessierten Händlern, Köchen, wissenschaftlichen Experten und bewussten Verbrauchern, welche sich zusammen aktiv um den Erhalt von bestimmten Pflanzensorten, Tierrassen, Lebensmitteln und Kulturlandschaften einsetzen.

Foto oben: Als erstes deutsches Slow Food Presidio wurde im Jahr 2009 der Birnenschaumwein aus der Obstsorte Chamapagner Bratbirne" anerkannt. | Stefan Abtmeyer


Die gemeinsamen Aktivitäten eines Presidio gestalten sich nach folgenden Kriterien:

     Einführung verbindlicher Produktionsstandards, welche ökologische und qualitativ hochwertige Lebensmittel garantieren

     Erhalt der biologischen Vielfalt, lokaler Ökosysteme und einzigartiger Kulturlandschaften

     Förderung regionaler Traditionen, Herstellungsweisen und Absatzmärkte

Neben der Eigenüberwachung der selbst gesetzten Standards tritt nun das Marketing in den Vordergrund. Ein Presidio kann nur bestehen oder gar wachsen, wenn ein Markt dafür existiert bzw. wieder geschaffen wird. Wesentlich dafür ist, die Presidi als Marke zu etablieren. Damit kann Verbrauchern die positive Wirkung der Kaufentscheidung vermittelt werden, wie herausragender Geschmack, Förderung der vorstehend genannten Kriterien bis hin zur Unterstützung eines lokalen oder regionalen Wirtschaftskreislaufs. Slow Food Deutschland ist im Gespräch mit der internationalen Stiftung für Biodiversität, um deren Logo auch für deutsche Presidi zu erhalten. Die Signale sind positiv. Damit könnte die Vermarktung mit einem international eingeführten Logo gefördert werden.

Foto oben: Das Presidio Fränkischer Grünkern wird unterstützt von der Vereinigung Fränkinscher Grünkernerzeuger e. V., der Schutzgemeinschaft Fränkischer Grünkern und dem Slow Food Convivium Heilbronner Land. | Stefan Abtmeyer

Text: Robert Friedenberger, Mitglied des Vorstands; erschienen im Slow Food Magazin 06/2012; Artikel als PDF herunterladen


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