Aus der Rede von Carlo Petrini auf der Grünen Woche Berlin vor den Vertretern der deutschen Convivien am 17.01.2010 (Die komplette Mitschrift wird demnächst den Mitgliedern zugänglich gemacht.)
Ich freue mich, dass ich wieder einmal zu euch nach Deutschland, nach Berlin komme. Gerne berichte ich euch über all das, was sich in unserer Bewegung seit unserem letzten Zusammentreffen getan hat und tut. Vor allem weise ich natürlich auf das großen Terra-Madre-Treffen hin, das vom 21. bis 25. Oktober dieses Jahres in Turin stattfinden wird.
Andererseits bin ich auch neugierig zu hören, wie sich unser Netzwerk in Deutschland ausbreitet. Wenn wir die buchhalterischen „Kennziffern“ anschauen, dann stehen wir gut da: Die Zahl der Mitglieder steigt weiterhin, es gibt keine echten finanziellen Probleme.
Und dennoch spüre ich ein gewisses Unbehagen. Ich höre von gewissen Spannungen unter euch.
Darauf erwidere ich: In dieser Vereinigung ist es unsere Aufgabe zusammenzustehen. Die Mitglieder sollen nicht aneinander leiden, sondern zusammen Freude spüren. So steht es sogar in der Satzung.
Zweck des Vereins ist es doch, die Freude an schönen Dingen zu hegen und zu schützen und für das Recht auf Freude zu arbeiten. Wenn wir das nicht sehen, verlieren wir den Grund unter den Füßen.
Sprechen wir deshalb nun von Terra Madre.
Liebe Freunde, Terra Madre hat mein Leben tiefgreifend verändert. Und so wie Terra Madre mein Leben verändert hat, so soll es auch unsere Slow-Food-Bewegung verändern und verwandeln.
In den 6 Jahren seines Bestehens hat sich Terra Madre in jeden Winkel der Erde ausgebreitet. Es fing klein an. Aber heute ist Terra Madre nicht mehr klein. Nein! Terra Madre ist ein politischer Akteur geworden, eine echte Größe.
Dabei ist Terra Madre keine politische Partei und kein Verein im herkömmlichen Sinn. Terra Madre ist ein Netzwerk ohne feste äußere Gestalt. Das Netz erstreckt sich überallhin. Und es pflanzt sich selbstständig fort.
Wenn ihr mich fragt: Und? Wie viele gehören dazu? Was sind eure Zahlen? Dann antworte ich: Ich weiß es nicht. Terra Madre ist die Antwort auf solche Fragen.
Ich habe also den ganz starken Eindruck: Das Netzwerk verzweigt sich von selbst, treibt überall seine Triebe aus. Gestützt auf den Willen der Menschen, die das Netz bilden.
Menschen wie zwei Köchinnen in Rio de Janeiro. Sie sind in die Favelas gegangen. Sie haben 12.000 Kindern beigebracht, was gutes Kochen, gutes Essen ist. Sie haben eine echte Ernährungserziehung geleistet.
In Kenia sind Schulgärten eingerichtet worden.
In Senegal haben Fischer sich aus eigenem Antrieb zu Gemeinschaften zusammengeschlossen.
Sie alle sind stolz darauf, sich Terra Madre zu nennen.
Und Terra Madre ist keine feste Struktur!
Wie funktioniert aber Terra Madre? Die Grundlagen von Terra Madre sind vor 2 Jahren auf dem Treffen erklärt worden: Das Netz lebt und entwickelt sich unabhängig von Anweisungen, Strukturen, Satzungen.
Und doch hat es in den beiden Jahren unglaubliche Erfolge erzielt. Überall sind Schulgärten entstanden. Tausende davon gibt es schon.
Im Oktober 2008 fand das Terra-Madre-Treffen in Turin statt. Am 04.11. wurde Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt. Im Januar bereits sprach Alice Waters mit Michelle Obama über die Einrichtung eines Nutzgartens im Weißen Haus. Hillary Clinton hatte bereits „Ja“ gesagt zur Anlage eines Gartens nach den Vorstellungen von Terra Madre.
In Ecuador haben sich Bauern aus freien Stücken zu 51 Terra-Madre-Gemeinschaften zusammengeschlossen.
Ein solches riesiges Netzwerk lässt sich nicht von oben regieren! Es regiert sich selbst.
Was sind nun die beiden tragenden Pfeiler von Terra Madre? Die beiden Leitbegriffe, die das Ganze stützen, und die durchaus auch politisch zu sehen sind?
Der erste Leitbegriff ist emotionale Intelligenz – die Einsicht, die aus den Gefühlen entspringt. Aus der Grundgestimmtheit der Sympathie, des Einander-Wohlwollens entspringt die Stärke von Terra Madre. Daraus speist sich die Kraft von 9000 Terra Madre-Gemeinschaften. Die Fähigkeit, andere zu verstehen, zu achten in all ihrer Verschiedenheit. Wir bringen einander volle Wertschätzung entgegen. Mit einem Lächeln.
Terra Madre baut auf diese gefühlsgestützte Erkenntnis.
Die Delegierten sind nach Turin gekommen und brachten diese emotionale Intelligenz nach Hause. Dadurch konnten sie sich in aller Verschiedenheit der Sprachen verstehen und diese Botschaft auch in ihre Heimatländer übermitteln.
Der zweite Pfeiler von Terra Madre ist das, was ich die geregelte, die strenge Anarchie nenne möchte. Die geregelte Anarchie. Kann man so ein Gebilde steuern?
Die Politik zeigt es wieder und wieder: Jede neue FAO-Konferenz endet im Scheitern. Weiterhin sterben Menschen an Hunger, leiden an Mangelernährung.
Der Gipfel von Kopenhagen, der sich anschickte, die Welt zu retten, ist fehlgeschlagen.
Terra Madre kann nicht und darf nicht gesteuert werden. Vielmehr ist jede und jeder aufgerufen, an dem eigenen Platz, im eigenen Bereich mit der Einsicht des Herzens das Richtige zu tun.
Ein Gebilde, das sich mittlerweile nach Ecuador, Thailand, Feuerland und Tibet, bis in die entlegensten Winkel von 153 Ländern erstreckt, kann nicht gesteuert und nicht regiert werden.
Mit der geregelten, der strengen Anarchie hält dieses Netz zusammen. Natürlich passieren dabei Fehler. Da muss man einfach mit Geduld dran bleiben. Menschen machen Fehler. Wir alle machen Fehler!
Wenn dann aber trotzdem alle zusammenhalten, gemeinsam an den Zielen arbeiten, die uns verbinden – dann wird man schließlich aussprechen müssen, was der Franzose so benennt: Chapeau!
Dieses ganze Konzept ist übrigens sehr bequem für mich. Es erlaubt mir, weniger zu arbeiten. Weil die Vorgänge sich selbst regeln, muss ich weniger arbeiten und kann mehr träumen.
So hat Terra Madre mein Leben verändert. Terra Madre soll und wird auch Slow Food verändern, wie es mein Leben verändert hat.
Blicken wir zurück! Slow Food war zunächst eher eine Sache wohlhabender Länder. Es war doch eine Vereinigung von Menschen, von Feinschmeckern, die die schönen Seiten des Lebens genießen wollten. Demokraten mit guten Absichten, aber eben doch Feinschmecker.
Und zugleich starb alle 15 Sekunden ein Kind an Hunger.
Wir wollten nicht von schlechtem Essen sprechen. Slow Food sprach vom guten Essen, wollte das gute Essen voranbringen. Das hat sich geändert.
Terra Madre hat über die 6 Jahre seines Bestehens die Slow-Food-Bewegung bereichert und gefordert. In Kenia, Senegal, Südamerika, Zentralasien, in vielen Ländern hat sich Terra Madre entwickelt. Mit großen Unterschieden. Aber doch zusammengehörend durch die Leitbegriffe:
Gut. Sauber. Fair
Die ganze Welt, ja sogar die Industrie hat diesen Dreiklang aufgenommen: Gut. Sauber. Fair.
Bei Terra Madre wissen wir: Es reicht nicht, dass das Essen gut und sauber ist. Es muss auch in sozialer Gerechtigkeit erzeugt worden sein.
Terra Madre hat den Anschluss an Slow Food gesucht und gefunden. Die Bauern von Terra Madre sind auf Slow Food zugetreten, nicht umgekehrt.
Wer hätte das gedacht, dass Terra Madre sich in Ländern wie Elfenbeinküste, Kenia, Senegal ausbreitet? „Manger local“ – unter diesem Motto hat sich im Senegal eine Gruppe von Menschen zusammengefunden. Sie sind Terra Madre. Und immer geht es um die drei Begriffe: Gut. Sauber. Fair.
In diesem Geist müssen wir Terra Madre stärken und verankern.
Je älter ich werde, desto mehr träume ich, desto weniger liegt mir am Streiten.
Das ist der Vorzug des hohen Alters, dass man weniger rumstreitet und mehr träumt.
Unser gemeinsamer Traum soll wachsen, soll zu einer weltweiten Wirklichkeit werden.
Ich glaube, dass wir die Träume hegen und pflegen müssen. Den Traum vom Glück, von der Klugheit des Herzens.
Slow Food schätzt und achtet die Unterschiede. In dieser Dimension wächst es und gedeiht.
Verankert euch vor Ort! Die Bewegung muss aus der Kraft der Nähe wachsen, Menschen müssen sich in der Slow-Food-Bewegung wiederfinden können...
Wir haben den politischen Auftrag, das Gute, das Saubere und das Faire zu schützen.
Dazu brauchen wir den ganzheitlichen Blick. Insbesondere in Zeiten, da internationale Großkonzerne Saatgut zu monopolisieren versuchen, da eine schändliche Verschwendung mit Lebensmitteln getrieben wird. 50.000 Tonnen Lebensmittel landen jeden Tag auf dem Müll – ein schrecklicher Zustand, den wir nicht hinnehmen dürfen, den wir bekämpfen müssen.
Wenn es uns allen besser geht, wenn wir gut miteinander umgehen, wenn wir in den Gebieten vor Ort verankert sind, dann werden die Menschen uns zuhören, dann haben wir die Autorität und das Ansehen, das wir brauchen.
Ich werde darauf verzichten, lenkend einzugreifen. Ich möchte, dass die Dinge sich entwickeln – und zwar gemessen und langsam – eben nach Slow-Food-Art....
Greife ich zu hoch? Stimmt das alles nicht?
Vielleicht! Aber wenn die Journalisten mich vor 20 Jahren bei der Gründung von Slow Food gefragt hätten: „Carlo, glaubst du, dass in 20 Jahren Slow Food sich in die ganze Welt verbreitet haben wird?“, dann hätte ich geantwortet: „Ja!“ Ich wusste, dass es so kommen würde. „Du bist verrückt!“, hätte man mir damals sagen können. „Ich hatte einen Traum –und diesen Traum möchte ich bewahren!“
Wer die Kraft zu träumen verliert, verliert alles.
Das könnte man auch eine Utopie nenne. Richtig! Wer Utopie sät, wird Wirklichkeit ernten. Wer Utopie sät, düngt den Boden. Der gedüngte, fruchtbare Boden entsteht durch die Utopie.
Dieses Aussäen ist nicht Sache der führenden Menschen allein. Nein, überall in den Familien, in den Häusern muss dies geschehen.
Das kann 50 Jahre dauern, ehe das alles ausreift.
Ich werde – wer weiß? – vielleicht noch 4 Jahre in diesem Leben dabei sein. Dann müsst ihr anderen die Aussaat der Utopie fortführen. Es lohnt sich! Bleibt dran!
Nachträgliche, notizengestützte sinngetreue Wiedergabe aus dem Gedächtnis durch den damaligen Dolmetscher Johannes Hampel - Foto: Ezra Kurth