Augsburger Rathaus

Convivium Augsburg

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Kartoffeln machen glücklich ...

…besonders dann, wenn man einem Mann wie Christian Müller zuhört, der im Jahr auf dem Hof seiner Eltern sage und schreibe 120 verschiedene Kartoffelsorten kultiviert hat – dieses Jahr sollen es 200 werden. Den Zuhörern des gestrigen Verkostungsabends des SlowFood Conviviums Augsburg in der Küche der Hallschule an der Maximilianstraße erging es zeitweise so als wären sie in ein Parallel-Universum entführt worden: Nebenbetriebs-Landwirt Müller baut nicht nur alte, meist längst vergessene Kartoffelsorten an, sondern auch noch zwei Dutzend verschiedene Bohnen-Sorten, ebenso viele Tomaten, Paprika in allen Größen und Formen. Der Hof ist umstellt von 120 Apfel- und Birnbäumen, unterschiedlicher könnten die Eigenschaften der Sorten nicht sein.
Im kleinen Dorf von Müller, das bei Schwabmünchen liegt,  gibt es nach wie vor 20 Haupterwerbs-Bauernhöfe, die meisten davon lassen sich anstecken von den Vielfältigkeits-Gedanken, wie sie Müller als Vorsitzender des örtlichen Gartenbauvereins kultiviert. Doch auch über das mitfühlende Halten von Nutztieren macht sich Müller weit mehr Gedanken als die meisten seiner Zunft: „Die Tiere auf dem Hof sind nicht als Selbstzweck da, sie werden alle irgendwann geschlachtet. Aber in der Zeit, in der sie bei uns sind, sollen sie nicht leiden, soll es ihnen gut gehen“. So viele gute Gedanken direkt aus der Praxis taten den Teilnehmern sichtlich mindestens genauso gut wie die sechs verschiedenen Sorten Kartoffeln, die während der hoch informativen Tafelrunde mit verschiedenen Dips, oder schlicht mit Butter und Salz verkostet wurden.
Ob blauschalig, mehlig und weißfleischig („Schwarze Ungarin“) oder schwarzschalig, speckig und blaufleischig („Trüffelkartoffel“), neben Sorten, die einen eher gewohnten Eindruck machten aber besonders schmeckten, wurden die neugierigen Teilnehmer des Abends mit den unterschiedlichsten kartoffeligen Sinneseindrücken verwöhnt. Gänzlich sprachlos machten dann den einen oder die andere die 50 Weidenkörbchen, in denen jeweils zwei handvoll Knollen einer Sorte lagen, sorgsam beschriftet ein jedes und mit einer aufgeschnittenen Kartoffel versehen, um auch das  erstaunlich variationsreiche Innere der nahrhaften Erdäpfel jeweils besichtigen zu können.
Dass Christian Müller zu jeder Sorte und auch darüber hinaus die vielfältigsten Geschichten erzählen und Bezüge herstellen konnte, ließ den Abend um das scheinbar so schlichte Nahrungsmittel mit dem eher etwas angestaubten Image gänzlich zum munteren Event werden, bei dem man schier endlos Neues erfuhr: Dass alle neuen Kartoffelsorten heutzutage Frauenvornamen bekommen (es heißt ja auch „die“ Kartoffel). Da die Feldfrucht früher mit „der Kartoffel“ angeredet wurde, gab man ihnen im vergangenen Jahrhundert dagegen konsequentermaßen Männernamen… Dass die Deutschen bis heute gelbfleischige Kartoffeln den verbreiteteren weißfleischigen vorziehen, da das Gesinde früher lieber in Bauernhöfen anheuerte, wo es reichlich (gelbe) Butter ins Essen gab… Dass eine bestimmte Kartoffelsorte, die von Fruchtfäden durchzogen war, den Priestern der Inkas vorbehalten war, da man glaubte, dass diese Fäden direkt zur wichtigsten Gottheit führen würden…
Schließlich summierte sich alles zu der Erkenntnis: Nach einem solchen Abend würde so mancher Gaumen einen Teller dieser Kartoffeln nicht sofort gegen eine noch so raffinierte Speise eintauschen wollen.                                        
Josef Schmaus


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