Unsere Milch - verramscht oder geschätzt?

Unser Schneckentisch im Juli hatte den niedrigen Milchpreis und die Folgen zum Thema. In einer kurzen Einführung hat Hanne Wortberg einen Rückblick auf den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gemacht. Auch vor hundert Jahren waren die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise ein Thema. Postkarten aus der Serie "Volkswirtschaftliche Wahrheiten" aus dem Jahre 1909 belegen, dass sich auch damals die bäuerlichen Vereinigungen Sorgen um die Erzeugerpreise machten. Man hat mit diesen Karten die Bevölkerung aufgerufen nur die Parteien zu wählen, die die Zollgrenzen aufrechterhalten, damit die billige Ware aus dem Ausland nicht die heimischen Preise zerstören. 

 


Danach haben wir uns mit der heutigen Situation beschäftigt:
Freier Handel weltweit auch mit leichtverderblichen, empfindlichen Lebensmitteln.


Unsere Gastreferentin Frau Dorothee Lindenkamp hat einen eigenen Milchviehbetrieb und ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Diese Organisation, der kleine, mittlere und Biobetriebe angeschlossen sind, möchte eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft verhindern. 
Frau Lindenkamp stellt ihren eigenen Betrieb vor: 70 Kühe, Weidehaltung, Melkcomputer. 

 


 Sie füttert ihre Kühe nur mit auf dem Hof erzeugtem gentechnikfreiem Futter. Im Anschluss schildert sie uns ihre Sorge um den niedrigen Milchpreis, der zurzeit bei 0,22€ liegt. Sie und ihre Kollegen müssten aber mindestens 0,40€ bekommen um auskömmlich wirtschaften zu können. Nur sehr große Betriebe könnten eine lange Tiefpreisphase überstehen. Kleine und mittlere Betriebe müssten mittelfristig aufgeben.

Die Folgen sind: 
- Keine Weidehaltung mehr, obwohl erwiesen ist, dass die Milch von Kühen, die viel Gras fressen eine bessere Milchfettqualität haben. 
- Die Kulturlandschaft Weideland geht verloren.
- Häufige Erkrankung der Hochleistungskühe (hoher Antibiotikaeinsatz).
- Lange Lagerung der Milch auf den Betrieben (Qualitätsminderung durch kälteresistente Keime).
In der anschließenden Diskussion geht es um mögliche Lösungen.
Der Milchpreis ist zurzeit so niedrig, weil wir einen leichten Produktionsüberschuss haben (ca. 3%). Auf die Frage ob das Embargo gegen Russland die Ursache für den Milchüberschuss sei, antwortet Frau Lindenkamp, dass sich im letzten Jahr die Ausfuhrmenge von Milchprodukten trotz des Embargos noch vergrößert habe. Die Wiedereinführung der Milchquote lehnt Frau Lindenkamp ab. Für sie sei diese Regulierungen zu starr und bedeute viel Bürokratie. Sie hält es für den besseren Weg, dass die Molkereien die Abnahmemenge zu fairen Preisen mit den Erzeugern vereinbaren.
Aber auch wir Verbraucher sollten auf mehr Qualität achten und dafür bereit sein, einen höheren Preis zu bezahlen.
 
Bericht: Hanne Wortberg

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