“Harte Kost“ - Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt.

Gut sieben Milliarden Menschen leben heute auf der Erde, 2050 werden es fast zehn Milliarden Menschen sein. Heute gelten bereits über 800 Millionen als unterernährt – wie wird es dann sein?
Wir hatten Stefan Kreutzberger, Journalist und Autor mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik und Nachhaltigkeit, eingeladen, darüber mit uns zu diskutieren. Stefan Kreutzberger hat zu diesem Thema das gleichnamige Buch „Harte Kost – Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt“ gemeinsam mit dem Filmemacher Valentin Thurn verfasst. Die filmische Umsetzung dazu gibt es in dem Film „10 Milliarden“.
Fast 70 Teilnehmer waren unserer Einladung in das „Bürgerzentraum Villa Rü am 24. Juni 2015 gefolgt.


Stefan Kreutzberger startete mit Ausführungen zu der Frage, was Hunger ist, wie er definiert wird. Er erläuterte, wie diese Definition statistisch manipuliert wird, um eine Annäherung an die von den Vereinten Nationen verabschiedeten Millenniumsziele 2015 zu erreichen. Diese Ziele sahen u.a. die Halbierung von Armut und Hunger, Grundschulbildung für alle, Senkung der Kindersterblichkeit vor – bis Ende 2015 soll deren Umsetzung der erreicht werden.
Dem Hunger in der Welt entsprechend entgegen zu wirken, hat bislang nicht funktioniert. Die Zahl der Hungernden ist zwar zurückgegangen – aber?
Es wurde z.B. der Wert der notwendigen Kalorienzahl, die ein Mensch über ein Jahr lang pro Tag für ein aktives, gesundes Leben benötigt, um nicht als unterernährt zu gelten, von 2.100 auf 1.800 kcal gesenkt. Begründung: Wer hungert, sitzt mehr, verbraucht also weniger Energie und benötigt daher weniger Kalorien! Und: Die Menschen sind kleiner, als man mal angenommen hatte.
Somit konnte man 170 Mill. Menschen aus der Statistik streichen. Der Anteil der unterernährten Menschen konnte so statistisch von 23,6 Prozent in den Jahren 1990-1992 auf 14,3 Prozent in den Jahren 2011-2013 gesenkt werden. Weltweit ist aber weiterhin jedes siebte Kind unter fünf Jahren untergewichtig. (Quelle: SOS-Kinderdörfer – Umsetzung der Millenniumsziele).
Doch der Hunger ist nicht das einzige Problem – dazu kommt eine falsche Ernährung. Jeder dritte Mensch ist durch einseitige Ernährung mangelernährt.
Werden also zu wenig Nahrungsmittel produziert? Um die Menschen zu ernähren, müssen 70 Prozent mehr Lebensmittel produziert werden“, prophezeien die Agrarkonzerne. Und das gehe nur mit mehr Chemie, mit Gentechnik und Massentierhaltung.

Was aber sind die Fakten?
Gegenwärtig ist bereits jetzt Nahrung für den menschlichen Konsum global ausreichend verfügbar. Rein rechnerisch stehen weltweit etwa 2.800 Kilokalorien pro Person täglich zur Verfügung, die Gesamtverfügbarkeit von Eiweiß und anderen Nährstoffen wären ebenfalls ausreichend. Damit könnten über 12 Milliarden Menschen ernährt werden. Bei gleichmäßiger Verteilung müsste also niemand Hunger leiden.
Hunger ist derzeit also u. a. ein Verteilungsproblem, was sich am Nebeneinander von Unter- und Überversorgung in der Welt ablesen lässt.
Darüber hinaus werden Getreide und andere Agrarprodukte zunehmend zweckentfremdet für Nichtnahrungszwecke eingesetzt - wie z.B. zur Energieerzeugung.
 
Zudem verändern sich die Nahrungspräferenzen und das Konsumverhalten der Menschen mit steigendem Wohlstand. Auch in fast allen Entwicklungs- und Schwellenländern. Steigt dort das Einkommen bei den privilegierten Schichten, steigt vor allem die Nachfrage nach Fleisch und anderen tierischen Produkten. Darüber hinaus wird die Nachfrage nach Agrarprodukten durch die steigende Nutzung von Bioenergie getrieben. Vor allem in der EU und den USA gab es keine Steigerung der Förderung für die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion, sondern eine in den letzten zehn Jahren stark angestiegene verstärkte politische Förderung für die Nutzung von Bioenergie.
Stefan Kreutzberger sieht zwar diese Problematik in der Welternährung. Er sieht aber auch, was sich bereits heute gegen die Fortschreibung solch einer Entwicklung machen lässt, was sich bereits tut.
 
Die Frage, wie zukünftig, trotz rapide steigender Weltbevölkerung und schwindender Ressourcen genug Nahrungsmittel produziert und verteilt werden können, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Buch. Und so hatten die Zuhörerinnen und Zuhörer bei der Lesung auch so manches „Aha-Erlebnis“, als er aus einigen Schlüsselkapiteln des Buches "Harte Kost" las.
Spannend, als ein Beispiel, war zu hören, wie in Indien durch den Einsatz von „alten traditionellen“ Reissorten nicht nur die mengenmäßige Produktion erhöht werden konnte, sondern diese auch noch mehr Sicherheit und Widerstandsfähigkeit bieten gegen „natürliche“ Umweltereignisse wie Hochwasser als sog. „moderne“ Hybrid-Reispflanzen. Und dass die Saatgutbank für diese alten Reissorten wächst und mehr und mehr Zulauf findet! In anderen Ländern und Regionen ist es die Art der Bepflanzung, eine ausgewogene Zusammensetzung der Pflanzen auf dem Acker, die eine natürliche, nicht auf chemieberuhende Schädlingsbekämpfung zu Erfolgen führt.

In seinem Buch präsentiert Stefan Kreutzberger, sorgfältig recherchiert, nicht nur Fakten, was Lebensmittelvernichtung, Landgrabbing, Agrarfabriken, Massentierhaltung angeht. Er präsentiert in seinem Buch auch die vielen Lösungsansätze, um zu ökologischen, ökonomischen und sozial nachhaltigen Möglichkeiten der Nahrungserzeugung zurückzufinden, die auch der Slow Food Maxime der vorwiegend regionalen Versorgung entgegenkommt. Und die Mut machen.
Natürlich wurde die Frage gestellt, was können wir hier vor Ort machen, wie können wir uns konkret einbringen.
Klar wurde in der Diskussion - es gibt nicht die eine Lösung gegen Hunger. Es braucht Vielfalt und Kreativität, um den zukünftigen Herausforderungen der Landwirtschaft zu begegnen. Wichtig sei vor allem eine Landwirtschaft, die in lokale und regionale Kreisläufe eingebunden ist.
 
„Denn“, so Stefan Kreutzberger, "Ernährung ist eine hochpolitische Angelegenheit. Wenn die Zahl der Hungernden auf der Welt steigt, dann liegt das nicht am Mangel, sondern an der ungleichen und unfairen globalen und sozialen Verteilung."
Hier können wir einiges vor Ort leisten – bei der Senkung der Rate der Lebensmittelverschwendung, bei der gerechten Verteilung von Lebensmittel, der Mithilfe bei Projektenwie„Foodsharing e.V.“ , mit der Unterstützung von Initiativen der regionalen landwirtschaftlichen Produktion und deren Umsetzung in Lebensmittel vor Ort, mit dem von Einkauf zertifizierten Produkten … .
 
„Jede noch so kleine Verhaltensänderung jeder und jedes Einzelnen addiert sich!“ ist Stefan Kreutzbergers Wunsch und Anregung in der anschließenden Diskussion. „Schon ein geringerer Fleischkonsum und achtsamer Umgang mit Lebensmitteln hat globale Auswirkungen“.
 
Fazit:
Für Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wo ihre Lebensmittel herkommen, ob sie gut, sauber und fair produziert werden, sind die Bücher von Stefan Kreutzberger eine Pflichtlektüre.
Karla Knoche-Weniger/Manfred Weniger

Als konkreter Beitrag zur Unterstützung von Projekten zur Verbesserung der Ernährungssituation vor Ort spendeten die Teilnehmer für das internationale Slow Food-/Terra Madre-Projekt10.000 Gemüsegärten für Afrika“ 180 €. Mehr Informationen dazu auf unserer WEB-Seite „10.000 Gemüsegärten für Afrika“.
 
 
Die Veranstaltung wurde unterstützt von:
SuperBioMarkt Essen, Flotte Karotte – Knackiger Biolieferservice, Bio-Fleischerei B. Burchhardt, Trollfeine ökologische Backwaren, Rubens-Kaffeerösterei, Mocek-Delikatessen, EMMA2Wein und Köstlichkeiten, Alex liest Agatha Buchhandlung   
 
 
Das Buch
Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn
Harte Kost: Wie unser Essen produziert wird - Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt
2014, Ludwig Verlag München, ISBN 978-3-453-28063-2
 
Informationen zum Film „10 Milliarden“ (mit Link zum Trailer):


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