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OFFENER BRIEF AN DEN VORSITZENDEN VON SLOW FOOD-DEUTSCHLAND
HERRN OTTO GEISEL
Sehr geehrter Herr Geisel,
vorab möchte ich mich kurz vorstellen: mein Name ist Rainer Haas. Ich betreibe mit meiner Familie das 5 ha kleine WEINGUT JAKOB CHRIST im Rheingau. Wir sind seit 2001 ECOVIN-zertifiziert und seit 2007 Fördermitglied bei SLOW FOOD. Bei den beiden zurückliegenden SLOW FOOD-Messen in Stuttgart haben wir als Aussteller beim Convivium-Nordhessen mitgewirkt.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Nun, weil ich SLOW FOOD-Mitglied geworden bin im ‚allerernstgemeintesten’ Einklang mit den Worten die immer als erstes erscheinen, wenn man die SLOW FOOD-Seite anklickt: WISSEN, WAS MAN ISST (und trinkt !).
Voll Interesse und Vorahnung habe ich Ihre Kolumne OHNE ‚SLOW’ IST ‚BIO’ NICHTS gelesen. Denn es kam genau das zu Tage, was ich erwartet hatte: Sie rügen das Offensichtliche: Sie wiederholen, was jeder längst weiß: Öko-Convenience sowie Öko-Fast-Food sind Verbrauchertäuschung, weil das, was nach den unzähligen Verarbeitungsstufen im fertigen Produkt an Öko übrig bleibt, letztendlich vernachlässigbar ist - vom Genuss ganz zu schweigen. Soweit das Offensichtliche !
Doch dem Nicht-Offensichtlichen schenken Sie leider nicht in gleichem Maße Beachtung: Eine ganze Reihe von Lebensmittelproduzenten gehen mit dem Engagement bei SLOW FOOD einfach nur den ‚leichteren Weg’: Getragen vom SLOW FOOD-Image werden sie zu ‚besseren’ Lebensmittel- produzenten, ohne sich der Mühe und dem Risiko einer Öko-Zertifizierung zu unterwerfen.
IM KLARTEXT: man beteiligt sich an SLOW FOOD-Messen oder wird SLOW FOOD-Mitglied und macht weiter WIE BISHER !
Hier besteht eine ernstzunehmende Gefahr für Ansehen und Glaubwürdigkeit von SLOW FOOD, denn hier bleibt der so wichtige Aspekt der Verwendung von Agrarchemie und die damit verbundene Rückstandsproblematik völlig außen vor: Ein Lebensmittel wird NICHT SLOW, indem es ein ‚Genusshandwerker’ vom Wochenmarkt nach Hause trägt – es muss SCHON VORHER SLOW gewesen sein !
SLOW FOOD sollte nicht länger Plattform für Trittbrettfahrer sein: WISSEN WAS MAN ISST funktioniert nur dann, wenn außer der handwerklichen Ausarbeitung von Lebensmitteln und der so oft beschworenen Genuss-Orientierung auch eine nachvollziehbar-umweltgerechte Produktion die Betrachtung ZU EINEM GANZEN macht !
Sie haben natürlich Recht: ‚BIO’ IST NICHT ALLES; aber wenn man WIRKLICH wissen will, was man isst, dann muss in der Weiterführung ihrer Worte ebenso gelten:
OHNE ‚BIO’ IST ‚SLOW’ NICHTS.
Ich bin sicher, dass ich allen Ökoproduzenten, insbesondere denen, die sich bei SLOW FOOD engagieren und die auf den SLOW FOOD-Messen vertreten waren (und hoffentlich weiterhin vertreten sein werden), aus der Seele spreche. Dem mündigen Verbraucher, den WIR ja als Co-Produzenten an unserer Seite wissen möchten, brauchen wir zu dieser Einsicht sicherlich nicht zu verhelfen ... !
Über eine lebhafte, ernstgemeinte Diskussion über diese Position – die nicht nur die meinige ist – würde ich mich freuen.
Mit den allerbesten Grüßen
Rainer Haas