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Essen hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern bringt auch Menschen einander näher. Eindrucksvoll zu erleben war dies auf dem 1. Marburger Suppenfest, das am 3. 12. 05 im Marburger Stadtteil Richtsberg Premiere hatte. Veranstalter war das „Netzwerk Richtsberg e. V.“, gefördert wurde es aus EU-Mitteln des Programms Lokales Kapital für Soziale Zwecke.
Mit dem Marburger Suppenfest wurde die Idee des Festival La Louche d`Or (die goldene Suppenkelle) aufgegriffen, die in der französischen Stadt Lille 2001 in einem Stadtteil mit vielen arabischen MigrantInnen als nachbarschaftlich-kulinarisches Fest kreiert wurde und seitdem dort alljährlich im Mai stattfindet. Andere Städte wie Barcelona, Bologna, Krakau, Erfurt und Berlin sind ihr dabei schon gefolgt.
Die Idee des Festes ist so einfach wie faszinierend: Die Suppe ist ein grundlegendes Nahrungsmittel, das sich in den Kochkulturen aller Länder findet. Entgegen den aufwendigen Verkünstelungen der „feinen Küche“, die ihren Niederschlag findet in der Vervielfältigung, Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Koch- und Essgerätschaften, in der komplizierten Komposition von getrennten Nahrungsmitteln, in der Verarbeitung von möglichst ausgefallenen, teuren Substanzen, die über weite Wege transportiert werden, steht die Suppe symbolisch für das archaisch-schlichte Essen der „einfachen Leute“: gekocht in einem einzigen Topf, gegessen aus einer Schale mit einem Löffel.
In seiner Sozialgeschichte des Essens merkt Rolf Schwendter an: „Die Küche der beherrschten Klassen war seit je die ungetrennte, zusammengekochte“ (Arme essen, Reiche speisen, Wien 1995, 50) in Form der Breie, Eintöpfe und Suppen - produziert aus dem, was saisonal und regional da und zudem überhaupt erschwinglich war. Auch wenn die Suppe bekanntlich durchaus gehobene Formen als extraordinärer Appetizer entwickelt hat, ist in ihr wohl wie in keiner anderen Speise die soziale Frage des Essens weiterhin besonders präsent. So besehen erzählen Suppen von den materiellen und sozialen Lebensbedingungen der Menschen, die sie kochen, von ihren Traditionen und Ritualen, von dem, was das Land hergibt, was die Menschen nährt – im physiologischen und emotionalen Sinne. Sie erzählen auch von Veränderungen im Leben. So hinterlassen wirtschaftliche Verbesserungen, gesellschaftliche Modernisierungen, Ortsveränderungen und Migrationsbewegungen ihre Spuren in den Suppen: Kostbare und ganz neue Zutaten kommen hinzu, andere verschwinden, Kochprozesse werden durch die Nutzung von Fertigprodukten vereinfacht – wie z. B. industriell gefertigte Nudeln, vorgekochte Hülsenfrüchte oder Gewürzmischungen. Die eigene Suppe mit anderen zu teilen, teilt den Essenden etwas von alledem mit.
Genau dieses stand im Mittelpunkt des Internationalen Marburger Suppenfestes. Anliegen war, in einem Stadtteil mit multikultureller Bevölkerung Geschichten aus verschiedenen Ländern von den dargebotenen Suppen erzählen zu lassen. Gruppen, Familien, Vereine, Einzelpersonen und die Gastronomie waren eingeladen, „ihre“ Suppe zu kochen. So wurden dann 25 Suppen im Stadtteilzentrum Richtsberg einer interessierten – und hungrigen - Stadtteil- und Stadtöffentlichkeit offeriert. Die meisten waren erwartungsgemäß von Frauen hergestellt, aber auch Männer boten ihre Kocherzeugnisse an. Fast die Hälfte der Suppen stammte aus weit entfernten Ländern. Da gab es z. B. eine Fischsuppe aus Somalia, Rassolnik aus Russland, Pilzsuppe aus Kasachstan, Joghurtsuppe aus der Türkei, Linsensuppe aus Palästina oder Ma´scha´wa aus Afghanistan, aber auch einheimische Produkte waren ebenso zahlreich vertreten, so die „Schrecker Wendersobbe“ mit Steckrüben oder natürlich die “urdeutschen“ Kartoffelsuppen in verschiedensten Varianten, die genaugenommen ja auch erst durch den Import eines fremdländischen Nahrungsmittels möglich wurde. Das scheinbar so Typisch-traditionelle von Speisen ist von daher immer etwas Relatives.
Über den ganzen Nachmittag war der Raum eng gefüllt. Mehr als 300 Speisegäste waren am Ende gezählt – ein überzeugender Beweis dafür, dass das Suppenfest den Bevölkerungsgeschmack erfolgreich traf. Für die Essensgäste standen Keramikschalen und metallene Suppenlöffel bereit und damit erfreulicherweise nicht das auf Stadtteilfesten oft übliche geschmacks- und sinnenunfreundliche Plastikzubehör. Damit wanderte man von Topf zu Topf, von Köchin zu Köchin, von Koch zu Koch, ließ sich einschenken, beschnupperte die dampfende Speise, schmeckte. Dies alles war begleitet von Gesprächen – mit den ProduzentInnen und den anderen Gästen. Anregende Anknüpfungspunkt boten die an jeder „Suppenstation“ ausliegenden schriftlichen „Suppenporträts“. Hierfür hatten die Veranstalter gute Vorgaben gemacht: Was ist das Besondere an dem Land/der Region, aus dem /der die Suppe stammt? Welche Erinnerungen verbinden sich mit dieser Suppe? Aus welchen Zutaten besteht die Suppe? Wer hat die Suppe gekocht?
In einer Zeit, in der die Dominanz medizinischer Ernährungsregeln dazu geführt hat, dass vor allem Kalorien, Inhaltsstoffe, Vitamine und Ballaststoffe in unserer Nahrung interessieren, eröffnete dies einen ganz anderen Blick auf Speisen: nämlich den lebensweltlichen. Er zeigte, dass Speisen weit mehr sind als physiologische Energiespender, sondern eben genauso emotionale Haltepunkte, Zeichen der eigenen Identität und Zugehörigkeit. In ihnen wird Heimat hergestellt, auch mitgenommen an neue Orte, in neue Zeiten. Dies war in vielen Texten und Erzählungen spürbar. Es wurde deutlich, welche Bedeutung Speisen oftmals als familiäre Konstante spielen, die in der mütterlichen Linie tradiert wird. Sie helfen, „wärmende“ Kindheitserinnerungen zu aktualisieren. Zumindest war von ihnen viel die Rede. Aber auch die unentwegten Modernisierungen in der Speisekultur waren sichtbar: Suppenrezepte, die Einflüsse verschiedener Regionen interkulturell zu etwas neuem verbanden; eine Suppe, die vor langer Zeit mit Bewohnern des Marburger Landes nach Osten ausgewandert und nun mit ihren Nachfahren wieder zurückgekommen war und sich dabei verändert hatte; Suppen, in denen industrielle Convenience-Produkte verarbeitet waren. Eine kasachische Suppe enthielt beispielsweise Schmelzkäse. Die Köchin erzählte dazu, dass sie als arme Studentin froh war, sich den billigen Schmelzkäse leisten zu können, der die Suppe gut sättigend machte. So spiegelte sich auch in dieser modernisierten Suppenvariante eine aufschlussreiche soziale Geschichte wider.
Das Suppenfest endete schließlich mit Ehrungen. Eine Kinderjury lobte die beste Suppe nach Kindergeschmack aus. Eine Erwachsenenjury mit Mitgliedern der Marburger Tafel, des Sprecherrates der Sozialen Stadt, des Ausländerbeirates, der Gastronomie, der Medien und von Slowfood Nordhessen verteilte weitere Preise an die Köchinnen und Köche. Für alle Gäste gab es eine Broschüre mit den Rezepten und „Geschichten“ der dargebotenen Suppen (erhältlich unter http://www.marburg.de/detail/22621). Zu wünschen ist dem 1. Marburger Suppenfest, dass die eine oder andere Suppe danach in einem neuen Hauhalt gekocht wird, dass es zu einer Stadtteiltradition wird, und dass es Nachahmer an anderen Orten findet.