Convivium Oldenburg

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In Bacchus Armen

Er kann nach Leder, Lakritze, Waldboden, nasser Wolle oder getoastetem Holz riechen (aber wer toastet schon Holz?). Er duftet nach Erdbeermarmelade, grüner Paprika, Liebstöckel, Rübenkraut, Kaffee, Vanille oder Schokolade. Er schmeckt sauer, bitter oder süß und fühlt sich weich, geschmeidig, dicht oder dünn, pelzig,  ja sogar sockig auf dem Gaumen an. In der Attacke mag er spitz, aggressiv sein, im Abgang knapp, aber prägnant – oder unendlich lang. Oder aber einfach: Nichtssagend, aber lecker.
 
Lieben Sie auch Wein? Aber wie schmeckt Wein eigentlich? Offensichtlich nicht nach Wein, will man dem einschlägigen Fachjargon glauben. Neulich brachte mir Hermann, leicht beschwingt von einer Weinprobe kommend, ein Fläschen mit. „Den probier mal!“ Nun ist es mir noch nicht vergönnt, mit einem raschen Blick auf das Etikett mit einem anerkennenden Kopfnicken zu reagieren. So blieb mir nur ein unbeholfenes „Danke, gern.“ Als ich den Wein probierte, fiel mir mein Großvater ein: „Dat iss, als hätte mir ein Engelchen auf die Zunge jepisst!“ Lecker! Aber wie soll ich Ihnen das Aroma und den Geschmack des Göttertrunks nun beschreiben?
 
Die drei wichtigsten Grundregeln bei der Weinverkostung habe ich bereits gelernt: Schnuppern, schlürfen, schlucken. Profis kennen sogar fünf goldene Regeln bei der Weinprobe: Schütteln, schnuppern, schlürfen, schlucken, spucken. Schütteln, um dem Wein mehr Sauerstoff zuzuführen, führt bei mir meist zu kleineren Katastrophen. Und alten Wein schütteln? Versuchen Sie es, Sie werden nie wieder eingeladen! Und spucken? Den leckeren Wein? Obwohl, wenn man es nicht tut, könnte es am nächsten Tag ... Also noch einmal andächtig probiert. Und ...?  Ratlosigkeit. Es ist zum Weinen. Und „lecker“ als Beschreibung gilt ja nicht! Aber man kann sich nicht einfach als Weintrinker outen, der keine Ahnung hat. Immerhin kann ich schon feststellen: Der Wein schmeckt mir, der geht vielleicht gerade noch für eine Weinschaumcreme und diesen hier schenke ich Onkel Herbert.
 
Wie wäre es denn mit blenden? Hört sich dann so an: „Hmh, tja“, räuspere ich mich, hebe das Glas skeptisch hoch, drehe es geheimnisvoll vor einer Kerze, halte die Nase über das Glas, atme tief ein und schlürfe ein Schlückchen. „Ja, ja, feiner Vanilleton mit einem Hauch von Brombeere“, erläutere ich selbstbewusst. Ich nehme noch einen Schluck. „Und doch, deutlich sogar, ein Anflug von Alpenrose.“  Man erschauert, schnuppert eifrig, schlürft und schluckt. „Ja, wo Sie‘s sagen. Ganz eindeutig! Alpenrose!“ Und schon bin ich der neue Weinguru und werde zu jeder Weinprobe als Experte eingeladen. Haben Sie schon einmal an einer Alpenrose gerochen? Ich auch nicht. Aber lassen wir es lieber. Lügen kann ich nicht besonders und wenn ich einen roten Kopf bekomme, könnte man meinen, ich hätte mich verschluckt.
 
Aber Hilfe ist da! Ich erstand das „Aromarad“ des Deutschen Weininstituts. „Werden Sie ein echter Kenner deutscher Weine – mit dem Aromarad“.  Es sind zwei runde Scheiben, je eine für Weiß-, eine für Rotwein. Man beginnt mit der Beschreibung der Duftnoten und schließt am Ende des Kreises mit dem Geschmackseindruck. Ganz einfach! Und es wird wohl auch für ausländische Weine geeignet sein.
 
Ich habe es mit Freund Ulli ausprobiert. Ein italienischer Roter musste dafür herhalten. Also los! Wonach duftet der Wein?
Schnuppern, schlürfen, schlucken.
„Was meinst du? Brombeere?“
„Könnte auch schwarze Johannisbeere sein!“
Ein Schlückchen.
„Oder doch Anklänge an Sauerkirsche? Erdbeere, Orange oder Fruchtdrops sind es in jeden Fall nicht!“
Schlückchen.
„Nein, du hast Recht. Eindeutig Brombeere! Vielleicht mit einem Hauch Holunder?!“
„Aber weiter!  Jetzt probieren wir, ob der Wein blumig oder würzig riecht.“
Schnuppern, schlürfen, schlucken.
„Hmh, Veilchen?“
„Aber mit etwas Vanille!“
Schlückchen.
„Ja!“  Hicks.
Schlückchen.
„Also Veilchen könnte stimmen.“
„Seh ich auch so! Und jetzt, ob der Wein karamellisiert, rauchig oder mikrobiologisch riecht!“
Schnuppern, schlürfen, schlucken.
„Hmh?“
„Was denkst du?“
Fläschen.
„Allo, eh, also, isch glaube – nischt.“  Hicks.
„Isch auch nischt! Aber jetzt noch der Geschmack!“
Schlürfen, schlucken.
„Die Identität, Tschuldigung, die Intensität finde ich sehr dicht!“
„Jawoll!“
Schlückchen.
„Der Körper?“
„Woran du jetzt schon wieder denkst ...“
Schluck.
„Eher voliminiös ..., volimös, eh, sehr kräftisch!“
„Jawoll!“
Bäuerchen.
„Und der Gesamteindruck?“
Schlucken, schlürfen, schnuppern.
„Ja, ergiebig, ausgewogen komplex! Echt lecker!“
„Finde ich auch. Jawoll!“
 
Was? Sie wissen nicht, wie man einen Wein beschreibt? Das sollten Sie aber schleunigst ändern, Sie Anfänger! Ist doch ganz einfach. Auch macht es wirklich Spaß. Und man schläft göttlich danach! Wie in Bacchus Armen. (Klaus Ruwisch)

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