10000 Gärten in Afrika: Süd-Nord-Begegnung in Berlin

1.11.2017 – Ein fruchtbarer Bildungsdialog während der IGA in Berlin. Slow Food Deutschland hatte im September, den äthiopischen Koordinator des internationalen Slow-Food-Projektes "10.000 Gärten in Afrika", Asmelash Dagne, zu Gast. Aus der Begegnung entwickelten sich viele neue Ideen.

10.000 Gärten in Afrika: Süd-Nord-Begegnungen in Berlin

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"Die digitale Kommunikation ersetzt nicht den persönlichen Austausch. Gemeinsam mit Asmelash haben wir die weiteren Chancen unseres Süd-Nord-Austauschs sowie unserer Bildungsarbeit ausgelotet. Dabei sind viele neue Ideen entstanden," sagte Louise Duhan, Projektbeauftragte bei Slow Food Deutschland für "10.000 Gärten in Afrika". Dagne besuchte die International Urban Farming Conference in Berlin und nahm am Wochenende der Slow Food Youth Akademie in Duderstadt teil. Er war außerdem einer der Podiumsgäste beim Ackertalk auf dem IGA-Campus.

Bild links: Asmelash Dagne (li.), äthiopischen Koordinator des internationalen Slow-Food-Projektes "10.000 Gärten in Afrika" bei der Slow Food Youth Akademie in Duderstadt

Strategien für urbane Gärten

Asmelash Dagne wurde für die von der Grünen Liga organisierte „International Urban Farming Conference“, die am 11. und 12. September in Berlin stattfand, nach Berlin eingeladen. Die Konferenz wollte „im Jahr der Internationalen Gartenausstellung in Berlin […] einen fachlichen Austausch zwischen Projekten der urbanen Agrikultur weltweit ermöglichen sowie gute Ideen und kluge Strategien liefern“. Bei einem Workshop zum Thema Bildung wurden weitere Projekte aus Kuba und Großbritannien vorgestellt, die Nutzgärten als Grundlage für Ernährungsbildung im Bereich Nachhaltige Entwicklung nutzen. „In Äthiopien wird Gartenarbeit von vielen Kindern und Jugendlichen als Strafe wahrgenommen. Bauer wird man nicht, wenn man gut in der Schule ist. Deshalb ist es für uns eine zentrale Aufgabe, dass wir Berufe und Tätigkeiten in der Landwirtschaft für die jüngere Generation wieder attraktiv machen. Das ist unsere Zielgruppe, wenn es darum geht, Essen zukünftig nachhaltig anzubauen,“ so Asmelash Dagne während seines Vortrags. Um die Potenziale ebenso wie die Herausforderungen von Urban Gardening aufzuzeigen, wurden den Teilnehmern der Konferenz verschiedene Projekte zum städtischen Gärtnern in und um Berlin vorgestellt. Viele dieser Projekte stehen vor ähnlichen Herausforderungen, wie zum Beispiel dem Zugang zu Land, der Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten oder der Projektabwicklung mit der Stadt und weiteren Behörden.

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Stadtgärten und Permakultur

Die zweite große Station während des Deutschlandaufenthalts von Asmelash Dagne war der Besuch bei der Slow Food Youth Akademie in Duderstadt. Hier drehte sich dieses Mal alles um das Thema „Obst und Gemüse“ und Asmelash bereicherte das Wissen der jungen Erwachsenen mit seinem Vortrag zum Thema „Urban Gardening und Permakultur: Wie ernähren wir uns nachhaltig in der Zukunft?“. Während der anschließenden Diskussionsrunde tauschte er sich dazu mit Thomas Meiseberg vom Hof Luna aus. Trotz ihrer doch sehr unterschiedlichen Erfahrungen aufgrund verschiedener geografischer und gesellschaftlicher Kontexte, waren sich Meiseberg und Dagne einig: Mit einer intensiven und konventionellen Landwirtschaft wird die steigende Weltbevölkerung nicht zukunftsfähig ernährt werden können. Über das indigene lokale Wissen hinaus, bringt die holistische Herangehensweise der Permakultur jedem bei selbst zu denken, die lokalen Gegebenheiten wahrzunehmen und die Anbaumethoden mit durchdachter Planung an die spezifische Region anzupassen, um im Einklang mit der Natur zu arbeiten. Für Asmelash ist die Permakultur definitiv ein Teil der Lösung für mehr Ernährungssouveränität. Im Rahmen des Akademie-Wochenendes wurden weitere innovative Lösungsansätze und Projekte wie die Open Source Seed Intitiative oder das Projekt Proyecto Ahuejote aus Mexico-Stadt vorgestellt.

Bild oben: Vortrag über Streuobstwiesen am  Wochenende der Slow Food Youth Akademie

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Wege zum nachhaltigen Fleischkonsum

Wie schafft man es die jüngere Generation für globale Ernährungszusammenhänge zu begeistern? Darum ging es am 19. September in der Slow-Food-Veranstaltungsreihe „Nord-Süd Dialog auf der IGA“ in Berlin. Die Gesprächsrunde fand auf dem 2000m2 Weltacker statt und setzte den Fokus auf die Frage nach Wegen für einen nachhaltigen Fleischkonsum. Mit dabei war eine 9. Klasse aus Berlin-Marzahn, die Asmelash Dagne aufmerksam zuhörten, als dieser berichtete, dass Fleisch in seinem Heimatland nur zu ganz besonderen Anlässen wie Ostern oder Weihnachten gegessen würde. Erstaunt stellten sie den Unterschied fest, dass sie hingegen zu jeder Zeit und zu günstigen Preisen Zugang zu tierischen Produkten haben. Dass ein solches Überangebot nicht unbedingt im Einklang mit Umwelt, Tier und Mensch stehen kann, wurde ihnen dabei deutlich. Sie stellten zahlreiche Fragen zur Tierhaltung und den globalen Auswirkungen von Fleischkonsum auf die Umwelt.

Bild oben: Workshop auf der IGA mit Asmelash Dagne (re.).

Die Kuh als Familienmitglied

Und die Lage in Äthiopien? „Bei uns gelten Kühe oder Ziegen fast schon als Familienmitglieder. Sie unterstützen uns in der Landwirtschaft sowie beispielsweise beim Transport von Wasser. Nur wenige Familien können es sich leisten, mehr als vier Mal pro Jahr ein Tier zu schlachten. Für uns ist es unvorstellbar, dass für viele hier in Deutschland ein fast täglicher Fleischkonsum möglich ist. Da drängen sich natürlich Fragen auf, woher alle diese Tiere kommen und womit sie gefüttert werden?,“ so Asmelash. Das Ausmaß sowie die Konsequenzen eines solchen Fleischkonsums wird mithilfe des 2000m2 Weltackers veranschaulicht. 2000m2 ist die Fläche die jedem Weltbürger zustünden, wenn die globale Ackerfläche von 1,4 Milliarden Hektar gerecht verteilt wären. Auf dieser Fläche sollte also alles wachsen was wir für unseren Konsum brauchen. Zwei Drittel der 2000m2 Fläche wird mit Soja, Getreide und Mais angebaut, die allein der Tierfutterproduktion dienen. Wenn die 2000m2 z.B. nur dazu dienten, um Futtermittel für Schweine anzubauen, dann würde die Fläche gerade mal für die Fütterung zweier Schweine ausreichen.

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Diskussion auf dem "Weltacker"

Um so oft und so günstig Fleisch essen zu können, wie wir es hierzulande momentan tun, reichen unsere Agrarflächen in Europa nicht aus. Deshalb greift die Fleischproduktion auf große Flächen für die Futtermittelproduktion zurück: Viele Futtermittel werden vor allem aus Südamerika importiert. „Was würde passieren, wenn europäische Länder, aus irgendeinem Grund, nicht mehr die Möglichkeit hätten in diesen Ländern Futter anzubauen? Was würdet ihr dann machen?“ führt Asmelash fort. In Gruppenarbeit diskutieren die Schüler diese Frage und zeichnen diese als Video auf, damit Asmelash sie an die Schüler nach Äthiopien weitertragen kann. Die Schüler verließen den Weltacker nachdenklich aber trotzdem freudig. Vielen von ihnen wurde erstmalig bewusst, dass ihr Essverhalten in Berlin das Leben und die Ernährungssicherheit von Mensch, Tier und Umwelt in anderen Ländern beeinflusst. Wichtig war vor allem, dass sie zugleich lernten, dass es Alternativen gibt und sie selber Teil der Lösung sind – durch ihre täglichen Konsumentscheidungen. Wenn sich auch viele von den jungen Erwachsenen einen deutlich geringen Fleischkonsum an diesem Tag noch nicht vorstellen konnten, so war der Denkanstoß gesät.

Bild oben: Ackertalk auf der IGA.

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Anbaumethoden in Äthiopien

Die globalen Auswirkungen unseres Konsums waren auch Thema während des „Ackertalks“ auf der IGA am 20. September. Zusammen mit Asmelash diskutierten Daniel Diehl, Projekt Koordinator vom Boden Begreifen, Dr. PD Elisabeth Meyer-Renschhausen, freie Autorin und Privatdozentin mit Schwerpunkt kleinbäuerliche Landwirtschaft und Ernährung weltweit, und Ulrich Nowikow, stellvertretender Geschäftsführer der Grünen Liga und des IGA Campus. Im Fokus standen Anbaumethoden in Äthiopien, Herausforderungen wie konventionelle Landwirtschaft, Land Grabbing und Klimawandel sowie die Ernährungssouveränität. „Wir sind uns alle einig: Ernährungsbildung der jungen Generation ist das A und O für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, sowohl bei uns in Deutschland als auch in Ländern wie Äthiopien. Dafür brauchen wir nationale und internationale Netzwerke und persönliche Kontakte, um voneinander zu lernen und über Grenzen hinweg zu denken,“ fasst Diehl am Ende des Abends zusammen.

Asmelash blickt auf seine Erfahrung im Berlin zurück: „Gemeinsam sind wir stärker. Meine zwei Wochen in Deutschland haben mir wieder gezeigt, wie wichtig es ist voneinander zu lernen. Ich habe so viele neue Projekte kennengelernt, neue Ideen gesammelt und bin von der Motivation und Begeisterung so vieler junger Leute angesteckt. Es gibt mir Mut und Energie, um weiterzumachen“.

Bild oben: Asmelash Dagne (li.) berichtet bei der Slow Food Youth Akademie von Äthiopien.

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Apfelsaftverkostung mit Teilnehmern der Slow Food Youth Akademie

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Vortrag auf der Urban-Farming-Konferenz

Bilder auf dieser Seite: © Louise Duhan

Mehr Informationen:

Slow-Food-Schulprojekt: Boden begreifen

Slow-Food-Projekt: 10.000 Gärten in Afrika