Boden Begreifen: Wie viel Acker braucht mein Essen?

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14.9.2017 – "Boden – unsere Lebensgrundlage“ heißt der Schulprojekttag, den Slow Food Deutschland regelmäßig bei der Internationalen Gartenausstellung 2017 in Berlin auf dem Gelände des 2000m²-Weltackers durchführt. Am Dienstag ging es mit der 5. Klasse aus Berlin-Biesdorf um die Wertschöpfungskette bei Getreide. Die Veranstaltungen finden im Rahmen des Slow-Food-Bildungsprojekts „Boden Begreifen“ statt. Ein Bericht von Sharon Sheets, Slow Food Deutschland.

Ein zentraler Bestandteil des Slow-Food-Schulprojektes „Boden Begreifen“ ist es, der Schulklasse zu Beginn des Projekttages näherzubringen, welche Rolle das Konsumverhalten jedes Einzelnen im Kontext der globalen Ernährungssituation spielt und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie viel Ackerfläche unterschiedliche Ernährungsstile verbrauchen. Zur Veranschaulichung dient das Flächenbuffet auf dem 2000m2-Weltacker. Als Einführung erklärt Projektkoordinator Daniel Diehl das Konzept: Wenn man die gesamte, globale Ackerlandfläche durch die Anzahl der Weltbevölkerung teilt, kommt man auf 2000 Quadratmeter, die jedem Weltbürger zustünden, wenn die Flächen gerecht verteilt wären. Durch weitere Bodenversiegelung und Bodendegradation wird das in den nächsten Jahren noch weniger sein.

Bild oben: Projektvorstellung Boden Begreifen

Wie viel Acker braucht mein Essen?

Bei einem Feldrundgang auf dem 2000m2-Acker können die Schüler anhand der nach Gerichten abgesteckten Flächenbuffets vergleichen, wie viel Ackerfläche Lieblingsgerichte wie Pizza Margherita oder Pommes brauchen. Dabei wird schnell deutlich, dass Fleischgerichte wie Pizza Salami, Spaghetti mit Bolognese und Schnitzel im Vergleich zu vegetarischen Gerichten wie Linseneintopf viel mehr Fläche verbrauchen.

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Flächenverbrauch verschiedener Ernährungsstile

An dieser Stelle bespricht Daniel Diehl die Ernährungszusammenhänge der Nutztierhaltung: Die Ursache für den größeren Flächenverbrauch bei tierischen Produkten ist auf die Haltung zurückzuführen. In der konventionellen Landwirtschaft werden Tiere größtenteils mit Futtermitteln, z. B. aus Soja und Getreide, gefüttert. Um die Bedeutung einer fleischlastigen Ernährung zu veranschaulichen, geht Daniel auf das Beispiel der Schweinemast ein: Wenn die 2000m2 nur dazu dienten, um Futtermittel für Schweine anzubauen, dann würde die Fläche gerade mal für die Fütterung zweier Schweine ausreichen. Das Flächenbuffet ermöglicht den Schülern anhand der Vergleiche verschiedener Ernährungsstile über den eigenen Ackerverbrauch im Kontext der Weltbevölkerung zu reflektieren. Auf den globalen Kontext geht Projektkoordinator Daniel ein, indem er hinzufügt: „Wenn wir hierzulande verhältnismäßig ‚zu viel‘ verbrauchen, dann bleibt zu wenig für andere Menschen übrig, was sich vor allem auf ärmere Länder des globalen Südens auswirkt“.

Slow Food empfiehlt deshalb schon seit langem, den persönlichen Fleischkonsum auf wenige Male pro Woche zu begrenzen und auch auf die Qualität und Herkunft des Fleisches zu achten, denn auch die Tierhaltungsform wirkt sich auf den Flächenverbrauch aus: Im Vergleich stehen hier tierische Produkte aus Weidehaltung gegenüber tierischen Produkten aus der Stallhaltung, die auf Futtermittel zurückgreifen. Im Kontext des globalen Flächenverbrauches und der Nahrungsmittelproduktion bedeutet das: Große Flächen an Acker werden weltweit genutzt, allein um Futtermittel für die Zuchttiere zu produzieren. Dadurch tritt das Zuchttier in Nahrungskonkurrenz mit dem Menschen und es stehen weniger Ackerflächen für die Produktion von Nahrungsmitteln für den Menschen zur Verfügung.

Bild oben: Flächenbuffet auf dem 2000m2-Acker

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Einblick in die Produktion unserer Lebensmittel

Bevor es an das selbst Hand anlegen geht, werden die Schüler dazu ermuntert, sich zu fragen, woher ihr Essen kommt. Die Schüler kleben dazu ihre Ideen an eine Pinnwand und nachdem alle Vorschläge der Schüler wie Acker, Supermarkt, die Welt etc. diskutiert worden sind, leitet der Koordinator über zur zentralen Bedeutung der Ressource Boden für unsere Ernährung: „95 Prozent aller Nahrungsmittel entstehen im, auf oder durch den Boden unter unseren Füßen“. Der Boden ist der Ursprung fast aller unserer Lebensmittel, die restlichen 5 Prozent beziehen sich auf die Fische und Meeresfrüchte. Mit dem Boden als Star des Tages geht es nach einer kurzen theoretischen Einheit gleich an das praktische ‚Wühlen‘ im Boden, um ein Gefühl für diese wichtige Ressource zu bekommen: Die Schüler dürfen Kartoffeln für das Mittagessen ernten.

Bild oben: Boden direkt erfahren bei der Kartoffelernte.

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Getreide verarbeiten

Neben der Einführung in die Prozesse der Lebensmittelverarbeitung, vom Boden bis zum Teller, und den Informationen zu den globalen Ernährungszusammenhängen, bietet der Projekttag den Schülern die Chance, um einen praktischen Einblick in die traditionelle Verarbeitungskette von Getreide zu bekommen. Die kürzlich geernteten Ähren wurden aufgehoben und werden heute von den Schülern mit einer Dreschtrommel gedroschen. Eine besondere Erfahrung, erklärt der Koordinator, denn Dreschtrommeln gibt es heute kaum noch und sie kommen erst recht nicht mehr zum Einsatz, da dies zu arbeitsintensiv ist. Wie viel Arbeit hinter der Produktion von Lebensmitteln stecken kann, erfahren die Schüler am eigenen Leib – leicht ist es nämlich nicht, diese Trommel in Gang zu setzen. Mit Engagement und Spaß probieren die Schüler nach und nach aus, was es bedeutet, die Ähren selbst zu dreschen.

Bild oben: Als besondere Erfahrung dürfen die Schüler Getreide dreschen.

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Kräftig pusten und sieben

Im nächsten Schritt müssen mehrere Durchläufe des Siebens des Getreides durchgeführt werden: Angefangen beim gröbsten Sieb, arbeitet man sich langsam hin zu Sieben mit kleineren Öffnungsgraden. So wird das Getreide gesäubert, bis nur noch die Körner übrig bleiben. Diesen Prozess wiederholen die Schüler eigene Male, bis das Endprodukt zur Verfügung steht: goldglänzende Körner, die dann wiederum gemahlen und zu Mehl verarbeitet werden können.

Am Ende des Aktionstages sind alle rundum glücklich. Die Schüler fanden es interessant und hatten Spaß dabei selbst Hand anzulegen und wieder einen Bezug zur Nahrung zu bekommen. Denn: die Lebensmittelindustrie entfremdet uns immer mehr von ihr. Dieser Tendenz entgegenzuwirken ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und deshalb führt Slow Food Deutschland Projekte wie „Boden Begreifen“ durch.

Bild oben: Sieben und pusten, sieben und pusten, damit nur noch die Körner übrig bleiben.

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Einige der Schüler vor der äthiopischen Slow-Food-Parzelle auf der IGA.

Alle Bilder: © Sharon Sheets

Mehr Informationen:

Slow-Food-Schulprojekt Boden Begreifen

Slow Thema: Boden