Startseite > Aktuelles > 2017 > Klimawandel: "Traditionelle Kleinfischer sind die Verlierer."

Klimawandel: "Traditionelle Kleinfischer sind die Verlierer."

Kleinfischer an der französischen Atlantikküste. | © Katharina Heuberger

11.11.2017 - Wie wirkt sich die Erderwärmung auf unsere Meere aus? Welche Folgen hat sie für den Wirtschaftszweig Fischerei? Slow Food sprach mit Stefan Königstein, Experte für die Dynamik mariner Ökosysteme an der Universität Bremen.

Die großen Mengen an Treibhausgasen, die wir in die Atmosphäre entlassen, bringen auch das Leben im Wasser durcheinander: Die Ozeane erwärmen sich nicht nur, sie nehmen nach Schätzungen auch pro Jahr rund ein Drittel des ausgestoßenen Kohlendioxids auf. Das hat für das gesamte Ökosystem weitreichende Folgen.

Slow Food Deutschland: Welche auf den Klimawandel zurückzuführenden Veränderungen lassen sich in marinen Ökosystemen beobachten?

Stefan Königstein: Die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen innerhalb der marinen Ökosysteme sind äußerst komplex, aber vielerorts schon deutlich spürbar. Sie wirken sich in den verschiedenen Meeren und Meeresregionen unterschiedlich aus. Klimabedingte Veränderungen wie die fortschreitende Erwärmung der Meere und Ozeane, ihre Versauerung durch den erhöhten CO2-Eintrag, und ein sich ausbreitender Sauerstoffmangel im Wasser erschweren vielen Lebewesen unter der Wasseroberfläche das Leben.

Hinzu kommen Phänomene wie der Eisrückgang z. B. in der Arktis, der Meeresspiegelanstieg und sich verändernde Meeresströmungen. Dies führt zu Verschiebungen in den gesamten marinen Ökosystemen, einschließlich der planktonischen Algen und dem Zooplankton, welche die Basis des Nahrungsnetzes darstellen. Die Organismen passen sich gleichzeitig zum Teil an die neuen Umstände an, indem sie etwa früher im Jahr ihre Blüte haben, weiter in die Tiefe abwandern, oder sich andere Nahrung suchen. So auch die Fischbestände, von denen viele, ihrer bevorzugten Wassertemperatur folgend, aus den tropischen und subtropischen Gebieten weiter in Richtung der Pole wandern, in kältere Gewässer.

Wegen dieser Komplexität der Ökosysteme sind die zukünftigen Folgen des Klimawandels für die Fischbestände und die Fischerei schwer einzuschätzen. Hier wird es wohl Gewinner und Verlierer geben. Manche Regionen in kälteren Klimazonen bekommen neue Fischarten hinzu oder die Produktivität der dortigen Bestände kann sich vorübergehend erhöhen, wie etwa in subarktischen Gebieten. Andere Gebiete, in denen es zu warm wird, wie in den Tropen, aber auch viele kleinere Meere wie die Nordsee, gehen eher als Verlierer aus der Situation hervor, denn viele ihrer Bestände wandern ab. Einige Fischbestände der Nordsee und des Europäischen Nordmeeres ziehen zum Beispiel weiter nach Norden und Nordosten. Dies trifft allen voran die kleinen traditionellen Fischer, die ihre lokale Lebensgrundlage verlieren. Die industrielle Fischerei folgt mit ihren großen Industrieschiffen den Beständen, weiter nach Norden oder aufs offene Meer hinaus.


Womit wir beim Einfluss des Klimawandels für die Fischerei wären. Wie sieht dieser aus?

Die Fischerei versucht sich aus wirtschaftlichen Gründen den Veränderungen der Fischbestände anzupassen, entweder den alten Beständen hinterherzufahren oder neue Arten in den Fokus zu nehmen. Das jedoch gelingt der traditionellen Kleinfischerei im Vergleich zur industriellen Fischerei deutlich schlechter bis gar nicht. Den Kleinfischern stehen nicht die Mittel zur Verfügung, den Wanderungen der Fischbestände zu folgen. Mit ihren Netzen und Booten sind sie für küstennahes Fischen ausgerichtet. Das Hinausfahren auf die offenen Meere ist oft den industriellen Flotten mit ihren hochtechnologisierten und großangelegten Fangmethoden vorbehalten. Damit wird die Kleinfischerei in vielen Regionen zu den Verlierern der klimatischen Veränderungen gehören.

Dies betrifft dann zuallererst die ärmeren Länder und Weltregionen. Schon rein wirtschaftlich sind diese weitaus weniger anpassungsfähig – und da wären wir wieder beim Thema der globalen Verteilungsgerechtigkeit. Es ist eine Tragödie, dass auch hier – wie so oft – insbesondere die Ärmsten der Armen betroffen sind und sogar ganze Fischereidörfer, die für ihren Unterhalt auf die Fischerei angewiesen sind, ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Wie auch in der Landwirtschaft, sind bei der Fischerei viele Erzeuger im globalen Süden benachteiligt. Für uns Verbraucher im globalen Norden wird es immer schwieriger, nachhaltig gefischten Fisch auf unsere Teller zu bringen.

Was müssen und können Politik und Wirtschaft aus Ihrer Sicht tun, um Meere und Ozeane zu entlasten und Transparenz beim Kauf zu unterstützen?

Eine einfache Antwort kann ich Ihnen auf diese Frage leider nicht geben. Zunächst steht fest, dass die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen konsequenter umgesetzt werden muss, in der Energieerzeugung, im Verkehr, im Bausektor sowie innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette unserer Ernährung. Ganz verhindern können wir den Klimawandel aber nicht mehr, das ist Fakt.

Im Bezug auf die Meere ist daher auch wichtig, dass wir zusätzlichen Stress auf die marinen Ökosysteme verhindern. Müll in den Meeren und Ozeanen, Verschmutzungen aus Industrieanlagen sowie Druck von der intensiven Fischerei gilt es zu verringern, denn dies geht auf Kosten der marinen Ökosysteme, der Fischbestände und der weniger anpassungsfähigen Nutzer wie der Kleinfischer. Bestände, die derzeit sehr stark ge- oder sogar überfischt sind, werden immer sensibler. Sie müssen dringend entlastet werden, damit sie eine größere Chance haben, die von Jahr zu Jahr schwankenden Temperaturen und die langfristigen Veränderungen des Klimawandels zu überleben.

Wenn wir global so weiter wirtschaften wie bisher, bewegen wir uns auf eine durchschnittliche Erderwärmung von 4–5 Grad bis zum Ende des 21sten Jahrhunderts hin. Deswegen müssen wir Maßnahmen umsetzen, die wie im Pariser Klimaschutzabkommen angestrebt, darauf abzielen, die Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu drosseln. Die Umstellung auf nachhaltige Energien sollte ein genauso wichtiges Ziel eines Maßnahmenkatalogs sein wie die Reduzierung unseres Fischkonsums. National und regional ist es extrem wichtig, Umweltfaktoren in einem nachhaltigen Management unserer Fischbestände zu berücksichtigen. Das Fischerei- und Meeresmanagement muss sich also an die Entwicklungen des Klimawandels anpassen, und die Fangmengen müssen mehr Sicherheitsreserven für negative Klimaveränderungen einplanen.

Sollte die Industrie ihre Rechnung ohne diese Faktoren machen, hat sie am Ende nichts davon. Die wichtigsten Fischbestände nachhaltig und ertragreich zu erhalten, ist sicher möglich – aber nur, wenn ihre Nutzung gut und fair reglementiert wird und auch wir Verbraucher unseren Konsum entsprechend anpassen. Zur Frage, wie oft Fischkonsum demnach ratsam ist, würde ich daher sagen: maximal ein Mal pro Woche, und in jedem Fall aus nachhaltig befischten Ressourcen.

Bild oben: Fischmarkt in Mindelo auf der kapverdischen Insel São Vicente | © Beate Dorner


Dr. Stefan Königstein Stefan Königstein ist Wissenschaftler am Forschungszentrum Nachhaltigkeit (artec) der Universität Bremen, mit Forschungsschwerpunkt auf der Dynamik mariner Ökosysteme und ihrer Beeinflussung durch die menschliche Nutzung und den Klimawandel. | © Privat


 
Vom 29. September bis 31. Dezember 2017 läuft die internationale Slow-Food-Kampagne „Menu for Change – mit Genuss und Verantwortung gegen den Klimawandel“. Mehr über die Kampagne und die Mitmach-Aktionen finden Sie unter Menu for Change


Slow Food Deutschland e. V. - Luisenstraße 45 - 10117 Berlin - Telefon: 030 / 2 00 04 75-0 - E-Mail: info@slowfood.de