95 Thesen für Kopf und Bauch: Mit Genuss und Verantwortung für ein zukunftsfähiges Lebensmittelsystem

7.6.2018 (shs) – Das Thema "Genießen" stand am 25. Mai im Fokus der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „95 Thesen für Kopf und Bauch“ von Slow Food Deutschland e. V. und Misereor. Die beiden Organisationen luden ein zum Expertengespräch und einer Landgasthofführung in Überlingen-Lippertsreute am Bodensee. Beim Expertengespräch ging es unter anderem um die politische Forderung, das Lebensmittelsystem grundlegend verändern zu müssen, um die globale Ernährung zu sichern und den Genuss dabei nicht zu kurz kommen zu lassen.
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Die Art und Weise, wie wir Lebensmittel weltweit produzieren und konsumieren, führt global zur Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. Um den aktuellen Konsum zu stillen, verbrauchen wir mehr Ressourcen, als unsere Erde auf selbsterhaltende Weise hergeben kann. Über 1,5 Erden wären momentan zur Bedarfsdeckung nötig. Während die Industrienationen im globalen Norden ganz eindeutig mehr Ressourcen und Energie verbrauchen, sind die negativen Folgen wie Umweltschäden und Klimawandel auf verheerende Weise im globalen Süden spürbar. Verantwortung daran trägt vor allem das industrielle Lebensmittelproduktion, eines, das der Umwelt schadet und Landarbeiter sowie Tiere in der Landwirtschaft ausbeutet.

Bild oben: Eine Landgasthofführung war Teil der Veranstaltung.

Essen im Überfluß vorhanden – doch jeder neunte hungert.

Barbara Schmidt (Leiterin der Arbeitsstelle Bayern, Misereor e.V.) brachte das Paradox des aktuellen globalen Lebensmittelsystems auf den Punkt: „Seit 60 Jahren versucht Misereor den Hunger zu bekämpfen. Seit 50 Jahren verspricht die Agrarindustrie den Hunger zu bekämpfen, aber es hat bis heute nicht geklappt. Jeder neunte Mensch hungert, obwohl wir genug Essen hätten. Der große Skandal ist, dass wir es nicht schaffen Lebensmittel gerecht zu verteilen. Dabei sind gerade die Kleinbauern, die dafür sorgen, dass wir hier tagtäglich Essen auf dem Tisch haben, mit am stärksten vom Hunger betroffen“.

Ihr vermeintliches Ziel, die Welt zu ernähren hat die Agrarindustrie nicht erfüllt; stattdessen trägt sie maßgeblich dazu bei, regionale, kleinbäuerliche Strukturen zu zerstören und Landarbeiter so auszubeuten, dass sie sich ihr eigenes Essen nicht leisten können. Um unseren westlichen Lebensstandard zu halten, verbrauchen wir nicht nur Ressourcen, Land und Boden in Drittländern, sondern sorgen dadurch auch für schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen der Landarbeiter. Politischer Wandel unumgänglich!

Wende nur durch Abstimmung an der Urne

Auch Dr. Rupert Ebner (Vorstand, Slow Food Deutschland e. V.) sprach über die negativen Folgen des agrarindustriellen Systems und die Agrarindustrie, welche die Landwirtschaft in Afrika, einem Kontinent, in dem 1,5 Milliarden Landwirte leben, so umbaut, wie wir sie hierzulande vorfinden: Zu einem agrarindustriellen System, das auf Effizienz, Masse und niedrigen Preis, statt auf Fairness, Umweltschutz und Menschenrechte setzt. So zerstöre sie kleinbäuerliche Strukturen in Afrika und gefährde die Ernährungssouveränität und -sicherheit. Der Verbraucher alleine, so Ebner, könne diese tiefgreifenden Probleme des aktuellen Lebensmittelsystems nicht lösen. Es sei komplett aus den Fugen geraten und müsse grundlegend verändert werden. Verbraucher können und sollten diesen Wandel mit anstoßen und tragen, aber nur eine politischer Richtungswechsel wird die Umsetzung implementieren: „Der Verbraucher wird die aktuelle Schieflage des globalen Lebensmittelsystems nicht richten können, nur der Stimmzettel kann dies tun. Gerade in einer Zeit, wo unter anderem Genmanipulation bei Lebensmitteln und die fehlende Transparenz auf dem Etikett an der Tagesordnung sind, hat selbst der bewusste Verbraucher Probleme dem Paradox zu entkommen“, so Ebner.

Ohne den politischen Willen, Richtlinien festzulegen und die Gesetzeslage zu Gunsten Tierwohl, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz zu ändern, werden Ziele wie das der Welternährung, Qualität und Zukunftsfähigkeit, nicht zu erreichen sein. So lange allein wirtschaftliches Wachstum und industrielle Interessen die politische Tagesordnung bestimmen, wird sich das übergreifende System nicht grundlegend verändern. Leuchtturmprojekte weisen den Weg in eine bessere Zukunft Während der Diskussion kam auch der enorme Druck, unter dem Landwirte heutzutage arbeiten, zur Sprache. Sie seien durch das System oftmals fast genötigt, Lebensmittel industriell anzubauen oder Tiere auf intensive Weise zu halten, um von den Einnahmen leben zu können, auch wenn sie das System ethisch-moralisch als nicht vertretbar erachten. Das zeigt einmal mehr, dass auch die Entscheidungen des Verbrauchers, wie viel Geld er für seine Lebensmittel ausgibt und ob er Erzeugnisse des agrarindustriellen oder agrarökologischen Lebensmittelsystem kauft, hoch politisch sind.

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Lebensmittel wieder mehr wertschätzen

Indem Sie gute Lebensmittel wertschätzen und auch bereit sind, einen gerechten Preis dafür zu bezahlen, der soziale und ökologische Faktoren einbezieht, unterstützen sie zukunftsfähige Betriebe wie den Landgasthof Keller, Gastgeber des Abends. Bei einer Landgasthofführung bekamen die Besucher einen Einblick in die Anbau- und Lebensbedingungen der Tiere: Die Hühner können sich hier frei bewegen und Nachhaltigkeit sowie Qualität spielen beim Gemüseanbau eine große Rolle. Betriebe wie diese weisen deshalb den Weg in eine positive Zukunft.

Zum Abschluss de 95 Thesen Themenabends machten kulinarische Überraschungen aus der Küche deutlich, dass sich Genuss und Verantwortung prima miteinander vereinbaren lassen. Denn Essen soll nicht nur satt machen, sondern auch schmecken. Und wenn man auf Qualität setzt, kommt man ganz automatisch zu einem System, was Mensch, Tier und Natur respektiert. Lebensmittel wieder mehr wertschätzen und einen Bezug zu ihnen sowie deren Herkunft und Herstellung aufzubauen ist deshalb eines der Hauptanliegen von Slow Food.

Bild oben: Genuss und Verantwortung lassen sich vereinbaren, wie die Gerichte der Veranstaltung zeigen.

Mehr Informationen:

Veranstaltungsreihe "95 Thesen für Kopf und Bauch"

Slow Thema: Genuss und Wertschätzung

Alle Bilder: © Andrea Lenkert-Hörrmann