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Discounter: Aldis schöne neue Backwelt

21.2.2018 – Aldi nervt schon wieder mit „großer Vielfalt“ und „neuer Backwelt“, nebst ofenfrischer Revolution. Brot und Brötchen beim Billigheimer werden jetzt allesamt „frisch gebacken“(*), um auch noch die letzten Wünsche der Kunden zu erfüllen. Ein Zwischenruf von Manfred Kriener.

Ach Aldi! Der größte deutsche Discounter hat eine Revolution ausgerufen. Gott sei dank unblutig, ohne Guillotine und Sturm auf die Bauernhöfe. Es ist eine Back-Revolution. Enthauptet werden lediglich die nervigen Automaten, die der Kunde bisher selbst bedienen musste, um Brot oder Brötchen – nach einem kleinen Nickerchen während der Wartezeit – per Knopfdruck von der Maschine zugeschleudert zu bekommen. Die Backautomaten landen auf dem Komposthaufen der Geschichte.

Werden jetzt also überall richtige Bäcker eingestellt, die eine Backstube bekommen, in der sie richtigen Teig ansetzen, ihn gehen lassen, rundwirken und am Ende in einem echten Backofen richtiges Brot backen? Von wegen! Auch Revolutionen sind nicht mehr was sie einmal waren.

Guckst Du: Der Blick in die (Auf)Backstube

Aldis schöne neue Backwelt funktioniert ganz ohne Bäcker. Künftig werden bis zu 40 verschiedene Sorten Backwerk von den Hilfskräften aus den Tiefkühltruhen entnommen. Die Teiglinge werden dann volltransparent aufgebacken. Das heißt: Die Kunden können die Einschieber bei ihrer kreativen Tätigkeit beobachten. Und natürlich anfeuern, gelungene Aktionen frenetisch bejubeln.

Schon kommt die 21-Jährige ungelernte Hilfskraft Robert K. mit einem vollbeladenen Blech belgischer Krustis um die Ecke. Herrlich nackt und bleich liegen die Teiglinge auf dem Blech wie finnische Touristen an der Costa Blanca. Noch wenige Meter bis zum Heißluft-Konvektomaten AT 90. Elegant bugsiert der Linkshänder die Krustis in das Heißgerät. Ohne zu zögern stellt er die Zeituhr ein, jetzt geht es um Minuten, die Uhr tickt, die Aufbackfans im weiten Rund sind hellauf begeistert. „Krustis, Krustis!“ skandieren sie und schwenken die weißblauen Aldi-Fahnen. Robert K. bleibt cool, hat die Zeituhr fest im Blick. Jetzt ist es soweit, das Klingelsignal durchschneidet Meine Backwelt wie eine Laserkanone. Die lausig bezahlte Hilfskraft öffnet den Ofen mit einer geschickten Rechts-Links-Drehung. Ein Raunen geht durchs Publikum, Dämpfe zischen, Blitzlichter zucken. Robert K. zieht hitzehandschuhbewehrt die gebräunten Brötchen-Imitate aus der Heißluftkammer. Eine Pirouette mit einfacher Schraube und die aufgebackenen Belgier plumpsen in den großen Weidekorb. Tooor! Tooor für Aldi! Aldi ist Weltmeister!

Urlauber buchen um: Aldi statt Mallorca

Keine Frage: Das Gedränge an den Glasscheiben ist wegen der „erlebbaren Frische“ gewaltig, zumal Aldi auch noch „hochwertige Designelemente“ und „eine warme Beleuchtung“ verspricht. Die ersten Kunden wollen wegen dieser Erlebnisdichte ihren Urlaubsort von Malle in Meine Backwelt verlegen, die besten Logenplätze sind seit Monaten ausgebucht.

Nur ganz hinten sitzt einer, der ständig meckert: Schmeckt nicht, schmeckt nicht, schmeckt nicht! Der Junge kauft tatsächlich Brot und Brötchen bei einem richtigen Bäcker. So mit Aroma und Geschmack, mit Zeitwohlstand aus langen Garzeiten und aus echtem selbstgemachten Teig frisch gebacken. Komische Leute gibt’s! Wo doch schon die ersten Teiglinge aus 3-D-Druckern rauspurzeln.

Vor Gericht kein Erfolg für die deutschen Bäcker

* Die Begriffe „backen“ und „frisch backen“ sind nicht geschützt. Aldi darf sie benutzen, obwohl Brot und Brötchen dort nachweislich nur aufgebacken werden. Das heißt: Zugekaufte vorgebackene Tiefkühlteiglinge aus industrieller Massenproduktion werden lediglich erhitzt. Eine manuelle handwerkliche Be- und Verarbeitung des Teigs, Kneten und Gären, die richtiges Backen ausmachen und qualitativ deutlich überlegen sind, finden nicht statt. Die deutschen Bäcker konnten bisher nicht durchsetzen, dass für Backshops und Backstationen, die lediglich aufbacken, die Bezeichnungen „Bäckerei“ und „Backen“ untersagt werden. Missbrauch ist deshalb die Regel. Vor Gericht haben die deutschen Handwerksbäcker mit ihrer Klage gegen Aldi nur einen Vergleich erreicht. Sie scheiterten auch deshalb, weil inzwischen immer mehr echte Bäckereien einen Teil ihres Angebots mit Teiglingen abdecken.

Bild oben: Aldi-Backwelt. | © ALDI SÜD

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