Lidl: Der Billigheimer als Vorreiter?

7.2.2018 – Europas größter Discounter Lidl will ab April 2018 einen "Haltungskompass" im Frischfleischverkauf einführen. Der Konzern nutzt damit das gesetzliche Vakuum und inszeniert sich als Vorreiter beim Tierwohl. Durch Kennzeichnungsziffern von 1 bis 4 soll der Verbraucher – wie bei den Eiern – erkennen, wie gut oder schlecht das Tier gehalten wurde, von dem das Fleisch stammt. Slow Food Deutschland warnt, eine gesetzlich festgeschriebene und einheitliche Haltungskennzeichnung aus den Augen zu verlieren. Eine solche Kennzeichnungspflicht sei ebenso notwendig wie eine Reduzierung unseres viel zu hohen Fleischkonsums.

Fleisch: Der Billigheimer Lidl als Vorreiter?

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Wenn der Staat bremst und blockiert und mit der längst überfälligen gesetzlichen Kennzeichnungspflicht keinen Millimeter vorankommt, dann überlässt er das Feld den Unternehmen. "Lidl" prescht nun vor: Der in der Vergangenheit mit diversen Skandalen, Sozial- und Umweltdumping aufgefallene Riese macht ab diesem Frühjahr sein eigenes Ding: eine vierstufige Kennzeichnung. Demnach steht die "1" für den gesetzlichen Mindeststandard, die "2" für Stallhaltung Plus. Eine "3" bedeutet mehr Platz und Auslauf, "4" entspricht Bio-Qualität. "Wenn jetzt jeder Supermarkt und jeder Discounter ihre eigenen Kennzeichnungsregeln einführen, landen wir bei beliebigen Wildwuchs", kommentiert Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson den Lidl-Vorstoß. "Wer kontrolliert das System, wer definiert es, wer inspiziert die Ställe, wer sorgt für Transparenz und Wahrhaftigkeit der Kennzeichnungen und was bitte ist Stallhaltung Plus? Industrielle Quälhaltung mit Gänseblümchen?"

Bild oben: Slow Food fordert gesetzliche Haltungskennzeichnung für Nutztiere, die Fleisch liefern. | © Stephanie Ebner

Slow Food fordert gesetzliche Haltungskennzeichnung

Die Befürchtung sei groß, so Hudson weiter, dass bei Lidl und möglichen anderen Unternehmen ein letztlich nicht nachprüfbares Eigensystem entstehe, das die Verbraucher täuscht und in erster Linie dem Image des Billigheimers dienen soll. Hudson: "Wir fordern weiterhin eine Haltungskennzeichnung für Nutztiere, die aber nach klaren und für alle Anbieter verbindlichen Richtlinien. Wir werden die Leute auch künftig wohl kaum zum Lidl schicken und deren Billigpreispolitik für Fleisch auch noch unterstützen. Nicht mit Slow Food. Zudem besteht aus Sicht unseres Verbands das Risiko, dass privatwirtschaftliche Initiativen als Alibi die staatliche Kennzeichnung endgültig ausbremsen. Wenn die Discounter und Supermarktketten jeweils ihr eigenes Siegel draufkleben, passiere bei der gesetzlichen bundesweiten Kennzeichnungspflicht für alle erst recht nichts mehr", kritisiert Hudson.

Eine Haltungskennzeichnung für Nutztiere, die Fleisch und Milch liefern, wird seit langem gefordert - auch von den Verbrauchern. 89 Prozent der Deutschen finden sie laut FORSA-Umfrage (Januar 2017, im Auftrag von Greenpeace) hilfreich. 79 Prozent fordern sogar, sie verpflichtend einzuführen. Vor allem deshalb, weil ein undurchschaubares Durcheinander an Labeln, Plaketten und Pseudo-Auszeichnungen selbst kritische und halbwegs informierte Einkäufer komplett verwirrt. Das Fleischangebot in deutschen Supermärkten und Discountern wirkt bisweilen wie eine große grüne Oase mit einem kleinen Restposten aus Quälhaltung. In Wahrheit ist es umgekehrt: 98 Prozent des in Deutschland verkauften Fleischs kommt aus Massentierhaltungen, von denen die meisten gerade eben gesetzlichen Mindeststandards genügen.

Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson: "Wir werden die Lidl-Initiative und ihre Umsetzung genau beobachten und gemeinsam in unserem Netzwerk weiter für eine gesetzlich vorgeschriebene, für alle verpflichtende Haltungskennzeichnung bei Fleisch- und Milchprodukten kämpfen. Sie muss und sie wird kommen. Genauso wichtig aber ist es, die Verbraucher davon zu überzeugen, weniger Fleisch zu konsumieren. Wir müssen zurück zum Sonntagsbraten. Nur eine deutliche Reduzierung hilft Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen."

Lidl ist bei der Kennzeichnung in die Offensive gegangen. Das mag aus Sicht von Europas größtem Discounter Sinn machen. Es zeigt zugleich, dass einige Lebensmittelriesen offenbar weiter sind als die Politik.

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