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Schäferei retten: Kulturlandschaft braucht Schafe

Schäfer mit Moorschnucken in einem Naturschutzgebiet in Niedersachsen. | © Stefan Abtmeyer

17.3.2018 – Es gibt Kulturlandschaften, von denen sind Schafe nicht wegzudenken. Gleichzeitig braucht es aber auch genau diese Schafe zum Erhalt dieser Wiesen, Berg- und Hügellandschaften, denn ohne die Landschaftspflege der Schafe durch Beweidung würden sich diese Kulturlandschaften in Wald verwandeln. Schafe liefern als Dreinutzungstier traditionell Milch- und Fleischprodukte sowie Wolle. Warum ist die Schäferei in Deutschland also vom Aussterben bedroht? Dieser Frage widmete sich Ursula Hudson (Vorsitzende von Slow Food Deutschland) während eines Podiums beim „Markt des guten Geschmacks – die Slow Food Messe“ in Stuttgart im Gespräch mit Günther Czerkus (Bundesverband Berufsschäfer) und Norbert Fischer (Langenburger Schafkäserei). Von Sharon Sheets.

Dass die Leistungen der Schäferei weit über die Versorgung mit Schafprodukten hinausgehen, der Schäferei eine bedeutende kulturelle und soziale Bedeutung zukommt und sie eine wichtige ökologische Rolle einnimmt, machte Günther Czerkus gleich zu Beginn der Diskussion deutlich: „Die Schäferei trägt zum Erhalt der biologischen Vielfalt bei, indem Schafe z. B. Kleintiere wie Insekten von A nach B tragen, sie fungiert als Landschaftspfleger, indem etwa Weiden in Ortsnähe durch Abgrasen sauber gehalten werden, und stellt sicher, dass Kulturlandschaften wie Weiden, Berg- und Hügellandschaften nicht zu Wald werden“. Neben diesen Kultur- und Umweltleistungen bieten Schafe außerdem Milch- und Fleischprodukte sowie Wolle. Gute wirtschaftliche Möglichkeiten - sollte man meinen. Dass dem aber nicht so ist, zeigen einige wenige Fakten zur Erwerbsschäferei auf einen Blick: Viele Erwerbsschäfer müssen von Subventionen leben, die mangelnde Wertschätzung von Lammfleisch über das Jahr hinweg und fehlende Vertriebswege erschweren den Absatz von Fleischprodukten aus Lamm. Etwas besser sieht es im Bereich der Käseerzeugung aus, aber die Umwelt- und Kulturlandschaftserhaltungsleistungen der Schäferei werden zur Zeit zwar politisch und zivilgesellschaftlich anerkannt und geschätzt, aber nicht bezahlt.

Schäferei in Gefahr

Die aktuelle Lage der Schäfer ist dramatisch: Momentan gibt es nur noch rund 950 Erwerbsschäfereien in Deutschland und die meisten kämpfen ums Überleben, verdienen weniger als den Mindestlohn. Zwischen 2010 und 2016 mussten circa 13% der erwerbsmäßigen Betriebe aufgeben. Auch die Zahl der gehaltenen Mutterschafe und die Größe der bewirtschafteten Fläche dieser Betriebe hat sich um 14% beziehungsweise 16% verringert. Ein weiteres Problem ist vor allem auch der Nachwuchs: Es finden sich kaum junge Leute, die den Beruf des Schäfers aufnehmen wollen. Die Kombination aus harter Arbeit und der häufig fehlenden Wirtschaftlichkeit macht es noch schwieriger Nachfolger zu finden als in anderen Bereichen der Landwirtschaft. Laut Norbert Fischer sei das Problem nur zu lösen, indem man die Nachwuchsgeneration selbst produziert. In der Tat nehmen eher junge Leute den Beruf auf, deren Familienangehörige schon in dem Bereich gearbeitet haben.

Was ist aus dem Dreinutzungstier geworden?

Traditionell liefern Schafe nicht nur Fleisch- und Milchprodukte, sondern auch wertvolle Wolle, aus der man Schuhe, Textilien und Kleidung machen kann. Dass die Realität heute ganz anders aussieht und Schafwolle in Europa kaum noch weiterverarbeitet wird, konnten die Teilnehme während des Podiums erfahren: Heutzutage gibt es kaum noch Strukturen zur Wollweiterverabeitung in Europa, diese sind fast komplett zusammengebrochen. So ist die letzte deutsche Kämmerei in Bremerhaven der Konkurrenz aus China zum Opfer gefallen und auch europaweit gibt es nur noch vereinzelt Wollwäschereien, in Tschechien und Belgien zum Beispiel. Dadurch ist lokale Wolle praktisch unverkäuflich geworden. Einerseits müsste man deutsche Wolle erst mal exportieren, um sie waschen zu lassen, und sie dann wieder zu importieren. Andererseits gibt es das Problem, dass die Vielfalt an Schafwollen gar keinen Absatz mehr findet: Günther Czerkus ärgert es, wenn er sieht, dass fast nur noch Wolle von Merinoschafen weiterverarbeitet und auf dem Weltmarkt Absatzchancen hat. „Gefühlt ist Merinowolle sofort verkauft, noch bevor sie auf dem Lkw ist. Andere Schafwollen erfreuen sich aber nicht mehr dieses Interesses. Sie haben keinen Absatzmarkt mehr“, so Czerkus.

Wolle ist kein landwirtschaftliches Produkt

Hinzu kommt, dass die fehlenden Absatzchancen den hiesigen Schäfern sogar die Entsorgung erschweren. Als wäre es nicht genug, dass sie ein kostbares Gut nicht nutzen können, sogar die Entsorgung ist kompliziert: „Was nicht verkäuflich ist, ist laut Gesetz als Sondermüll zu betrachten. Das Hauptproblem ist, dass Wolle nicht als landwirtschaftliches Produkt angesehen wird sondern als landwirtschaftliches Nebenprodukt. Laut EU-Statut braucht man für solche Produkte spezielle Genehmigungen, allein schon für den Transport. Wir kämpfen also dafür, dass Wolle aus dieser Kategorie rausgenommen wird und Schafe wieder als Dreinutzungstiere für Wolle, Fleisch und Milchprodukte genutzt werden können“. Wolle sieht man in Deutschland häufig, läuft man zum Beispiel übers Oktoberfest, ist diese unübersehbar. Der Blauäugigkeit zu glauben, dass diese aus hiesig weiterverarbeiteter Wolle stamme, macht Czerkus schnell ein Ende indem er erklärt, dass viel von dieser Wolle in so weit entfernten Weltregionen wie etwa Neuseeland erzeugt wurde.

Politische Maßnahmen zum Erhalt der Schafbestände unumgänglich

Auf Grund des Rückgangs der Schafbestände und der Wanderschäfer in Deutschland, lautet eine wichtige politische Forderung deshalb, die sozialen, kulturellen und umweltschonenden Leistungen der Schäferei anzuerkennen und ihnen auch die Weidetierprämie zuzusprechen. Die Weidetierprämie wird pro Tier gezahlt und ist zum Erhalt der Bestände von Schafen und Ziegen gedacht. Die Weidetierprämie ist eine jährliche Direktzahlung zusätzlich zur Flächenprämie. Die Gelder dafür kommen zu 100% aus dem EU-Haushalt. Allerdings weigert sich Deutschland als einziger Mitgliedsstaat der EU, gekoppelte Zahlungen auszureichen. In 22 Mitgliedsstaaten der EU wird für Schafe eine Prämie ausgereicht. Momentan kämpfen die Schäfer hierzulande für die Einführung der Weidetierprämie in Deutschland ab 2019.

Was können Sie tun?

Unterschreiben Sie jetzt die Petition „Rettet die letzten Schäfer/innen Deutschlands – Traditionsberuf am Ende! #SchäfereiRetten“ auf change.org

Informieren Sie Ihr Netzwerk über die Lage der Schäfer in Deutschland und nutzen dazu >> folgendes Plakat.

Geben Sie Lamm- und Ziegenfleisch eine Chance und fragen dieses bei Schäfern in der Nähe nach. Der Bundesverband Berufsschäfer e.V. hat sogar einen Online-Shop eröffnet www.berufsschaefer.de

Tipps zur eigenen Verarbeitung in der Küche bietet das Buch "Lamm und Zicklein – nose to tail"

#Schaefereiretten


Auf dem Podium (v. li. n. re): Norbert Fischer (Langenburger Schafkäserei), Ursula Hudson (Vorsitzende von Slow Food Deutschland), Günther Czerkus (Bundesverband Berufsschäfer). | © Ingo Hilger


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