Besuch bei Chiemgaukorn

Terra-Madre-Tag bei Chiemgaukorn

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Linsen aus Deutschland sind eine Rarität. Der Grund dafür liegt in verschiedenen Schwierigkeiten beim Anbau der Kulturpflanze von der Aussaat bis zur Ernte. Einer der wenigen deutschen Bio-Landwirte, der mit der Leguminose Linse als Partnerin in einem bodenschonenden Fruchtfolgensystem arbeitet, ist Diplom-Agraringenieur Stefan Schmutz im oberbayerischen Chiemgau. Slow Food Deutschland besuchte ihn auf seinem Hof in der Veranstaltungsreihe „Slow Food Wurzeltour“, um im Internationalen UN-Jahr der Hülsenfrüchte am Ort des Ursprungs des Lebensmittels Linse mehr zu erfahren. Anlass war der internationale Aktionstag von Slow Food, der Terra Madre Tag, am 10. Dezember.

Fruchtbarer Boden ist lebenswichtig. Weit über 90 Prozent aller Nahrungsmittel kommen aus dem Boden. In einer Hand voll Ackerkrume leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde. Monokulturen, Mineraldünger, Ackergifte und intensive Bodenbearbeitung können dieses Leben stark beeinträchtigen. Millionen Hektar fruchtbarer Boden gehen jedes Jahr durch Intensivlandwirtschaft verloren. Ein zentraler Aspekt der Bio-Landwirtschaft ist die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit durch andere Anbausysteme als die der konventionellen und industrialisierten Landwirtschaft.

Rupert Ebner, Mitglied im Vorstand von Slow Food Deutschland e. V. und Referent für Gesundheit, Klimaschutz und Umwelt der Stadt Ingolstadt, betonte, dass die Ressource Boden in der Arbeit von Slow Food Deutschland eine zentrale Rolle spielt: „Vor einem Jahr haben wir das Schulprojekt „Boden Begreifen“ ins Leben gerufen. Es gedeiht wie eine Pflanze auf fruchtbarem Boden. Inzwischen haben wir mehr als 800 Schülern in 15 Schulen in Berlin, Potsdam und München das Thema Bodenfruchtbarkeit näher bringen können und dank eines bayerischen Sponsors, der Öko-Brauerei Neumarkter Lammsbräu, wird das Projekt noch weiter wachsen können.“

„Ein fruchtbarer Boden ist unser wichtigstes Kapital.“

Auf den Feldern des Bio-Hofs Chiemgaukorn wachsen die Getreidearten Weizen, Roggen, Ur-Dinkel, Braunhirse, Hafer, Einkorn und Emmer. Dabei wechselt der Anbau von Getreide mit dem Anbau von Leguminosen, also Hülsenfrüchten, zum Beispiel Linsen, Erbsen, Bohnen oder Klee, und anderen Fruchtarten wie Lein oder Buchweizen ab. Naturland-Bauer Stefan Schmutz erläuterte seine Anbau- Philosophie: „Wir begreifen den Boden als Organismus und unser wichtigstes Kapital. Das Anbausystem des Chiemgaukorn-Hofs besteht deshalb in einer besonders bodenschonenden Bewirtschaftung durch die Entwicklung von naturnahen Anbausystemen bzw. Pflanzengesellschaften, ähnlich den natürlichen Pflanzenmischungen in Wald und Wiese. Wir setzen außerdem auf Vielfalt - bis zu 20 verschiedene Kulturpflanzen wachsen bei uns auf den Feldern - auf Mischkulturen, ausgewogene Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte und Untersaaten und den gezielten Anbau von Leguminosen, um den Boden nicht zu ermüden und natürlicherweise mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen.“

Die Mehrzahl der Leguminosen gehen in ihren Wurzeln eine Symbiose mit Luftstickstoff fixierenden Bodenbakterien aus der Familie der Knöllchenbakterien ein und stellen den fixierten Stickstoff der nächsten Fruchtart zur Verfügung. Stickstoff ist für das Wachstum von Pflanzen wichtig. Leguminosen tragen so durch die Bereitstellung von organischem Dünger wesentlich zur Fruchtbarkeit des Bodens bei. Chemischer Stickstoff-Dünger hingegen ernährt nur die Nutzpflanze, aber nicht die Bodenorganismen, die für den Aufbau von Humus wichtig sind. Sie verhungern. Die Bodenfruchtbarkeit schwindet allmählich.

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"Der Anbau der Linse ist eine fachliche Herausforderung!"

Der Chiemgaukorn-Hof experimentiert seit 2009 mit verschiedenen Linsenarten. „Die Linse ist ein jahrtausendealtes wertvolle Nahrungsmittel, sie liefert wichtiges Eiweiß und passt gut als Ergänzung in unser Getreide- und Öl-Sortiment, das auch auf die menschliche Ernährung zugeschnitten ist. Am besten schmeckt uns selbst die Beluga-Linse, die wir jetzt anbauen. Sie entwickelt beim Garen ein nussiges Aroma, das an Maronen erinnert“, sagt Julia Reimann, Lebenspartnerin von Stefan Schmutz und ebenfalls Diplom-Landwirtin, die für die Vermarktung zuständig ist.

Slow-Food-Vorstand Ebner wies in diesem Zusammenhang auch auf die kulturelle Bedeutung der Linse hin: „Sie ist völkerverbindend. Denn die Linse ist ein Nahrungsmittel, das nicht nur bei uns eine sehr lange Tradition hat, sondern auch in den Küchen anderer Kulturen dieser Welt, so auch bei vielen Menschen, die zur Zeit bei uns Schutz suchen.

Aber die Linse macht es dem Landwirt nicht einfach. „Der Anbau ist eine fachliche Herausforderung“, schreibt das Informationsportal oekolandbau.de - ein Grund, weshalb der Linsenanbau in Deutschland lange Zeit nahezu erloschen war. Sie kann zwar auf Böden mit geringer natürlicher Ertragskraft angebaut werden, ist aber wenig standfest, konkurrenzschwach und ertragsarm.

Stefan Schmutz drückt das so aus: „Die Linse ist ein zartes Wesen. Da sie vor allem bei starken Niederschlägen während der Blüte und Reifezeit leicht umknicken und am feuchten Boden verschimmeln, braucht sie eine andere Pflanze, die sie stützt. Wir haben sie beispielsweise schon im Gemenge mit Sommerweizen, Hafer oder Dinkel angebaut. Das Problem, das daraus entsteht, ist der Erntezeitpunkt. Reifen die Linsen später als die Stützfrucht, können sie zum Beispiel bei Regen in der Hülse bereits wieder zu keimen anfangen.“ Dann sei das Korn unwiderbringlich verloren. Klappe es mit dem Reifezeitpunkt der beiden Feldfruchtarten witterungsmäßig gut, wartet am Ende noch der Mehraufwand bei der Trennung und Reinigung des Ernteguts. Dazu musste ein eigenes technisches System auf dem Hof entwickelt werden.

Weiterhin sei die Linse – positiv ausgedrückt – eine gesellige und empfindsame Kreatur, sagt Schmutz. „Sie denkt sich: Ich wachse jetzt mal los und wenn jetzt andere Pflanzen – also Unkräuter aus Sicht des Landwirts - neben mir wachsen, ist es für mich auch total in Ordnung. Sie mag nicht alleine sein, nicht unter sich sein. Sie mag die Vielfalt. Das Problem dabei ist, andere Gräser setzen sich gegen sie schnell durch und bei einer feuchten Witterung wie in diesem Jahr, finden wir zum Erntezeitpunkt die Linsen auf dem Feld gar nicht mehr. Die Fläche sah aus wie eine große Wildblumenwiese. Ein Wunder, dass am Ende doch noch ein paar Körner in den Korntank getröpfelt sind. Ich habe nur die Menge geerntet, die ich ausgesät habe. Ein Totalausfall.“

Über die bei den Linsen hervorragend gedeihenden Ackerwildkräuter freuten sich viele blütenbesuchende Insekten, aber der Landwirt habe auf der Fläche dann noch mehrere Jahre mit ihnen zu kämpfen. Sie führen außerdem zu Verlusten bei der Erntemenge, da die Linsenkörner im Mähdrescher an der feuchten Biomasse kleben bleiben. Auch wenn laut Schmutz die Ackerbohne ein Kinderspiel wäre im Vergleich zur Linse, möchte er an der Linse festhalten: „Sie ist eine tolle Frucht. Sie schmeckt gut, ist gesund und bringt auch noch etwas für die Bodengesundheit. Wir wollen das anbauen und wachsen sehen, was wir auch selbst essen.“

Slow Food Arche-Passagier Alb-Leisa


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Slow Food Arche-Passagier Alb-Leisa

Die Alblinse von der Schwäbischen Alb, Passagier auf der Arche des Geschmacks, einem internationalen Projekt der Slow Food Stiftung für Biodiversität, wurde bei der Veranstaltung ebenfalls vorgestellt und verkostet. Dr. agr. Fritz Feger, Mitglied bei Slow Food Tübingen/Neckar-Alb, vertrat die Erzeugergemeinschaft Alb-Leisa. Er sagte: "Dass es 2006 gelang, die seit den 60er-Jahren verschollenen alten Linsensorten Späths I und II in einer Samenbank in St. Petersburg wiederzufinden, und dass diese heute von über 60 Landwirten auf der Schwäbischen Alb wieder angebaut und vermarktet werden, ist eine der schönsten Erfolgsgeschichten – aus kulinarischer Sicht, für die Biodiversität und für die kulturelle Identität der Alb.

Kontakt:

Bio-Hof Chiemgaukorn

Weiding 3

83308 Trostberg

Tel: 08621-806133

www.chiemgaukorn.de

300 Jahre alte Hofstelle, seit 2005 ökologisch bewirtschaftet Mitglied beim Anbauverband Naturland und bei Ökoqualität aus Bayern

Familienbetrieb, bewirtschaftet von: Julia Reimann, Dipl. Ing. agr. Stefan Schmutz, Dipl. Ing. agr.

Bewirtschaftete Flächen: Acker, Wald, Grünland, Streuobstwiesen

Nachhaltige Anbaumethoden: bodenschonende pflugarme Bewirtschaftung mit weiten Fruchtfolgen, Zwischenfrüchten, Untersaaten, Mischfruchtanbau und Leguminosen-Getreide-Gemenge; ohne Pestizide, ohne synthetische Düngemittel, ohne Gentechnik. Hohe Agrobiodiversität: teilweise bis zu 20 verschiedene Pflanzenarten gleichzeitig auf den Feldern; außerdem gezielte Förderung von Feldlerchen durch sogenannte Lerchenfenster auf dem Feld.

Angebaute Getreidearten, unter anderem Ur-Getreide: Weizen, Roggen, Ur-Dinkel, Braunhirse, Hafer, Einkorn und Emmer. Weitere angebaute Feldfrüchte: Lein, Leindotter, Buchweizen, Hanf. Angebaute Leguminosen: Der Hof gehört zu den ganz wenigen Höfen in Deutschland, der Linsen anbaut. Weitere angebaute Leguminosen: Erbsen, Bohnen, Klee. Produkte: Getreide und Getreideprodukte (ganze Körner, Mehle, Grieße, Flocken, Kleie, Grütze, Schrot, Nudeln, Perl-Getreide); Beluga-Linsen, Leinsamen, Buchweizen, kaltgepresste Speiseöle (Leindotter, Lein, Hanf).

Preise: Wettbewerb „Bayerns beste Bio-Produkte 2015“ der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern e.V., Gold (Bayerischer Reis) und Silber (Leindotteröl).

Text: Katharina Heuberger (Slow Food - Pressebüro München)

Fotos: Wolfgang Hirschpoltner

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