Gasse in Lübeck

Convivium Lübeck

stellvertretende Convivienleitung: Petra Schiwiaka
Kontakt: luebeck@slowfood.de

Lübecks Brauereigeschichte

In den Anfängen der lübecker Braukunst braute jeder Haushalt für seinen eigenen Bedarf. Es war ein Bürgerrecht, Bier brauen zu dürfen. Und da sowieso nur eine Minorität der Bürger, die über ein geeignetes Haus und die erforderlichen Einrichtungen verfügten, von diesem Recht gebrauch machte, war eine Einschränkung dieses Braurechtes bis ins 14te Jahrhundert nicht nötig.

Das wurde mit der Verordnung von 1363 anders. Im Laufe der Jahrzehnte kristallisierten sich die gewerblichen Brauer heraus. Man merkte, daß ein Gebräu das in größeren Kesseln gebraut wurde und längere Zeit lagerte, besser gelang als das in kleinen Hausbrauereien der Fall war. Mitte des 14ten Jahrhunderts stellten die gewerblichen Brauer eine Eingabe zwecks der Verleihung der Kooperationsrechte an den Rat mit der Begründung, daß es wohl besser und im Interesse der Allgemeinheit sei, wenn eine korporelle Organisation Zwangsgewalt über die Mitglieder hat, als wenn jeder Brauer seinen eigenen Weg beschreitet. Die Brauer wollten im Gegensatz zu den Handwerkern kein Amt sondern eine Verbindung wie die Kaufleute bilden. Dieses wurde aber nur den Rothbierbrauern, diesen aber auch erst nach 25 Jahren, zugestanden. Nach der Verordnung von 1363 mußten sie ein Amt bilden und vier Älterleute wählen, die die Brauerzunft, so hieß die Vereinigung fortan, im Gegensatz zu den übrigen Handwerkern, die sich Ämter nannten, gegenüber dem Rat der Hansestadt Lübeck vertraten. In der bereits erwähnten 2ten Brauordnung von 1388 bekamen die Rothbierbrauer die schon 1363 erbetene kaufmännische Organisation. Das von ihnen eingebraute Bier war stärker als das Pfennigbier und Stophbier welches die Weißbierbrauer herstellten und eignete sich wegen des höheren Alkoholgehaltes gut für den Export. Das Exportbier mußte lange haltbar sein, um die langen Schiffsreisen z.B. bis nach Riga, Bergen, Holland und Flandern zu überstehen. Neben dem hohen Alkoholgehalt, der eine desinfizierende Wirkung hat, war das Exportbier auch stark mit Hopfen versehen, der der Haltbarkeit förderlich ist. So wird der Hopfenanbau auf lübecker Gebiet bereits Anfang des 13ten Jahrhunderts erwähnt. Bis auf das Grutbier wurden alle Biere gehopft. Den Stellenwert des Hopfens bereits im 14ten Jahrhundert bezeugt eine aus der ersten Hälfte des 14ten Jahrhunderts stammende Hopfenverordnung, nach der die Brauer Vorkaufsrecht besaßen. Im 15ten Jahrhundert durften die Kaufleute erst einkaufen, wenn der Hopfen zwei Tage lang den Stadtbrauern auf dem Markt zur Verfügung stand. Der Hopfenanbau endete in Lübeck im 17ten Jahrhundert.

Um 1500 trat im lübecker Brauwesen eine einschneidende Veränderung ein. Bisher wurde fast nur das dunkele Rothbier gebraut. Der Trend ging aber immer mehr zum hellen Bier, sodaß das helle Hamburger Bier immer mehr importiert wurde. Der Brauer Hans Frille in der Fischergrube war der erste, dem es gelang ein helles Bier nach Hamburger Art zu brauen, welches allgemeine Anerkennung fand und fortan Frillenbier genannt wurde. Die Zahl der Weißbierbrauer stieg stark an, sodaß sie 1530, also 167 Jahre nach den Rothbierbrauern, eine eigene Zunft bildeten. Ab 1620 brauten die jetzt arg gebeutelten Rothbierbrauer auch Weißbier und nannten es Bleichbier, denn Weißbier durften eigentlich nur die Weißbierbrauer brauen. Es gab zu dieser Zeit 173 Brauhäuser in Lübeck. Der Konkurenzkampf war enorm groß. Man legte beide Zünfte 1669 wieder zusammen und führte 1672 die Reihebrauverordnung ein. Diese sicherte bis zum Jahre 1865 jedem Brauer seinen Absatz. Es wurden 4 Quartale gebildet, jedes mit 40 bis 45 Brauereien. Wenn Brauer 1 das letzte Lagerfaß angestochen hatte, durfte Brauer 2 sein Bier einbrauen. Wenn der letzte Brauer an der Reihe war, fing man wieder von vorne an. Verständlich, daß kein Brauer mehr großes Interesse an der Bierqualität hatte. Wenn das Gebräu nicht gänzlich ungenießbar war und die Bierprüfung nicht bestand, wurde es verkauft. Es gab ja kein anderes Lübecker Bier.

Der Bierkonsum ging langsam zurück, weil die oberen Schichten immer mehr Rotwein tranken. Zudem wurde immer mehr Bier aus dem Ausland ins reichsfreie Lübeck importiert, sodaß die Brauereien sich zusehends zum Nebenerwerb entwickelten. 1804 gab es zwar nur noch 132 Braustätten, aber das waren noch 100 zuviel. 1865 hat man nach mehr als 100 Jahren Debatte in der Bürgerschaft die Gewerbefreiheit eingeführt und somit die Zünfte mit Abfindungen aufgelöst. Für die Brauer viel zu spät. Jahrhunderte konnte in ihren Betrieben nichts mehr investiert werden. Die Kapitaldecke war so dünn, daß von den alten Brauereien nur wenige überlebten.

1866 wurde dann die erste industrielle Brauerei von Jürgen - Heinrich - Christian Lück an der Geniner Straße errichtet, die untergäriges Helles braute welches in anderen Städten schon längst Standard war. Es folgte die Aktienbierbrauerei 1882 (1931 mit Lück fusioniert), 1883 die Hansabrauerei (1952 mit Lück fusioniert) und 1907 die Vereinsbrauerei die 1920 von Lück übernommen wurde. Einzig die Brauerei Bade in der Hüxstraße 128, geschlossen 1967, und die Brauerei Wilcken (übernommen 1972 von Lück) haben von den alten Innenstadtbrauereien mehr als ein Jahrhundert lang die Gewerbefreiheit überlebt.. Ein relativ langes Leben war auch der Bierbrauerei Stamer in der Meierstrasse beschert. Sie wurde 1888 gegründet und, wie könnte es anders sein, 1950 von Lück übernommen.

1988 schien das Kapitel der lübecker Brauereigeschichte beendet zu sein. Die Brauerei Lück wurde von ihrem letzten Eigentümer, der Hamburger Bavaria - St. Pauli .- Brauerei geschlossen. Doch die Geschichte fängt wieder von vorne an wie 600 Jahre zuvor. Noch im selben Jahr eröffneten zwei Hausbrauereien, wovon eine bereits wieder geschlossen hat. 1994 wurde in der Kronsforder Allee die Brauerei Bange gegründet. Sie versucht sich, indem sie die jahrhunderte alte Tradition des Rothbierbrauens wieder hat aufleben lassen, gegen die Mitbewerber aus dem nichtlübschen "Ausland" zu behaupten, der Verpflichtung der großen lübecker Brauereigeschichte bewußt.

In der Geschichte zeigt sich doch Gerechtigkeit. 1794 entwischte der Brauer Johann Hinrich Borchers seiner Zunft und übernahm die Greensche Druckerei. Genau 200 Jahre später eröffnete der Verfasser dieser Zeilen seine Brauerei - er war vorher Drucker.

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