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NAHRUNG FÜR GEDANKEN          Foto: H. Riegel

Gute Erfahrungen

Der 7-auf-einen-Streich-Bio-Bauer

Von Hans-Werner Bunz

Als Hilmar Cäsar vor 53 Jahren mit seinem ersten Schrei die Welt begrüßte, lächelten die Eltern: ein Nachfolger für ihren Hof in Eßleben, seit 1978 eingemeindeter Ortsteil von Werneck mit einer Geschichte von über 1240 Jahren. Das Dorf mit seinen hufeisenförmigen Gehöften um die Kirche und den vielen über die Jahrzehnte neu gebauten Wohnhäusern rundum ist nach wie vor von landwirtschaftlichen Betrieben geprägt; stattliche Höfe, einige vom Bauernverband als vorbildlich etikettiert, hochspezialisiert, haben sie sich am östlichen Ortsrand mit wuchtigen Neubauten ausgebreitet: Bullenmast plus Biogas, Milchvieh plus Biogas, Maisanbau plus Biogas, beispielsweise. Auch Hilmar Cäsar hat hier neu gebaut: einen Stall, aber ohne Biogasanlage, dafür mit einer Wiese als Vergnügungsfläche von fast 2,5 Hektar (24.000 qm) für 6.000 Hühner - vier Quadratmeter pro Tier zusätzlich zum Stall mit Wintergarten, der weitere 10.000 Quadratmeter misst, wie es die Bio-Organisation Bioland für Legehennen einfordert. Und eine Investition von gut 720.000 Euro fürs Gewährleisten der artgerechten Haltung und des Wohlfühlens der Tiere.

Eigentlich begann alles ganz anders. Zwar wusste Hilmar Cäsar schon früh in seinem Leben, dass er Landwirt werden wollte. Seiner Übernahme des elterlichen Hofes stand der jüngere Bruder auch nicht im Wege, da dessen Interesse Maschinen sind. Früh schon war ihm bewusst, dass Selbständigkeit kaufmännisches Wissen erfordere, weshalb er zuerst eine kaufmännische Lehre in einem Würzburger Handelsunternehmen absolvierte, bevor er eine landwirtschaftliche Ausbildung begann vom Lehrling bis zum Meister im seinerzeit modernen Geist der so genannten konventionellen* Landwirtschaft. Der Geselle und Meister arbeitete im stattlichen elterlichen Bullenmastbetrieb - 250 Bullenkälbchen, gerade mal acht Wochen alt und 80 kg wiegend, wurden in 16 Monaten auf etwa 700 kg Lebendgewicht gefüttert - bis ihm der Vater im Jahr 1992 den Hof übergab. Schon vorher ließ das Dynamische im Namen des Jungbauern den Hof flächenmäßig wachsen durch gepachtete und zugekaufte Flächen. Richtig groß freilich wurde der Betrieb durch die Einvernahme auf Pachtbasis des zum Schloss Werneck gehörenden Bauernhofs mit 100 Hektar und der Domäne Dächheim mit 130 Hektar, im Maintal gelegen zwischen Garstadt und Wipfeld als Ortsteil von Waigolshausen. Seit 1996 ist dieser stattliche Hof mit Gesindegebäuden und Scheunen und Werkstätten Verwaltungssitz und Wohnsitz der Familie Hilmar Cäsar, die inzwischen ebenfalls gewachsen war auf fünf Personen durch zwei Söhne und eine Tochter.

Auf dem Weg zum Bio-Bauer
Das betriebliche Wachstum freilich war zugleich eine grundsätzliche Veränderung des Unternehmens: nunmehr war die Bewirtschaftung des Bodens der Hauptzweck. Und auch hier verwirklichte der Landwirtschaftsmeister, Bullenmäster, Ackerbauer, Sohn, Ehemann und Vater das Ackerbauliche wie gelernt: konventionell. Aber längst hatte ihn ein Unwohlsein befallen, vor allem wenn er die Kälbchen, Jungbullen und Bullen sah in ihren Käfigen mit Holzspaltenboden, in denen sie jeweils zu acht ihr ganzes Leben verbrachten, bei wachsendem Körperumfang mit immer weiter schwindendem Platz, den letzten Lebensmonat verbringend mehr stehend als gehend oder gar liegend, das zum Wiederkäuen so wohltuend. Was konnte er tun, um den Tieren es angenehmer zu machen? Weniger Tiere pro Box war seine Lösung: zu sechst hatten sie mehr Platz, dazu durch konstant offene Fenster auch reichlich frische Luft, beides tat ihnen sichtlich gut. Ohne grundsätzliche Änderung aber, das war dem Bullenmäster klar, ist eine tiergerechtere Haltung nicht möglich. Das Unbehagen blieb. Und so sann er auf Abhilfe, sah sich mehrere Jahre nach Alternativen zur so genannten konventionellen Landwirtschaft um, besuchte Seminare und kam am Ende dann zum Schluss: Sinnvoll ist die Umstellung auf Bio! Und Bioland e.V., dem organisch-biologischen Landbau verschrieben, sei der ihm gemäße Verband. Zwei Jahre dauerte die Umstellung, seit dem Jahr 2007 sind Cäsars Höfe Bioland zertifiziert, die Bullenmast freilich musste aufgegeben werden, da sie enorme Investitionen erfordert hätte der Bioland-Anforderungen wegen.

Mit der Natur statt gegen sie
Gewöhnlich attestiert man einem Bio-Betrieb eine geringere Erntemenge, als dem konventionellen Kollegen. Das stimmt freilich nicht immer, zumindest nicht bei Hilmar Cäsar beim Thema Getreide: Sät er die Saat in einem Reihenabstand von 30 Zentimetern, ist dieser bei jenem nur 12 Zentimeter. In der Summe sähen dennoch beide die gleiche Saatgutmenge pro Fläche. Der breitere Reihenabstand bringt dem Bio-Bauern aber zwei Vorteile: Mit dem Schlepper kann er zeitsparend ohne Beschädigung des Getreides durchfahren und zugleich das Unkraut maschinell hacken, den Boden lüften und die Wasserverdampfung unterbinden: einmal hacken erspart dreimal wässern – ökonomische und umweltschonende Vorteile. Der konventionelle Kollege hingegen spritzt glyphosathaltiges Herbizid gegen das Unkraut und muss bei Trockenheit künstlich bewässern, beides kostet Geld und schädigt die Umwelt.

Sieben mit einem Streich
Für einen Bioland-Betrieb ist Monokultur keine Option, Vielfalt ist angesagt: Vielfalt in der Fruchtfolge –Cäsar lässt erst nach fünf bis sieben anderen Feldfrüchten wieder die erste Frucht zur Wiederholung auf dem Acker zu. Diese Vielfruchtfolge fördert das Bodenleben, hält den Boden fruchtbar und fördert wiederum die Vielfalt der produzierten Produkte. Der „Sieben-mit-einem-Streich-Bio-Bauer“ kann deshalb sieben sehr unterschiedliche Märkte mit Bioprodukten versorgen:
1. Den Bio-Zuckermarkt mit Zuckerrüben; die spezialisierte Fabrik ist – leider - 180 Kilometer entfernt.
2. Den heimischen Bio-Speisekartoffelmarkt mit vier bis fünf Sorten, abhängig vom Boden, der jährlichen Verkostung mit Kollegen und den Wünschen des Hauptabnehmers.
3. Den Bio-Feldgemüsemarkt mit Möhren und Rote Bete zur Saftgewinnung.
4. Den Bio-Speiseöl und –körner Markt mit Sonnenblumensorten.
5. Den Bio-Getreidemarkt mit Roggen, Weizen, Dinkel und Braugerste.
6. Den Bio-Futtermarkt mit Soja-Bohnen und Maiskörnern.
7. Den Bio-Eiermarkt mit Hühnereiern des eigenen Legehennenbetriebs in Eßleben. Das Futter der Tiere bekommt das Slow Food Mitglied (seit 2011), wie andere Bio-Betriebe auch, von der auf Bio-Tierfutter spezialisierten Kaisermühle in Gänheim bei Arnstein, zugleich ein Kunde für sein Getreide.

Landwirtschaftliche Großbetriebe, auch so mancher mit Bio-Siegel, tendieren gerne zur Monokultur. Cäsars Betrieb ist das Gegenteil und damit eigentlich das, was man einen echten Bauernhof nennt, auch wenn alles modern und so weit wie möglich arbeitssparend organisiert ist. Die Produkte- und Märktevielfalt vermindern das unternehmerische Risiko, erweitern die unternehmerische Freiheit, fördern das Bodenleben und damit die Fruchtbarkeit der Böden, was sich letztlich wieder in besserer Qualität der Produkte niederschlägt. Die Modernität des Betriebs zeigt sich auch in der geringen Mitarbeiterzahl für die 350 Hektar: Hilmar Cäsar und zwei fest angestellte Mitarbeiter sowie nach Gesetz bezahlte Saisonkräfte. Bald wird der älteste Sohn, studierter Agrarwissenschaftler der Hochschule Weihenstephan in Freising, mitwirken und sein erworbenes Wissen auch praktisch einbringen.

Hilmar Cäsar, Gut Dächheim 1, 97534 Waigolshausen, Tel: 09384-360, eMail: hilmar.caesar@t-online.de

*) Konventionell, laut Duden „hergebracht“, also traditionell, ist ein Euphemismus zum Beschönigen des Einsatzes von Chemie- und Pharmazieprodukten im Landbau und der nicht artgerechten Viehhaltung


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