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NAHRUNG FÜR GEDANKEN      (Foto: H. Riegel)

Gute Ideen

Alles Bio - aber nicht des Geschmacks wegen

Bio-Lebensmittel des Geschmacks wegen kaufen? Wer so denkt, denkt viel zu kurz. Denn besserer Geschmack ist höchstens ein Nebeneffekt.

„Wer ein Lebensmittel nur nach dem Geschmack beurteilt, ist ein Dummkopf.“ Carlo Petrini, Slow Foods Internationaler Präsident, liebt klare Worte, wenn’s um Lebensmittel geht. Immer wieder präsentieren die Medien Politikeraussagen und Untersuchungen, manche mehr, manche weniger wissenschaftlich, die feststellen, das untersuchte Objekt weise keine oder höchstens kleine Geschmacksvorteile auf für das Bio-Produkt. Konventionell erzeugte Lebensmittel seien genauso gut, ist die Botschaft, kauft sie weiter – und billiger sind sie zudem.

Der Genusswert eines Lebensmittels ist zweifellos ein gewichtiges Argument – auch und gerade für Slow Fooder. Da Geschmack etwas sehr individuelles ist ebenso wie die Fähigkeit, feine und feinste Geschmacksnuancen zu erschmecken, sind Aussagen von Panels mit Vorsicht zu genießen. Freilich, soviel steht fest: Bei blinden Produktvergleichen werden manche Ökoprodukte mehrheitlich herausgeschmeckt, manche nicht. Wird dadurch Öko obsolet?

Bio tut dem Boden gut ...
Wenn nicht der Geschmack das entscheidende Auswahlkriterium für Bio-Produkte sein kann, was dann? Es ist die Nachhaltigkeit, die Gesundheit von Natur, Umwelt und Klima, von Mensch, Tier und Pflanze. Hier punkten die Bio-Lebensmittel eindeutig, ganz besonders jene, die nicht nur das EU-Biosiegel tragen, sondern nach den Grundsätzen der großen Bio-Zertifizierungs-Organisationen Demeter, Bioland, Naturland erzeugt werden.

Bio-Landwirtschaft ist aktiver Gewässerschutz. Ökologisch gepflegte Böden nehmen bis zu dreimal mehr Wasser auf als Böden konventioneller Landwirtschaft. Sie geben es gefiltert an das Grundwasser weiter, während konventionell bearbeitete Böden viel Wasser als Oberflächenwasser ablaufen lassen – eine Ursache von Überschwemmungen. Ökoböden haben außerdem ein reiches Bodenleben mit großer Artenvielfalt, einen lebendigen Boden sozusagen, das ihn zudem vor Erosion schützt.

... und den Pflanzen ...
Die Bodenfruchtbarkeit der Ökoböden wird nur mit natürlichen Stoffen wie Kompost, Gründüngung, Stallmist und Gülle gepflegt. Großtechnisch erzeugter Mineraldünger schafft dies mit wesentlich weniger Arbeitsaufwand – aber mehr Geldeinsatz – bei den konventionellen Landwirten. Gemessen an den Erträgen sind deren Böden sogar fruchtbarer – aber zu einem Preis, den die Umwelt bezahlt. Und auch der Konsument über die Aufbereitung belasteter Grundwässer. Beim Pestizideinsatz bekämpft der konventionelle Landwirt die Natur mit tödlichem Gift – vielfach basierend auf für den Krieg entwickelten Giften - und schadet damit der Umwelt und am Ende auch dem Konsumenten nachhaltig durch Rückstände im Essen. Die Öko-Landwirtschaft setzt stattdessen robuste und bewährte Pflanzen ein, nutzt mechanische Verfahren (striegeln), Pflanzenpräparate wie Brennnesseljauche, Ölemlusionen ohne chemisch-synthetische Insektizide. Öko-Landwirtschaft verbraucht in der Regel auch deutlich weniger Primarenergie als konventionelle Landwirtschaft. Und das globale Erwärmungspotential je Hektar ist bei Öko-Betrieben deutlich kleiner.

... und den Tieren ...
Die konventionelle Landwirtschaft ist auf Produktivität ausgerichtet; favorisiert wird die Massentierhaltung oft in Kombination mit Spezialisierung. Es wird zugekauftes Kraftfutter verfüttert, dessen Hauptbestandteil aus Übersee importiertes Soja ist (heute zu 80 Prozent Genfood), zu dessen Anbau fürs Klima wertvolle Urwälder gerodet werden.

Bio-Bauern hingegen dürfen keine gentechnisch veränderten Pflanzen anbauen oder verfüttern. Ihre Tiere müssen artgerecht gehalten werden; widerstandsfähige, möglichst einheimische Rassen werden deshalb bevorzugt. Und Demeter, Bioland und Naturland zertifizierte Betriebe bieten ihren Tieren noch mehr Platz und Auslauf als die EU-Verordnung vorschreibt; zudem ist deren Zahl an die bearbeitete Fläche des Betriebes gekoppelt, so dass Massentierhaltung hier nicht möglich ist. Außerdem müssen diese Bauern Bio-Futter verfüttern, das zu mindestens 50 Prozent selbst erzeugt wurde (eine Vorschrift, die es beim EU-Biosiegel nicht gibt).

... und dir und mir
Berarbeitete Lebensmittel (also Wurst, Käse, Brot usw.) dürfen in Deutschland 320 Zusatzstoffe (um Beschaffenheit zu beeinflussen oder Eigenschaften und Wirkungen zu erzielen) enthalten. Alles Zusätze, die industrielle Produktionen brauchen, weil bei der Herstellung der Geschmack, die Farbe verloren ging, weil die Massen nicht maschinengängig waren oder man die Haltbarkeit zu verlängern wünscht. Chemie, die dem menschlichen Leib nicht gut tut. Bio-Lebensmitteln enthalten meist nur Bio-Stoffe und keine künstlichen Zusatzstoffe. „Lebensmittelkenner“, sagt Carlo Petrini, kann man nicht sein, ohne Umweltschützer zu sein“.

Hans-Werner Bunz


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