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NAHRUNG FÜR GEDANKEN      (Foto: H. Riegel)

Gute Ideen

Essen ist ein landwirtschaftlicher Akt

Der Planet ernährt uns mit seiner dünnen, fruchtbaren Kruste und seinen Wassern. Aber wir sind dabei, unsere Ernährungsgrundlage zu zerstören. Doch es gibt eine Lösung.

Bevor der Mensch auf die Welt kam, gab es längst alles: fruchtbare, lebendige Böden, eine Vielfalt von Tieren und Pflanzen, die von einander leben und mit ihrem Sterben neues Leben ermöglichen. Nicht zu Staub zerfallen sie, sondern sind fruchtbarer Humus für neues Leben. Unser Vorfahr, der Cro-Mangnon-Mensch, erschien vor 40.000 Jahren1. Nehmen wir die bisherige Erdgeschichte als 24-Stunden-Tag, dann trat er in die Welt 0,8 Sekunden vor 24 Uhr. Einige Tausendstel Sekunden vor Ende dieses Tages jedoch, nämlich vor rund 60 Jahren, startete er die massive Zerstörung der Ökosysteme, beschleunigte sie sogar während der letzten 40 Jahre2. Die Gründe dafür sind mannigfach: die Erdbevölkerung wuchs von 2 Milliarden (1960) auf nunmehr rund 7 Milliarden, der Lebens- und Produktionsstil (auch der Lebensmittel) der westlichen Industrieländer wurde zum Vorbild der ganzen Welt. Die profitorientierte Technokratisierung von allem beherrsche Politik, Wirtschaft und Kultur, mache die Quantität zum einzigen Kriterium menschlicher Aktivtäten, so Slow Food Präsident Carlo Petrini (Gut, sauber & fair, Tre Torri Verlag). Diese Ideologie verneine die Komplexität der Welt, ihre Beziehungen, gegenseitige Abhängigkeiten und ihren Wert. Wie wahr dieser Satz ist, zeigt sich täglich um uns herum: Die Bayerische Staatsforsten beispielsweise wehren sich gegen einen Nationalpark Steigerwald auf Staatswaldgrund; der Profit aus Holzeinschlag ist ihnen wichtiger, als Artenvielfalt und Naturerbe zu erhalten. Skandalös dabei ist, dass der bayerische Staat gesetzlich verpflichtet ist, 1 Prozent seiner Fläche als Naturreservat auszuweisen, ein Ziel, das er bislang weit verfehlt. Gleiches gilt im übertragenen Sinne für die CDU-Führung mit Frau Merkel an der Spitze: man favorisiert – entgegen dem Wunsch von 80 Prozent der Deutschen - den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, damit die deutsche Pharma- und Chemieindustrie im Geschäft bleibt.

Der Mensch - ein Kind der Natur
Der Mensch ist ein Kind der Natur. Er ist Natur und er lebt durch und von der Natur. Eigentlich eine Binsenweisheit, die heute viele ignorieren oder gar meinen, die Natur sei überflüssig, man fahre ja Auto, fliege mit Flugzeugen, habe technische Maschinen für alles, sogar für Ersatzteile des eigenen Körpers. Doch auch dieser ersatzteilverstärkte Mensch muss Wasser trinken, saubere Luft atmen und Nahrung zu sich nehmen. Nahrung, die auf Äckern und Gärten, in Wäldern und Hainen wächst, in Ställen lebt oder auf Wiesen weidet. Denn alles was wir essen, auch wenn es maximal denaturiert aus der Tüte kommt, entstammt dem Boden und seinen Pflanzen. Selbst Raubtiere leben davon – durchs Verspeisen von Pflanzenfressern.
      Essen ist deshalb immer ein landwirtschaftlicher Akt. Denn wir essen gewöhnlich ja nicht das Gesammelte oder Erjagte wie einst der Neandertaler. Unser Essen erschafft seit der mittleren Jungsteinzeit um ca. 6.000 v.Chr. der Bauer als Landwirt und Tierhalter. Von diesem Augenblick an lebte er nicht mehr im Einklang mit der Natur. Vielmehr begann er, die Natur nach Gutdünken für sich in Besitz zu nehmen und durch Feldbestellung und Beweidung zu nutzen – so lange, bis der Boden zu wenig hergab. Dann zog er einfach ein Stück weiter – es gab ja nur relativ wenige Menschen - und begann von neuem. Die Natur freilich erholte sich rasch.
      Mit der Zeit aber lernte der Mensch seine Böden und Weiden zu pflegen und sie so fruchtbar zu halten. Zugleich schuf er eine Vielzahl von Sorten und Rassen, ja sogar von Arten. Aus dem Wildschwein beispielsweise züchtete er eine neue Art, das Landschwein, und eine riesige Rassenvielfalt: „Schweineglück - Die Bibel der Schweine“3 illustriert 174 Rassen und spricht von über 730 Rassen weltweit. Ähnliches gilt für Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde. Und erst recht für Pflanzen. Sie alle waren selbst fortpflanzungsfähig, waren rasse- bzw. sortenstabil. Heute freilich setzt man – technokratisch und quantitativ denkend - vorwiegend auf Hybride, die beim Fortpflanzen ihre speziellen Eigenschaften verlieren, also instabil sind. Gewinner sind deshalb die Hybriderzeuger: wer sich auf sie einlässt, muss von ihnen Jahr für Jahr den Samen beziehungsweise das Tier kaufen. Und so kam es, dass inzwischen relativ wenige leistungsfähige Hybridzüchtungen zur Grundlage unserer Nahrung wurden und die Artenvielfalt unserer Nutztiere und Nutzpflanzen massiv bedrohen. Auch die agrarindustrielle Nahrungsmittelproduktion ist ein Gewinner dieser Entwicklung. Zum Entwicklungsmodell geworden, richtete sie nicht nur in den Industrieländern große Schäden an, sondern ganz besonders in den wirtschaftlich ärmeren Regionen dieser Welt.
       Mit den Verlusten an biologischer Vielfalt und traditionellen Agrartechniken ging dort auch ein unschätzbar geistiges Erbe verloren: das Wissen um positive Auswirkungen von Pflanzen in bestimmten Ökosystemen inklusive ihrer Verwendung in der Küche. Die wenigen dafür verantwortlichen Großkonzerne aus den Bereichen Saatgut, künstliche Düngemittel und Pestizide haben sich, so Petrini, zu wahren Kolonisationsmächten herausgebildet und spielen sich - siehe das Transatlantische Freihandelsabkommen – zu einer überall einmischenden, nicht tolerierbaren Herrschaft auf.
      Was ist zu tun? Jeder, der isst und trinkt, ist nicht nur ein Konsument. Er ist vielmehr, ob er will oder nicht, ein Ko-Produzent. Er bestimmt den Bedarf. Wenn er sich dessen bewusst ist, kann er den Bedarf auch lenken. Er hat es in der Hand, wo er einkauft und was er einkauft. Kauft er Tütensuppe, fördert er die agroindustrielle Nahrungsmittelproduktion. Kauft er sein Gemüse beim Gärtner, kann er diesen vielleicht sogar dazu bewegen, statt Hybridpflanzen samenfeste Pflanzen anzubauen. Er bestimmt, ob die Tiere in Massenställen und in Schlachtfabriken gequält oder artgerecht – und möglichst als Weidetier - gehalten werden. Es ist nicht mehr zu tun, als die eigenen Prioritäten zu verändern: Das Essen wieder zum Zentrum zu machen, ihm seinen Wert wiedergeben durch den Einkauf von Lebensmitteln nach dem Slow Food Motto gut, sauber & fair.

Hans-Werner Bunz

1) wikipedia, 2): www.millenniumassesment.org, 3) Eigenverlag – Agentur am Kunsthaus, Graz; Foto: Marc Wiederer


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