Slow Food Mainfranken_Hohenlohe

NAHRUNG FÜR GEDANKEN      (Foto: H. Riegel)

Gute Ideen

Mehr Vegetabilien, weniger Fisch & Fleisch

Unerträglich hoch ist für Slow Food als „Allesesser“ guter, sauberer und fairer Lebensmittel der Konsum tierischen Eiweißes. Die Wurzel des Übels ist die Massentierhaltung. Von Hans-Werner Bunz

Als 22-jähriger besuchte ich einst meine Freundin zuhause in einem schleswig-holsteinischen Dorf. Dort lernte ich verstehen, was „Stubenküken“ bedeutete: Unter der Küchenbank piepsten kleine gelbe und weiße Flaumknäuel, die im wärmsten Raum des Hauses so lange blieben, bis sie als junge Hühnchen und Entchen im Obstgarten unter den erwachsenen Tieren, darunter auch eine Gans, sich behaupten konnten. Zum Hausstand in einem Anbau gehörte auch ein Schwein. Es lebte auf Stroh und wurde mit gekochten Kartoffeln, etwas Getreide und Gemüse- und Speiseresten gefüttert, soweit ich erinnere.

Zum Essen gab es an diesem Tag etwas Besonderes: Die Mutter meiner Freundin hatte ein von ihr aufgezogenes Huhn eingefangen, gekonnt mit dem Beil geköpft, rasch gerupft und kochfertig vorbereitet. Damit kochte sie eine leckere Suppe mit Kräutern und etwas Gemüse. Das Fleisch gab’s danach als Ragout in weißer Soße (gekocht mit etwas Suppe), begleitet von Kartoffeln, Möhren und Erbsen aus dem eigenen Garten. Bei späteren Besuchen konnte ich auch Karbonade (Kotelett) vom eigenen Schwein genießen – noch heute, Jahrzehnte später, vermisse ich seinen vorzüglichen Geschmack.

Ohne Frage hatte dieser ländliche Haushalt ein seinerzeit üppiges Fleischangebot. Doch gab es nur das Fleisch selbst aufgezogener Tiere. Der Umgang mit ihnen war, wie ich beobachten konnte, unsentimental, aber fürsorglich und deshalb - in gewisser Weise - sogar liebevoll.

Fleisch als industrielle Massenware
Heute essen wir Tiere, die in Massenställen leben, meist abgeschottet von der Natur und in künstlicher Atmosphäre. Ställe für Zigtausende Puten, 10.000 Schweine oder 1.000 Rinder und mehr auf engstem Raum gibt es reichlich in unserem Land. Die damit einhergehenden Umweltbelastungen sind beachtlich: Die Stallemissionen schädigen die Wälder und die Menschen in der Nachbarschaft, die riesigen Güllemengen überdüngen die Böden und vernichten pflanzliche und tierische Artenvielfalt, reichern das Trinkwasser mit Nitrat und Antibiotika-Rückständen an und sorgen so für Resistenzen beim Menschen. Das verabreichte Futter ist mit Genfood angereichert und mit dubiosen Abfällen aller Art – das Tier ist nicht mehr Mitlebewesen, sondern nur noch Produktionsfaktor. Fleischproduktion heißt Tierhaltung heute – und es ist reiner Zynismus, wenn Großmastställe als Bauernhöfe eingestuft werden, um sie nach § 35 Baugesetzbuch sogar privilegieren zu können. Denn politisch will man Fleisch exportieren um jeden Preis und drängt in Brüssel auf Exportbeihilfen mit dem Ziel, in den Abnehmerländern mit Dumpingpreisen die dortigen Lebensgrundlagen bäuerlicher Gemeinschaften zu zerstören.

90 kg Fleisch pro Jahr ist zuviel
Jeder Deutsche, ob groß oder klein, verbraucht laut Statistik pro Jahr gegenwärtig rund 90 kg Fleisch, und wir alle gemeinsam rund 7,38 Milliarden Kilogramm oder knapp 7,4 Millionen Tonnen. Verzehrt werden jedoch „nur“ gut 60 kg, der Rest sind Nichtverzehrfähiges wie zum Beispiel Knochen, Schwarten, Fette, Zerlegungs- und Zurichtungsverluste sowie Fleisch und Innereien für Tierfutter. Noch mehr essen die Franzosen und viel mehr die Spanier und die US-Amerikaner. Würden alle Menschen soviel Fleisch essen wie wir, bräuchten wir sechs Planeten allein fürs Futter dieser Tiere. In den letzten Jahrzehnten nahm die Zahl der Rinder auf 1,3 Milliarden zu, ein Mehrfaches dürfte die Zahl der Schweine und des Geflügels sein. Gleichzeitig jedoch schrumpften die Wälder, vor allem die Urwälder in Südamerika, Asien und Afrika (in letzteren Kontinenten auf rund 30 Prozent), um Platz für Futterpflanzen zu schaffen.

Als gesund werden 500 g Fleisch pro Woche empfohlen. Das entspricht 26 kg im Jahr, weniger als die Hälfte des aktuellen Verzehrs. Doch seit Jahren essen wir rund 166 g Tag für Tag. Wenn Diskounter das 700 g Kotelett „bestes deutsches Qualitätsfleisch“ für 2,39 Euro anbieten können und trotzdem offenbar noch gut dabei verdienen, versteht man, warum so viel Fleisch verzehrt wird. Bei diesen Preisen wird gekauft, was der Geldbeutel hergibt und nicht gefragt, woher das Fleisch kommt und wie es „hergestellt“ wurde. Hauptsache: Viel Fleisch ist auf dem Teller. Und genau da sitzt der Haken: Käufer von Billigfleisch bestätigen die Produzenten in ihrem Tun und sorgen so dafür, dass die Tiere zum Industriegut herabgewürdigt, als Fresssklaven gehalten werden und ihr Futter aus jeder Menge Abfällen besteht. Jeder weiß längst durch Presse, Fernsehen, Kino, wie dieses Fleisch erzeugt wird, wer’s dennoch kauft, ist dem Leiden gegenüber gleichgültig und finanziert zugleich dieses Tier und Natur ausbeutende System, das zudem der ganzen Menschheit schadet.

Was ist die Alternative?
Die Lösung des Problems ist eigentlich einfach: 1. Mehr Vegetabilien und weniger Fleischwaren essen, dafür aber besseres, also artgerecht aufgezogenes Fleisch. 2. Wenn Fleisch, dann bevorzugt von Metzgern und Gastronomen, die nachweislich ihre Tiere von Zucht- und Mastbetrieben der näheren Umgebung beziehen. 3. Nicht nur Fleischteile zum Kurzbraten essen, sondern auch Innereien (die gesundheitlich oft wertvoller sind) und Stücke zum Kochen und Braten. Aus Sicht von Slow Food würden auf diese Weise nachhaltigere Produktionssysteme gefördert werden, die ausreichend Fleischgenuss für alle garantieren könnten, gleichzeitig die Natur im Gleichgewicht hielten und die Lebensqualität künftiger Generationen sicherten.


Slow Food Deutschland e. V. - Luisenstraße 45 - 10117 Berlin - Telefon: 030 / 2 00 04 75-0 - E-Mail: info@slowfood.de