Slow Food Mainfranken_Hohenlohe

NAHRUNG FÜR GEDANKEN     Foto: © Holger Riegel

Lebensmittelwissen

Essen als Medizin?

Von Hans-Werner Bunz

„Gesund essen“ ist ein, ist das Megathema. Kaum eine Zeitung oder Zeitschrift, die dazu keine Ratschläge liefert. Fast kein Fernsehkoch, der nicht hinweist auf die gesundheitsfördernde Wirkung einer einzelnen Knoblauchzehe oder eines Kräutchens - auch wenn’s nur milligrammweise eingestreut wird. Ärzte aller Couleur outen sich als Ernährungsexperten. Die Lebensmittelindustrie verspricht Gesundheit durch ihr Function Food, Lebensmitteln, denen sie etwas beigemixt hat, das angeblich vor dies oder jenem schützen soll. Sagte man früher „Sex sells“, so heißt es heute überall „Gesundheit verkauft“. In der Tat, das tut’s – und nicht zu knapp.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die akzeptierte Autorität in Sachen gesunder Ernährung und Erfinder der Lebensmittelpyramide, vornehmster Berater der Bundesgesundheitsministerin und Leitliniengeber der Ökotrophologen, war sich bislang ihrer Sache immer ganz sicher. Da war lediglich der Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker, viel gelesener Autor und wissenschaftlicher Leiter des von ihm gegründeten Vereins „Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V.“, der schon seit Jahren immer wider den Stachel löckte: Nichts als Thesen, keine Beweise, monierte er öffentlich. Im Gegenteil, er begann gar, einzelne Thesen zu demontieren. Beispielsweise gäbe es keinen einzigen Beleg dafür, dass man von einem Lebensmittel sterbenskrank werden könne.

DGE bezweifelt eigene Thesen
In der Zwischenzeit scheinen allerdings auch der DGE zumindest Zweifel an ihren Thesen gekommen zu sein. Schon im März 2007 resümierten die Wissenschaftler auf einem DGE-Kongress: „Die Ernährungswissenschaft muss sich künftig als Wissenschaft von der Rettung der Volksgesundheit lösen und sollte keine Heilsversprechen mehr abgeben.“

Was der erfahrene Esser schon immer ahnte, jetzt ist es Gewissheit geworden: Alles Märchen, die Thesen von der Heilkraft, z.B. der Vollwertkost, oder der Schädlichkeit, z.B. von Fleisch oder Fett. Sie halten keiner seriösen wissenschaftlichen Untersuchung stand. Und wenn dann doch etwas Positives gefunden wird, ist es in seiner Relevanz vernachlässigbar gering. Gewagt hat es die Ökotrophologin Kathrin Burger mit Hilfe der jüngsten Forschungsberichte mit den Ernährungsmärchen ihrer Zunft rücksichtslos aufzuräumen – in der Tat eine mutige Tat (Kathrin Burger: Die Vollkornlüge und andere Ernährungsmärchen, Herder Verlag, 2008).

Slow Food tut gut
Solange der Esser aber weiterhin felsenfest glaubt an die jahrelang gepredigten Hypothesen vom Gesundheit schaffenden Potential der Nahrung, wird der unsinnige Gesundheitshype anhalten. Mehr vom Leben hätte er (wahrscheinlich sogar gesundheitlich), wenn er sich dem guten, dem genussvollen Essen zuwenden würde, statt dem Function Food, der Kalorienzählerei, der Ballaststoffzufuhr, der Freie-Radikalen-Vernichtung, der Fettabstinenz und anderer Unsinnigkeiten dieser Art mehr.

Für Kathrin Burger ist Slow Food ein empfehlenswertes Vorbild: Nämlich frohen Herzens gute Dinge genießen und sich dabei Zeit lassen. Und die guten Dinge, das sind Lebensmittel, so vielfältig wie möglich, die gut schmecken. Und die sauber sind, also naturnah erzeugt und frei von chemischen Zusatzstoffen und Prozesshilfen. Mit anderen Worten: Slow Food tut gut.


Slow Food Deutschland e. V. - Luisenstraße 45 - 10117 Berlin - Telefon: 030 / 2 00 04 75-0 - E-Mail: info@slowfood.de