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NAHRUNG FÜR GEDANKEN     Foto: © Holger Riegel

Lebensmittelwissen

Paradigmenwechsel: Vielfalt statt Auslese

Darwins Ausleseprinzip „survival of the fittest“, das Paradigma des schrankenlosen Wettbewerbs, ist das Gegenteil des Paradigmas der Natur: ihr Konzept heißt Vielfalt.

Einst war unsere Erde öd und leer. Mit der Zeit entstand das Leben: zuerst Bakterien, dann Einzeller, dann Vielzeller und so weiter bis zu hochkomplexen Ökosystemen: Korallenriffe oder Regenwälder beispielsweise. Habitate, die eine Vielfalt nicht minder komplexer Subsysteme der unterschiedlichsten Art beheimaten. Die Erbauer der Riffe - verschiedene Arten Korallen - leben da nicht allein, sondern mit einer Vielfalt von Pflanzen und Tieren unterschiedlichster Art. Sie leben darin miteinander, aber auch voneinander. Nicht anders ist es im Regenwald. Und in anderen intakten Ökosystemen. Das Charakteristikum des Lebendigen sei Differenzierung plus kooperative Integration – so funktioniere die Evolution*, sagt Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, Quantenphysiker und Träger des Alternativen Nobelpreises.

Natur kein Vorbild für Darwins Evolutionstheorie
Darwin habe, so die Evolutionsbiologin und Systemforscherin Dr. Elisabet Sahtouris, nicht gut genug hingeschaut, als er seine Theorie entwickelte: er orientierte sich nach eigener Aussage an der Theorie menschlicher Wirtschaftssysteme von Thomas Malthus. Dieser, der Ökonomie-Chef der Ost-Indien-Gesellschaft, stellte nämlich fest, der Konkurrenzkampf um Ressourcen sei endlos, weil die Nachfrage immer größer wäre als das Angebot*. Aber genau das passiert eben nicht in der Natur.
       Natürlich konkurrieren verschiedene Spezies in der Natur miteinander, denken wir nur an Löwe und Hyäne. Zwei jagende Säugetierarten, die von anderen Säugetieren leben. In Jahrtausenden gelang es ihnen nicht, weder den Konkurrenten noch ihre gemeinsame Nahrungsgrundlage auszurotten. Im Gegenteil, einige Hyänenarten leben von Aas, also von dem, was die stärkeren Raubtiere übrig lassen. Ist der Löwe satt, dann jagt er nicht. Das ist die kooperative Integration in ein Gesamtsystem. „Kooperative Systeme“, sagt Dr. Sahtouris, „beschränken von alleine ihr Wachstum.“*
       Die Spezies Mensch freilich kämpft nicht nur, um zu leben; sie kämpft, um vor allem zu besitzen. Seit die westliche Zivilisation das Darwin’sche „Survival oft he fittest“ (lieber fressen, denn gefressen werden) zum naturgesetzlichen Paradigma machte ebenso wie das alternativlose immerwährende Wachstum des BIP, ist die Welt aus den Fugen geraten: Der Mensch ist mit Industrialisierung und Bevölkerungswachstum zur sechsten Naturkatastrophe in den letzten 600 Millionen Jahren geworden. Allein rund 40 Prozent aller Wirbeltierarten starben zwischen 1970 und 2000 aus – mit dramatisch steigender Tendenz, ganz zu schweigen von anderen Spezies.** Jede der fünf vorigen Katastrophen vernichtete wohl den größten Teil der jeweiligen Artenvielfalt.
       Auch die Vielfalt der Pflanzen geht zurück. Wo einst artenreiche Regenwälder waren, stehen heute Ölpalmen- oder Energiepflanzenplantagen; viele unserer heimischen, einst biologisch vielfältigen Wälder verkamen zum eintönigen, artenarmen Fichtenwirtschaftswald. Von den tausenden einst von den Menschen genutzten Nutzpflanzenarten werden heute nur 150 intensiver kultiviert. Monokulturen weniger Hochleistungssorten, bezogen von einigen wenigen weltmarktbeherrschenden Saatgutkonzernen, dominieren Deutschlands Landwirtschaft vom Gras über Gemüse und Getreide bis zur Energiepflanze; selbst beim Wein belegen 5 der über 100 in Deutschland zugelassenen Sorten 60 Prozent der bestockten Fläche (Jahr 2011). Von den einst etwa 2.000 deutschen Apfelsorten gelangen vielleicht ein Dutzend in die Supermärkte, und die Hälfte davon sind weltweit verbreitete Sorten.

Zukunftsmotor Zivilgesellschaft
Das Paradigma Auslese ist dabei, die Welt, die wir kennen, zu zerstören. Doch es gibt Hoffnung. Nicht von der Politik; denn diese ist gefangen in den Netzen des nur monetärem Profit verpflichteten Finanzsystems und verfolgt eine Wachstumspolitik um jeden Preis zugunsten der Industrie. Hingegen haben NGOs (Nichtregierungsorganisationen), Wissenschaftler, Umweltschützer, Sozialaktivisten, Bürger auf allen Ebenen der Gesellschaft – kurz die Zivilgesellschaft - längst die Zeichen der Zeit erkannt: nur Vielfalt und kooperative Integration versprechen Zukunft. Und sie mahnen nicht nur Handlung an, sondern handeln selbst, um die (noch vorhandene) Vielfalt zu bewahren, zu schützen und zu fördern.
       Auch Slow Food gehört dazu als Organisation, aber auch als einzelne Mitglieder. Die Vielfalt verteidigen und fördern ist seit der Gründung eines der Kernanliegen. Die Belege dafür – auf allen Ebenen der Ernährungskultur - sind vielfältig und zahlreich. Mit der Arche des Geschmacks® rettet Slow Food traditionsreiche lokale und regionale kulinarisch wertvolle Lebensmittel, Nutzpflanzen und –tiere vor dem Vergessen. Weit über 1.000 sind es bisher (und 10.000 sollen es werden); sechs davon wie das Rhönschaf oder die Rotweinrebe Tauberschwarz sind fränkisch, acht weitere, darunter seltene lokale Gemüsesorten, werden in Bälde dazu kommen. Das Conviviums-Projekt „Bewahrt die Baumfrüchtevielfalt der Mainschleife!“ und die Rettung der Quittenvielfalt in Franken durch unser Mitglied Marius Wittur sind weitere Beispiele. Ebenso wie die Presidi (aktive Schutz- und Förderkreise), bei denen sich Slow Food Mitglieder aktiv für den Markterfolg des Produktes einsetzen. Von den weit über 300 Presidi weltweit betreut unser Convivium zwei traditionsreiche: die fränkische Kartoffelsorte Bamberger Hörnla und den Hohenloher Weideochsen vom Limpurger Rind.
       Auf der Ebene der Erzeuger von Lebensmitteln sind die Terra-Madre-Welttreffen und die damit einher gehenden Lebensmittel-Gemeinschaften, inzwischen gibt es etwa 2.500 mit einigen hunderttausend Mitgliedern, ein Großprojekt von weltweiter Bedeutung. Alle zwei Jahre lädt Slow Food 5.000 Kleinbauern, Tierzüchter und Lebensmittelhandwerker sowie 1.000 Köchen aus 160 Ländern nach Turin ein zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Das Ergebnis ist eine weltweite Aufwertung der traditionellen, lokalen Lebensmittelvielfalt. Unter dieser Prämisse steht auch das große Projekt 1.000 Gärten für Afrika, mit dem Slow Food (und auch unser Convivium) lokalen Obst- und Gemüseanbau mit traditionellen, orts- oder regionaltypischen Sorten – sei es als Schulgarten, sei es als Gemeinschafts- oder Familiengarten – verwirklichen hilft. Dass das Convivium außerdem auch einen Sortengarten in Haßfurt fördert, einen Schulgarten in Schweinfurt betreut und jeweils zwei jungen Familien mit Kindern einen Bio-Saisongarten in den Jahren 2012 und 2013 finanzierte, wundert dann schon nicht mehr.
        Erfolgreiche Förderungsprojekte sind auch Märkte und Messen, bei denen Erzeuger und Konsument sich begegnen. Beispiele sind die Märkte der Erde® (Bauernmärkte nach Slow Food Kriterien) sowie internationale, nationale und regionale Lebensmittelmessen und –märkte; der „Markt des guten Geschmacks – die Slow Food Messe“ in Stuttgart sowie, von Slow Food Mitgliedern mitgegründet, die „Fränkische Feinschmeckermesse“ in Iphofen, der „Rhöner Wurstmarkt“ in Ostheim vor der Rhön oder der „Tauberzeller Genießerspaziergang“ - in der Conviviumsregion bekannte, tausende Konsumenten anziehende Ereignisse. Und nicht zuletzt fördern auch die beliebten Slow Food Restaurantführer sowohl die Vielfalt der traditionellen, regionalen Lebensmittel als auch die damit zusammenhängende bodenständige Gasthauskultur.
       All diese Projekte sind Slow Foods Antwort auf ein ausbeuterisches System, das, um kurzfristiger Profite willen, unseren Planeten systematisch schwer verletzt und eine breite Spur des Todes hinterlässt.                                                Hans-Werner Bunz


Quellen: *) Zukunft entsteht aus Krise, Geseko von Lüpke, Riemann Verlag, München, 
S. 70 (Dürr), S. 92, 93 (Sarhouris); 
**) www.oekosystem-erde.de/html/gefaehrdung_der_biodiversitat.html; 
Slow Food; de.wikipedia.org/wiki/Weinbau_in_Deutschland


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