Kolumne 2000 Quadratmeter Ackerfläche

23.4.2013 - Teilt man die weltweit als Ackerland genutzte Fläche von rund 1,4 Milliarden Hektar durch die derzeit 7 Milliarden Menschen Weltbevölkerung, dann ergibt sich daraus eine Ackerfläche von 2 000 Quadratmeter pro Mensch. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, macht sich Gedanken dazu, wie es dem Einzelnen gelingen kann, seine persönliche Ackerfläche nachhaltig zu bewirtschaften. Der Text ist erschienen als Kolumne im Slow Food Magazin 02/2013.

2 000 Quadratmeter Ackerfläche pro Person ?

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"Mich beschäftigt seit Wochen dieser Gedanke: Wie kann es mir gelingen, die mir zumindest theoretisch für meine Ernährung gehörenden 2000 Quadratmeter Ackerfläche gut, also vorsorgend und nachhaltig pflegend zu bewirtschaften, um gesunde und geschmackvolle Lebensmittel zu bekommen und die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, damit dieser Boden auch noch meine Kinder und Enkel ernähren kann? Kolumne von Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, erschienen im Slow Food Magazin 02/2013.

Warum sollten wir uns alle diese Frage stellen? Unsere Ernährungssituation, die Qualität unserer Lebensmittel und allem vorandie Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung hängt entscheidend davon ab, wie jeder und jede mit den „eigenen“ 2000 Quadratmetern Ackerfläche umgeht. Alles hängt daran! Unser aller Zukunft! Teilt man die weltweit als Ackerland genutzte Fläche von ca. 1,4 Milliarden Hektar durch die derzeit 7 Milliarden Menschen Weltbevölkerung, dann ergibt sich daraus eine Ackerfläche von 2 000 Quadratmeter pro Mensch. Diese 2 000 Quadratmeter entsprechen ungefähr der Fläche, die in der Generation unserer Großväter aus der Perspektive der Arbeitsleistung eines Menschen mit einem Arbeitstier in einem bestimmten Zeitraum bewirtschaftet werden konnte. Sie entspricht ungefähr einem Morgen, oft auch einem – kleinen! – Tagwerk. Im metrischen Zeitalter ist das schlicht ein Fünftel Hektar. Dazu kommt für jeden von uns noch ein halber Hektar Grünland für Tiere. Beides zusammen ist in jedem Fall ausreichend, um sich gut davon ernähren zu können, selbst wenn die uns zur Verfügung stehende Fläche bei steigender Weltbevölkerung in den nächsten Jahren kleiner wird und wir zudem unseren Fleischkonsum deutlich reduzieren müssen.

Damit ist aber auch schon Schluss mit Einschränkungen. Alles andere, etwa wie gut wir von unserer Fläche leben werden, hängt dann ausschließlich davon ab, wie wir mit ihr umgehen. Umsichtiges Weidemanagement und die bestmögliche Kultivierung und Nutzung des Bodens, seiner Lebewesen und Mikroorganismen sind hierzu der Schlüssel. Das heißt, wir müssen unseren Boden hegen und pflegen und ihn vor den Auswirkungen des Klimawandels ebenso schützen, wie vor Spekulanten und Monokulturen. Und natürlich dann mit den daraus entstammenden Lebensmitteln wertschätzend umgehen. Das jedoch versteht sich von selbst, denn als Selbstverantwortlicher für Boden und Weideland wirft man nicht die Hälfte der Lebensmittel weg, sondern bearbeitet sie behutsam weiter und genießt sie.

Stellen wir es uns einmal konkret vor: Jeder und jede von uns trägt Sorge dafür, dass die eigenen 2 000 Quadratmeter Ackerfläche und der halbe Hektar Weideland im Sinne eines erhaltenden und wertschätzenden Umgangs mit Ressourcen und Produkten ge - nutzt werden. Könnte das nicht den Beginn eines ganz konsequenten und dringend notwendigen Wandels hin zu dem von uns immer wieder geforderten und gewünschten besseren, sauberen und gerechten Lebensmittelsystem markieren? Ich denke ja, und so möchte ich Verantwortung für meine 2 000 Quadratmeter in genau dieser Weise übernehmen.

Doch habe ich realistisch weder die Möglichkeit, mir diese Fläche in Gänze käuflich anzueignen, noch kann ich sie selbst bewirtschaften, noch möchte ich das überhaupt tun. Aber es geht auch anders, es gibt gute, sinnvolle und auch sehr befriedigende Wege, Verantwortung für meine Fläche zu übernehmen und so aktiv an einer besseren Ess- und Beschaffungskultur mitzuwirken. Eigentlich brauche ich nur „meine“ 2 000 Quadratmeter jemandem zu übergeben, der sie in meinem Sinne bewirtschaftet. Etwa dem Gärtner oder der Köchin, die auf nachhaltige Weise Hunderte von alten Gemüse- und Obstsorten anbauen und für ihr Tun Land brauchen. Oder ich erwerbe Genussscheine, mittels derer einem Landwirt notwendige Investitionen ermöglicht werden und für die ich im Gegenzug entsprechend Lebensmittel erhalte. Ich kann auch in nachhaltige und gerechte landwirtschaftliche Bodenfonds investieren, die Landwirte darin unterstützen, Land zu erwerben, zu pachten, damit sie überhaupt wirtschaften können – ökologisch, versteht sich.

Oder ich gehe den Königsweg des gemeinschaftlichen Wirtschaftens und beteilige mich an solidarischer Landwirtschaft, aus der ich dann das ganze Jahr frische, geschmackvolle und gesunde Lebensmittel für meinen täglichen Bedarf erhalte. Solidarische Landwirtschaft macht uns zu Ko-Produzenten und Produzentinnen, und lässt uns näher zusammenrücken, Freud und Leid teilen mit jenen, die unsere Lebensmittel erzeugen. Und all das, ohne Natur und Böden, oder gar sich selber auszubeuten. Solidarische Landwirtschaft ist Gemeinschaft im besten Sinne, sie bringt ein menschliches Maß in unser Tun, sei es als Ko-Produzent oder als Produzent. Sich daran beteiligen zu können, das ist Wohlstand. Machen Sie etwas Gutes mit Ihren 2 000 Quadratmetern.

Ihre Ursula Hudson"

Download der Kolumne (PDF)

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