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95 Thesen für Kopf und Bauch: "Lebensmittelverschwendung ist ein Klimakiller!"

25.10.2017 – Ein Drittel der weltweit für Menschen produzierten Lebensmittel, rund 1,3 Milliarden Tonnen, gehen jedes Jahr verloren oder landen auf dem Müll. Das ist allein schon erschreckend, weil gleichzeitig 795 Millionen Menschen weltweit hungern. Hinzu kommt, dass der Ausstoß an Kohlendioxid, der zur Produktion und Entsorgung dieser Lebensmittelverschwendung benötigt wird, weltweit jährlich 3,3 Gigatonnen beträgt. Nur die USA und China verschmutzen das Klima noch stärker.

Diese und andere Zusammenhänge zwischen dem heutigen Ernährungssystem und dem Klima deckte die vierte Veranstaltung der Reihe „95 Thesen für Kopf und Bauch“ von Slow Food Deutschland e.V. und Misereor auf. Dabei wurden verschiedene Perspektiven beleuchtet: lokal, international, wissenschaftlich und landwirtschaftlich. Frederik Schulze-Hamann von Slow Food Deutschland e.V. forderte zudem auf: „Essen ist politisch“. Verbraucherinnen und Verbraucher können durch ihr bewusstes Ess- und Konsumverhalten dreimal am Tag abstimmen, wie gefischt, geschlachtet und angebaut werden soll. Einig waren sich die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion, dass eine Veränderung nur durch die Förderung lokaler, kleinbäuerlicher Strukturen erfolgreich gelinge – in Deutschland und weltweit. Dies berge zudem das Potenzial einer klimaneutralen Ernährung, weil eine angepasste Landwirtschaft – durch Pflanzen und Böden – mehr Kohlendioxid speichere als ausstoße.

Den praktischen und schmackhaften Beweis lieferte das sogenannte 30-Kilometer-Essen im Anschluss an die Veranstaltung: Mit wenigen Ausnahmen kamen die Zutaten der Zucchinisuppe und des Apfel-Möhrensalats aus einem Umkreis von 30 Kilometern, frisch eingekauft auf dem Wochenmarkt und von regionalen Erzeugern produziert. Regional und saisonal vom Feinsten!

Bild oben: Lucia Werbick, Misereor, schöpft sich eine Portion aus dem Topf mit der regional-saisonalen Zucchini-Suppe.


Sebastian John, Hirschhorner Hof: „Auch bei uns in der Pfalz macht sich der Klimawandel schon extrem bemerkbar. Vor allem in den letzten drei, vier Jahren hatten wir starke Trockenperioden. Das heißt, dass wir über zwei, drei und sogar vier Monate hinweg keinen Regen und extrem hohe Temperaturen über 30 Grad hatten. Und das ist dann auch für den Weinbau, der Hitze normalerweise gut verträgt, einfach zu viel! Wir müssen mit kontinuierlich geringeren Erträgen rechnen. Im Weinbau sind es dieses Jahr 20 Prozent weniger.“

Bild oben: Sebastian John, Hirschhorner Hof: „Es ist sehr erschreckend zu beobachten, dass es Stadtimkereien gibt, in denen Bienenvölker mittlerweile besser gedeihen, als in manchen ländlichen Gebieten, weil dort der Insektizidgehalt in der Luft zu hoch ist, so dass viele Bienenvölker einfach vergifted werden und eingehen“.


Felix Christopher Mark, Alfred-Wegener-Institut: „Fische und andere Lebewesen müssen gegen sich verändernde Umweltbedingungen wie steigende Temperaturen und einen steigenden Säuregehalt im Meer ankämpfen. Das sind verschiedene Stressfaktoren, und die Anpassung an diese kostet – platt gesagt – Energie. Energie, die zum Wachsen und zur Reproduktion fehlt. Die Folge sind immer weniger und kleinere Fische.“

Frederik Schulze-Hamann, Slow Food Deutschland e. V.: „Genuss und Verantwortungsbewusstsein schließen sich beim Thema Ernährung nicht aus, sondern führen ganz automatisch zu einer Wertschätzung hochwertig produzierter Lebensmittel aus nachhaltiger Landwirtschaft. Dabei kann jeder kleinräumig und bei sich selbst anfangen; als mikrolokalen Gegenentwurf zu unserer globalisierten Welt.“

Bild oben: Felix Christopher Mark, Alfred-Wegener-Institut (links), und Frederik Schulze-Hamann, Slow Food Deutschland e.V.


Clara-Luisa Weichelt, Misereor: „Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gewinnen durch große Agrobusinessprojekte, die oft auch mit illegitimer Landaneignung (Land Grabbing) einhergehen, nichts. Stattdessen sollten die lokalen Strukturen jeweils vor Ort gestärkt werden, in Deutschland und in anderen Regionen der Welt. Misereor versucht, mehr Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil des Globalen Nordens und dessen Auswirkungen im Globalen Süden zu schaffen.“

Bild oben: Clara-Luisa Weichelt, Misereor (rechts): „Für viele lokale Bevölkerungsgruppen in den Ländern, in denen Misereor-Partner aktiv sind, steht zunächst einmal im Fokus, sich überhaupt mit Lebensmitteln zu versorgen.


Ein Gespräch über klimafreundliche Ernährung mit Christiane Rennebaum

Unter dem Motto „Die Region schmecken“ lud Christiane Rennebaum (im Bild), Ökotrophologin im Klimahaus, die Gäste der Veranstaltung zum sogenannten 30-Kilometer-Essen ein und informierte zu Herkunft und Saisonzeit der verwendeten Lebensmittel. Drei Fragen an die Expertin zur klimafreundlichen Ernährung.

Frau Rennebaum, Sie arbeiten als Ökotrophologin beim Klimahaus Bremerhaven: Worauf kommt es Ihrer Meinung nach bei einer klimafreundlichen Ernährung an?

Christiane Rennebaum: Zunächst einmal kommt es darauf an, den Konsum von Fleisch und Fleischprodukten stark zu reduzieren. Denn die Tierhaltung und Weiterverarbeitung sind nicht nur für große Mengen des klimaschädlichen CO2 Ausstoßes verantwortlich, sondern verbrauchen Unmengen virtuelles Wassers. Virtuell deshalb, weil es all das Wasser mitrechnet, welches wir nicht sehen, wenn das Fleisch auf unseren Tellern liegt. Dazu zählt bei einer Kuh beispielsweise das Wasser, was benötigt wird, um das Tier zu versorgen, zu halten, zu schlachten und es anschließend weiterzuverarbeiten.

Die Themen Fleisch und umweltfreundlicher Fleischkonsum sind sehr komplex. Wir haben uns deswegen im Klimahaus dafür entschieden, komplett auf Fleisch zu verzichten. Milchprodukte werden in kleinen Mengen eingesetzt. Fertigprodukte versuchen wir gänzlich zu vermeiden. Nur in Ausnahmefällen setzen wir sie ein, dann aber von nachhaltig orientierten Anbietern. Unser Fokus liegt auf frischen Lebensmitteln, insbesondere auf saisonal-regionalem Obst und Gemüse. Wir kochen und backen am liebsten alles selber, vom Hefeteig für die Pizza bis zu den verschiedenen Soßen für Nudel- oder Kartoffelgerichte.

Sie arbeiten viel mit Kindern und Jugendlichen. Wir gelingt es Ihnen, dem Nachwuchs das Zubereiten nachhaltiger Speisen schmackhaft zu machen?

Meine Erfolgsrezept lautet: Von der Theorie in die Praxis. In der Regel bringen die Kinder aus der Schule bereits erste Vorerfahrung zum Kochen mit. Bei mir geht es dann ran an die Töpfe und das macht ihnen riesen Spaß. Natürlich lasse ich auch dabei theoretisches Wissen einfließen, damit der Nachwuchs etwas zur Herkunft ihrer Lebensmittel erfährt. Aber es geht mir um das Erleben. Sie sollen das Kochen aktiv erfahren und mit allen Sinnen aufnehmen und schmecken. Aversionen durch eingeübte Essgewohnheiten und Kommentare wie „Das mag ich aber nicht“ sind schnell verflogen, wenn das Essen erst einmal auf dem Tisch steht. Dann greifen alle ordentlich zu. Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, wie viel Freude den Kindern das Essen in der Gemeinschaft macht.

Verraten Sie uns ihr Lieblingsrezept für ein regional-saisonales Gericht für den Herbst 2017?

Da empfehle ich direkt den Apfel-Karottensalat, den ich für unsere heutigen Gäste vorbereitet habe. Dafür müssen die Karotten klein geraspelt und mit Apfelsaft, am besten selbst gepresst, übergossen werden. Fertig ist die saftig-frische Mischung. Beide Zutaten gibt es zur Zeit direkt aus der Region. Wer es mag, kann den Salat natürlich noch mit etwas Salz und Pfeffer würzen.

Bild oben: Christiane Rennebaum, Ökotrophologin im Klimahaus


Hintergrund:

Martin Luther und seine 95 Thesen haben vor 500 Jahren die Missstände im kirchlichen Ablasshandel kritisiert und die Reformation eingeleitet. Als Beitrag zum Reformationsjahr „Luther 2017“ präsentiert Slow Food Deutschland e. V. in Partnerschaft mit Misereor insgesamt 95 Thesen für Kopf und Bauch - für die „Reformation“ unserer Ernährungswelt.

Die Erde rahmt die 95 Thesen am Anfang und Ende ein, dazwischen stehen die Themenblöcke Wasser, Boden, Klima, die Pflanzen und Tiere – dann tritt der Mensch mit seinen Bedürfnissen auf – Einkaufen, Essen, Genießen – seinem immer größeren Fußabdruck, der tiefe Spuren im Erdzeitalter des Anthropozäns hinterlässt.

Slow Food Deutschland und Misereor machen damit auf die eklatanten Missstände und dringende Reformbedürftigkeit von Landwirtschaft / Fischerei und Nahrungsmittelproduktion aufmerksam. Immer mehr Konsumenten möchten wissen, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie hergestellt wurden und welche Folgen Produktionsweisen und Ernährungsstile für die Zukunft unseres Planeten Erde haben. Dieses Interesse ist der Beginn einer dringend notwendigen Veränderung. Slow Food und Misereor möchte diesen Prozess aktiv unterstützen und den gemeinsamen Dialog verstärken und vertiefen. Eine Veranstaltung zu jedem der neun Themenblöcke (Wasser, Boden, Klima, Essen etc.) ermöglicht dies.

Über Misereor

Als Entwicklungshilfswerk der katholischen Kirche kämpft Misereor seit 1958 für Gerechtigkeit, gegen Hunger, Krankheit und Ausgrenzung sowie deren Ursachen. Gemeinsam mit einheimischen Partnern unterstützen wir Menschen jeden Glaubens, jeder Kultur, jeder Hautfarbe. Seit 1958 und in über 106.000 Projekten in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika. Misereor ist Mitglied im Bündnis Entwicklung Hilft.
www.misereor.de | www.entwicklung-hilft.de

Alle Bilder: © Misereor

Mehr Informationen:

Slow Thema: Klimawandel Ernährung

Slow Thema: Lebensmittelverschwendung

Veranstaltungsreihe "95 Thesen für Kopf und Bauch"




 
Vom 29. September bis 31. Dezember 2017 läuft die internationale Slow-Food-Kampagne „Menu for Change – mit Genuss und Verantwortung gegen den Klimawandel“. Mehr über die Kampagne und die Mitmach-Aktionen finden Sie unter Menu for Change


Slow Food Deutschland e. V. - Luisenstraße 45 - 10117 Berlin - Telefon: 030 / 2 00 04 75-0 - E-Mail: info@slowfood.de