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95 Thesen für Kopf und Bauch: Ohne Wasser kein Leben!

26.9.2017 - Slow Food Deutschland und Misereor stoßen im Lutherjahr die Reformation des Essens an. 95 ernährungspolitische Thesen bilden die Grundlage, hinzu kommt eine Veranstaltungsreihe mit zehn begleitenden Expertendiskussionen übers Jahr verteilt. Am 11. September fand im Überseemuseum Bremen die Podiumsrunde zum Thema "Wasser" statt. Ein Bericht von Claudia Nathansohn, Slow Food Deutschland e. V.

Die anwesenden Experten Dr. Nina Wolff (blue dot), Bettina Taylor (BUND), Uwe Sturm (Fisch vom Kutter) und Kai Kaschinski (fair oceans) richteten unter der Moderation von Jürgen Maier ihren Fokus besonders auf die Ursachenbekämpfung, um der Verschmutzung der Weltmeere und den Missständen der Fischerei entgegenzuwirken.

Wasser ist Leben

Der Themenblock Wasser durfte bei den „95 Thesen für Kopf und Bauch“ nicht fehlen, wenn man sich vor Augen führt welch unabdingbare Ressource Wasser für uns als Menschen ist. Es ist unser Lebenselixier: Erde und Mensch bestehen bis zu 70 Prozent aus Wasser. In ihren einleitenden Worten zitierte Nina Wolff, Vertreterin der Slow Food Fischkommission, deshalb Papst Franziskus mit seiner Forderung, dass wir uns „um unser gemeinsames Haus sorgen“ müssen (These 4). Für Wolff stellen vor allem die intensive Fischerei, die Plastikmüll-Belastung und Verschmutzung der Weltmeere durch die Landwirtschaft sowie der Klimawandel eine Gefahr für die Lebenswelt der Wassertiere in aquatischen Ökosystemen (Süß- und Salzwasser) dar.

Bei der Frage nach der Verantwortung adressierte sie ganz bewusst auch die Verbraucher als Ko-Produzenten: Als Entscheidungsträger im Supermarkt seien diese für die Entwicklungen der Lebensmittelproduktion mitverantwortlich und können den ökologisch und soziokulturell schädlichen Tendenzen entgegenwirken. Slow Food Deutschland setzt sich aktiv dafür ein, dass Verbraucher die Lebensmittel Fisch und Meeresfrüchte als höchst kostbares Gut anerkennen. Wie beim Fleisch, muss der Fischkonsum zurückgefahren werden, denn das Meer als Gemeinguts kann und darf nicht leer gefischt werden.

Wie Müllberge unsere Ozeane und Meereslebewesen belasten

Bettina Taylor (BUND) nennt unter anderem Tourismus, Sandentnahmen, Öl und Gas-Bohrungen als weitere Belastungen, welche die aquatischen Ökosysteme unter Druck setzen. Der meiste Müll und die meiste Verschmutzung dagegen seien Fischerei und Offshore-Anlagen schon das „kleinere“, wenn auch nicht weniger ernst zu nehmende Problem. Problematisch sei das Austragen und Austreiben der Müllberge: Während circa 15 Prozent des Mülls am Strand verweilt, schwimmen 15 Prozent des Mülls an der Wasseroberfläche und 70 Prozent werden unter die Wasseroberfläche getrieben. Nach Schätzungen des NABU gelangen weltweit jährlich mehr als 10 Millionen Tonnen Müll in die Ozeane, der sich in Müllstrudeln, den Great Garbage Patches, sammelt. Die bis zu 20 Meter tief schwimmenden Plastik-Eisberge sind mittlerweile zu kleinen Biotopen herangewachsen und von den Meerestieren zur neuen Wohnfläche adaptiert worden.

Problemfaktor Plastik

Das Austreiben des Mülls in den Meeren stellt eine große Herausforderung dar. Das größte Problem dabei ist Plastik: Der Abbau von Plastikflaschen nimmt bis zu 450 Jahre und einer Plastiktüte bis zu 20 Jahre in Anspruch. Für die Meereslebewesen ist Plastik äußerst schädlich: Schon heute finden sich Mikroplastikteile in Muscheln, Fischen und anderen Meerestieren. Als Lösungsansatz plädiert Bettina Taylor dafür, das Augenmerk politisch auf die Vor- statt auf die Nachsorge zu richten. Nachhaltige Fischerei Für die Verschmutzung und Vermüllung ist vor allem die Industrie und die intensive Fischerei verantwortlich. Ein Grund mehr, dass Verbraucher ihren Fisch aus verlässlichen Quellen beziehen. Die gute Nachricht ist, dass es sie noch oder schon wieder gibt, die zukunftsfähigen Fischer und nachhaltigen Fischereikonzepte.

Dafür steht Uwe Sturm mit seinem Projekt Fisch vom Kutter, ein Fischereiportal auf dem Fischer ihr Anlanden bekannt geben. So können Konsumenten und Gastronomen den Fisch direkt ‚ab Kutter‘ erwerben. Vorteil ist, dass der Fischer einen besseren Preis für den Fisch erzielt, weniger fischen muss, um sein Einkommen zu sichern, und somit die Fischbestände stabil bleiben. Zudem gibt es eine Kooperation mit Ornithologen, die Wassergebiete zum Schutz bestimmter Vogelarten zeitweilig für die Fischerei sperren. Der Vorteil individueller Sperrzonen im Gegensatz zu festen Wasserschutzgebieten ist, dass die Vögel tatsächlich in ihrem Lebensumfeld geschützt werden und die Fischer jederzeit in freigegebenen Gebieten fischen können. Das Projekt fördert zudem das Bewusstsein für regionale, saisonale Fische und handwerkliche Tätigkeiten.

Ernährungssicherung und transparente Fischerei

Kai Kaschinski von fair oceans, einer entwicklungspolitischen Organisation, verweist auf den wenig nachhaltigen Umgang mit Fisch am Beispiel Deutschlands. Einerseits wird ein Teil in Deutschland verarbeitet und wieder exportiert, was nicht sehr nachhaltig ist. Gleichzeitig werden weniger als 15 Prozent des deutschen Fischkonsums unter deutscher Flagge gefangen. Die Deutschen greifen für den Fischkonsum also größtenteils auf den Import zurück. Für viele Länder des globalen Südens ist der Export von Fisch die zweitwichtigste Einnahmequelle nach Erdöl. Gerade deshalb ist es wichtig zu hinterfragen, wo und wie der Fisch gefangen wurde, denn zum Teil bedeutet der gegessene Fisch in Europa der Verlust der Ernährungssicherung in Ländern des globalen Südens. So bleibt durch das Abgreifen der Fische mit Schleppnetzen durch die industrielle Fischerei oft für viele Kleinfischer in Küstenregion kaum etwas übrig. Auch die illegale Fischerei ist dafür verantwortlich.

Fair Oceans setzt sich gemeinsam mit seinen Partnern wie Slow Food Deutschland, Brot für die Welt und Fischerei-Organisationen in Afrika dafür ein, dass der Fischkonsum in Europa nicht die Ernährungssicherung in den Herkunftsländern gefährdet. Die FAO Richtlinie zur Fischerei berücksichtigt die Gesamtheit der Fischereigemeinschaften, die Fanggebiete, traditionelle Nutzungsrechte am Meer und die kulturelle Bedeutung. Generell fordert Kaschinski die Politik aber auf, ihrer Pflicht nachzukommen Regularien zu schaffen, um den Fischfang transparenter zu gestalten. Ebenso seien allerdings auch die Zivilgesellschaft und Verbände gefragt ihrer Verantwortung für den Erhalt der aquatischen Ökosysteme nachzukommen.

Ungleichgewicht in aquatischen Ökosystemen

Als Fazit der Veranstaltung fasst der Moderator Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung zusammen, dass wir erstens zu viel rausholen aus den Gewässern und zweitens zu viel reinwerfen. Als Lösungsansätze schlagen Experten und Publikum z.B. vor, dass Verstöße gegen Regulierungen zum Schutz der aquatischen Ökosysteme mit strengeren Strafen geahndet werden; Mikroplastik verboten werden müsse und gleichzeitig die Forschung für Alternativen zu Plastik zu fördern sei; die Industrie mit konsequenten - nicht freiwilligen - Maßnahmen dazu gebracht werden müsse, umweltfreundlicher mit den natürlichen Ressourcen und Ökosystemen umzugehen.

Es folgt ein Ruf nach klarer Verantwortung, Positionierung und Regulierung durch Entscheidungsträger in der Politik für den Umwelt- und Meeresschutz sowie dessen Integration in die Lehrpläne der Bildungseinrichtungen. Und ein kritisches Bewusstsein und verantwortungsvolles Handeln von uns Verbrauchern sei auch nötig. In diesem Kontext geht es auch um die zentrale Rolle von Bildung und Wissensvermittlung, denn es sei wichtig der jungen Generation den Respekt der natürlichen Ressourcen und Ökosysteme schon von klein auf durch Bewusstseinsbildung und Bildungsprojekte mit auf den Weg zu geben.

Illustration oben: Wasser – aus der Broschüre "95 Thesen für Kopf und Bauch". | ©  Lara-Anna Roesch, Kurt Stieding


Das Podium (v. li. n. re.): Kai Kaschinski (fair oceans), Bettina Taylor (BUND), Jürgen Maier (Moderation), Nina Wolff (blue dot), Uwe Sturm (Fisch vom Kutter).  | © Claudia Nathansohn


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