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Menu for Change: "Lebensmittelproduktion muss dort vonstattengehen, wo wir leben!"

20.11.2017 – Die Erde erwärmt sich. Wir Menschen im klimagemäßigten Mitteleuropa glauben uns geschützt. Also einfach abwarten und Tee trinken? Gerade dies ist vielleicht bald unmöglich, wie der Buchautor und Nahrungsexperte Wilfried Bommer im Interview erläutert.

Slow Food Deutschland: Herr Bommert, in Ihrem mit Marianne Landzettel neu veröffentlichten Buch "Verbrannte Mandeln. Wie der Klimawandel unsere Teller erreicht" (siehe Bild) machen Sie deutlich, dass der Klimawandel nicht Sache der anderen ist und er den globalen Norden schneller erreichen wird, als uns lieb ist. Was war für Sie der entscheidende Augenblick, in dem Ihnen das ganze Ausmaß deutlich wurde?

Wilfried Bommert: Es gab einen bestimmten Punkt wo ich eingestiegen bin und der war ganz banal: Meine Frau kam eines Tages vom Markt zurück und hatte Mandeln mitgebracht. Gebrannte Mandeln, die ich für mein Leben gerne esse. Als ich sie jedoch probierte waren da statt Mandeln Erdnüsse drin. So fragte ich mich, was denn jetzt los sei und stieß darauf, dass die Mandelpreise in den letzten Wochen um mehr als 400 Prozent gestiegen waren. Bei der Antwort auf die Frage wie das passieren konnte, wurde klar, dass dies geschah, weil in Kalifornien, dem größten Mandelproduzenten auf der Welt, schon seit Jahren die Ernten ausfallen, da es dort Dürre gibt. Und da dachte ich mir, Donnerwetter, wenn das dort passiert, trifft das vielleicht ja auch bei anderen Lebensmitteln zu.

So kam es dann, dass ich mit Marianne Landzettel überlegte, welche Lebensmittel wir denn weltweit noch verfolgen wollen, und wir uns dafür entschieden keine unserer täglichen Güter zu nehmen sondern eher Luxusgüter, denn: Leute werden sich nur für das Thema interessieren und dessen Bedeutung erkennen, wenn sie merken, dass es in Hinsicht auf die eigene Komfortzone knapper wird. Deshalb gehen wir anhand von zwölf Produkten der Frage nach in wie weit der Klimawandel am Ende unsere Teller hierzulande erreicht.

In Ihrem Buch berichten Sie über viele Lebensmittel, die künftig vielleicht nicht mehr unsere Teller erreichen werden. Welche sind das konkret für uns in Deutschland?

Alle Lebensmittel, die wir beschreiben, kommen bisher noch in Deutschland an aber vielleicht in Zukunft nicht mehr oder nur noch zu wesentlich höheren Preisen. Eins der bedeutendsten Lebensmittel ist Kaffee und der größte Kaffeeproduzent weltweit ist Brasilien. Dieses Land wird mit Sicherheit nicht vom Klimawandel verschont bleiben, das sehen wir schon heute. Ein Großteil der Kaffeeanbauflächen wird zu heiß für den Kaffee werden und es gibt so gut wie keine Ausweichmöglichkeit im Land. Das heißt da wird künftig kein Kaffee mehr produziert werden. Alternative Sorten, die mehr Hitze ertragen können gibt es nicht, sie werden auch nicht erforscht. Das bedeutet, dass die Bauern, die heute noch vom Kaffeeanbau leben, sich was anderes ausdenken müssen.

Am ehesten haben die Erzeuger eine Chance, die für Biodiversität auf ihren Höfen und Flächen sorgen können. Wenn dort nicht nur der Kaffee wächst, sondern z.B. auch Avocados, Bananen und andere Produkte, die man zum Markt tragen kann. In dieser Mischform liegt die größte Chance, um solche Hitzewellen oder Dürren zu überstehen. Für die Landwirtschaft ist Diversität deshalb das Schlüsselwort und gleichzeitig auch eine bestimmte Art von "Kleinheit". Großflächige Anbaumethoden, wie man sie in Brasilien häufig beim Sojaanbau findet, aber auch bei anderen Kulturpflanzen, sind viel zu anfällig, um dem Klimawandel in Zukunft noch standhalten zu können. Entweder ist es die Trockenheit, die den Erzeugern Probleme macht, oder aber es sind Hitzewellen, Insekten und Pilze, die kommen und großflächig die Ernte vernichten.

Verbraucher befinden sich inmitten eines Dschungels von Ratschlägen, wenn es um Ernährung geht. Welche drei Tipps geben Sie Verbrauchern mit auf den Weg, um mit ihrem Ernährungsstil klimafreundlicher zu handeln?

Mein wichtigster Tipp ist die Rückkehr zum Sonntagsbraten, das heißt die deutliche Reduktion an Fleischkonsum. Der Sonntagsbraten ist ein toller Braten, der eine lange kulturelle Tradition hat. Auf ihn kann man sich die ganze Woche freuen und in der Zwischenzeit viele andere tolle Gerichte wie Suppen, Kartoffel- und Mehlspeisen genießen.

Als zweiten Tipp würde ich Verbrauchern ans Herz legen, ihre Produkte regional und saisonal zu kaufen. Alle Strecken, die wir für Einkäufe bzw. die Produkte zurücklegen, damit sie auf unseren Tellern landen, sind Wege durch die schädliche Klimagase entstehen. Um das Klima zu stabilisieren, müssen wir die Treibhausgasemissionen aber reduzieren.

Und das Dritte, was aus meiner Sicht ganz wichtig ist, ist organisch produzierte Lebensmittel zu beziehen, die keine Vielzahl an Zusatzstoffen und chemischen Hilfsmitteln zur Herstellung benötigen, welche für den Klimawandel absolut tödlich sind. Zum großen Teil sind das synthetischer Dünger und synthetisch produzierte Stützmittel. Dazu gehören alle Pestizide und große Mengen an Energien für die Verarbeitung und die Vermarktung. Wenn wir Schritte in diese klimaschützende Richtung tun, sind wir auf einem guten Weg.

Wege in eine positive Zukunft: Welche Strategien muss eine Ernährungswende verfolgen?

Eine Ernährungswende muss Essen vor allem wieder zu einer lokalen Kategorie machen, das heißt die Lebensmittelproduktion muss dort vonstattengehen, wo wir leben. Und für einen Großteil der Lebensmittel ist das auch realistisch. Das war früher nicht anders. Kaffee, Oliven, Wein etc. sind hingegen besondere Produkte, eher „Luxusartikel“. Auch die werden wir in Zukunft nur noch in Maßen genießen können. Sie werden durch den Klimawandel deutlich teurer. Das führt vielleicht zu mehr Wertschätzung.

Wertschätzen sollten wir alle unsere Lebensmittel, allen voran unsere Grundnahrungsmittel. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe Dann werden wir Lebensmittel auch weniger verschwenden und wegwerfen. Das nämlich ist ein weiteres großes Problem für unser Klima . Mehr Wertschätzung führt auch dazu, dass wir Lebensmittel nicht im Überfluss kaufen, um zu viel davon zu Konsumieren. Denn dieser Überkonsum ist ebenfalls klimaschädlich.


Dr. Wilfried Bommert studierte Agrarwissenschaften in Bonn und kam 1979 als Journalist zum WDR. Dort war er viele Jahre Leiter des Landfunks und der ersten Umweltredaktion des WDR, die er maßgeblich geprägt hat. Seit dieser Zeit beschäftigt er sich intensiv mit den Themen Gentechnik, Klimawandel, Welternährung und demographische Entwicklung. Bommert ist Mitbegründer des Instituts für Welternährung in Berlin und gehört dessen Vorstand an.

© Anne Efferts




Informationen zum Buch:

Wilfried Bommert und Marianne Landzettel
Verbrannte Mandeln Wie der Klimawandel unsere Teller erreicht
dtv premium Mit vier Landkarten
Originalausgabe, 288 Seiten, ISBN 978-3-423-26157-9
EUR 16,90 € [DE], EUR 17,40 € [A]
Erscheinungstermin: 4. August 2017

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Vom 29. September bis 31. Dezember 2017 läuft die internationale Slow-Food-Kampagne „Menu for Change – mit Genuss und Verantwortung gegen den Klimawandel“. Mehr über die Kampagne und die Mitmach-Aktionen finden Sie unter Menu for Change


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