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Regionalität: "Werbeschlager ohne Aussagekraft"

2.11.2017 – Regionale Produkte liegen im Trend. Viele Menschen erwarten Frische und Geschmack von Erzeugnissen, die nur über geringe Distanzen transportiert wurden. Oft werden sie enttäuscht. Im Interview warnt Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, vor dem Missbrauch von Herkunftskriterien durch die Lebensmittelindustrie.


Slow Food: Was steckt hinter dem anhaltenden Regional-Trend bei Lebensmitteln?

Ursula Hudson: Immer mehr Verbraucher möchten wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie produziert werden. Mit Produkten aus der Region verbinden viele automatisch Ihre Region und haben die Hoffnung, näher am Geschehen dran zu sein, sich selber und ihrer Umwelt etwas Gutes zu tun. Für viele ist damit auch Identität, die Wiederentdeckung kultureller Traditionen und der Wunsch nach Orientierung und Überschaubarkeit verbunden: Lokal statt global. Regionalität ist als Kriterium inzwischen oft wichtiger als eine ökologische Erzeugung.

Diese Bedürfnisse haben die Lebensmittelindustrie und der deutsche Einzelhändler sich zu eigen gemacht und daraus echte Verkaufsschlager kreiert. Denn Trends werden von Menschen gemacht, die damit etwas verdienen wollen und das in diesem Fall auch tun. Labels wie "Aus der Region" und „Von lokalen Erzeugern“ sind jedoch nicht aussagekräftig. Angefangen beim Begriff „Regionalität“ und „regional“. Er ist nicht geschützt und geografisch nicht einheitlich definiert. Hersteller und Händler entscheiden darüber. Während es sich bei einigen um eine bestimmte Entfernung in Kilometern, von fünf über fünfzig bis zu fünfhundert handelt, kennzeichnet es für andere einen Landkreis oder ein Bundesland. Und dieser Denkfigur liegt ein folgenreicher Irrtum zugrunde: Die Qualität eines Lebensmittels hat erst einmal so gar nichts mit Distanz und Kilometern zu tun. Dazu kommt, dass Regional-Siegel, so belegen es Studien zum Beispiel von Verbraucherzentralen oder Ökotest, dem Verbraucher Nähe nur vortäuschen. Bestenfalls verweist diese Etikettierung auf eine bestimmte Herkunft, die Inhaltsstoffe des Produkts stammen oftmals ganz woanders her. Vor allem aber sagt "regional" noch lange nichts darüber aus, wie nachhaltig, gesund und qualitativ hochwertig das einzelne Produkt ist. Fleisch eines lokalen Industriemästers wäre sonst automatisch empfehlenswerter als das vom weiter entfernten Biobauern.

Wann ist "regional" aus Slow-Food-Sicht ein verlässliches Kriterium?

Nicht, wenn es für sich alleine steht. Regionalität ist für Slow Food kein Alleinstellungsmerkmal. Für uns gehören umweltschonende, pestizidfreie Produktion, artgerechte Tierhaltung und faire Erzeugerpreise mit kurzen Lieferwegen, Frische und Lebensmittelhandwerk unweigerlich zusammen. Das ist die Voraussetzung für die Herstellung guter, sauberer und fairer Nahrungsmittel. Slow Food setzt sich für echte Nähe, Transparenz und Vertrauen ein. Der nachhaltige Wertschöpfungskreislauf eines Produktes soll in dem als regional angegebenen Gebiet stattfinden: Die Rohstoffe stammen von hier, werden hier verarbeitet, verpackt und vertrieben. In Zeiten der globalisierten Lebensmittelindustrie ist das inzwischen längst die große Ausnahme. Aufgrund der arbeitsteiligen Produktionsprozesse liegen zwischen Anbau und Verzehr oftmals hunderte bis tausende Kilometer, wenn nicht sogar Kontinente. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Infrastrukturen für Regionalität fehlen.

Was fordern Sie von Politik und Verbrauchern, damit aus Regionalität mehr wird als ein Marketingtrick?

Von den politischen Entscheidungsträgern fordern wir klare statt lasche Vorschriften – Belastbarkeit, Verbindlichkeit, Verpflichtung. Denn auch wenn die Politik dem Ruf nach mehr Klarheit beim Thema „Regionalität“ inzwischen nachkommt und Regularien anstößt, ist der große Wurf noch nicht gelungen. Regionalversprechen müssen transparent und verlässlich sein. Die politischen Entscheidungsträger müssen sich entschieden für die Stärkung regionaler Strukturen einsetzen und damit die lokale Wirtschaft fördern. Ganz zentral und oft gerne vergessen ist die unabdingbare Notwendigkeit, lokale, landwirtschaftliche und handwerkliche Produktionsstätten wiederaufzubauen. Echte Regionalität braucht vor Ort stattfindende Verarbeitungsstrukturen – Getreidemühlen, Schlachthöfe, Ölmühlen, Wollverarbeitung und vieles mehr.  Zudem muss in die Qualifizierung der Erzeuger investiert werden, um sie zu befähigen, kluge und starke Netzwerke zu bilden und zukunftsfähige Wege der Vermarktung in der Gemeinschaft entwickeln. Es geht um Vielfalt und Stärkung regionaler Wertschöpfung.

Von den Verbrauchern erwarten und erhoffen wir uns natürlich mehr kritisches Bewusstsein und setzen uns dafür weiter ein. Slow Food baut Lebensmittel- und Ernährungskompetenz auf, um kluges Alltagshandeln und -entscheidungen voranzutreiben. Denn nur ein souveräner und mündiger Konsument trifft die für ihn und seine unmittelbare Umwelt besseren Entscheidungen.

Bild oben: Eindeutig regional – Bamberger Spitzwirsing aus der Bamberger Gärtnerstadt fotografiert auf dem Bamberger Wochenmarkt. Der zart schmeckende Kohl ist Passagier auf der Arche des Geschmacks, einem internationalen Projekt der Slow Food Stiftung für Biodiversität. | © Margret Artzt


Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland | © Holger Riegel


 
Vom 29. September bis 31. Dezember 2017 läuft die internationale Slow-Food-Kampagne „Menu for Change – mit Genuss und Verantwortung gegen den Klimawandel“. Mehr über die Kampagne und die Mitmach-Aktionen finden Sie unter Menu for Change


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