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95 Thesen für Kopf und Bauch: Ursula Hudson und Pirmin Spiegel im Interview

9.9.2017 – Umsteuern bevor es zu spät ist! Im Lutherjahr zeigen Slow Food Deutschland und Misereor in "95 Thesen für Kopf und Bauch"  auf, was wir Verbraucher gemeinsam gegen Klimawandel, Bodenraub und Umweltzerstörung unternehmen können. Worum es in der Kampagne geht, erläutern Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, und Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor, im Interview zum ersten Themenblock der Thesen: Unsere Erde.

1. Frage: Warum ist der Planet Erde so besonders und wieso steht es so schlecht um ihn?

Ursula Hudson: Der Planet ist unsere einzige Lebensgrundlage und wir sind Teil dieses Ganzen. Trotzdem haben wir Menschen in den vergangenen Jahrhunderten extrem schlecht gewirtschaftet, sind schlecht mit ihm umgegangen. Wir haben sehr viel, zu viel, auf kurzfristige Erfolge gesetzt und den Planeten Erde aufgrund von Profitzielen in einer Art ausgebeutet, wie wir es nicht machen dürfen. Wir haben vor allem im Westen Lebensstile entwickelt, die auf Kosten von Menschen in anderen Teilen der Erde gehen. Um unsere übersteigerten Lebensverhältnisse und Konsummuster zu befriedigen, reicht ein Planet Erde nicht mehr aus. Deswegen ist es allerhöchste Zeit, dass wir in einem breiten gesellschaftlichen Bündnis in eine Diskussion eintreten, mit dem Ziel, dem ein Ende zu setzen. Wir müssen in einer anderen Weise miteinander leben und mit dem Planeten Erde umgehen. Deshalb freut sich Slow Food natürlich, daran gemeinsam mit Misereor arbeiten zu dürfen.

Pirmin Spiegel: Unser Planet ist ein Wunder, er ist vielfältig, er hat großartige Landschaften, beeindruckende Menschen, und eine imposante Vielfalt an Lebewesen. Die Erde ist keinesfalls eine Ware, die ausgebeutet, verkauft, versteigert oder gehandelt werden kann. Wir müssen uns fragen: Wie können wir heute so leben, die Produktionsweisen und unser Beziehungsleben so gestalten, dass ein würdevolles Leben für alle und eine große Artenvielfalt langfristig möglich sind? An solch einer Vision mitzuarbeiten und entsprechende Antworten zu formulieren, das versuchen Slow Food und Misereor.


2. Frage: Wer sind die Hauptverursacher von Umweltproblemen, Artenverlust, Ressourcenknappheit, des Klimawandels und ähnlicher Probleme?

Pirmin Spiegel: Ursula Hudson und ich sind davon überzeugt, dass sich unser Produktionssystem bzw. unsere Wirtschaft, aber auch unser eigenes Konsumverhalten und unser Lebensstil, für die wir schon heute die Ressourcen von zwei oder drei Erden benötigen, ändern müssen. Alleine für Deutschland fällt der sogenannte Erdüberlastungstag (Anm. Redaktion: der Tag im Jahr, an dem die Ressourcen unserer Erde verbraucht sind) bereits in den Monat April. Dass zeigt, dass sich nicht nur Wirtschaft und Politik strukturell verändern müssen, sondern auch wir selbst gefragt sind. Mit Aktionen und Initiativen wie den „95 Thesen für Kopf und Bauch“ wollen wir alle gesellschaftlichen Akteure einladen, die dafür relevanten Lösungen zu entwickeln und gemeinsam zu diskutieren. Es geht uns nicht darum, die Debatte mit erhobenem Zeigefinger zu führen. Wir möchten gemeinsam Lebensstile entwickeln, die nicht nur einige wenige in den Blick nehmen, sondern eben alle – ohne dabei die Freude und die eigene Motivation zu verlieren. Ganz im Gegenteil, eine solche Veränderung würde für alle mehr Freude am Leben bedeuten.

Ursula Hudson: Und die Frage nach den Hauptverursachern ist hochpolitisch. Aus Sicht von Slow Food ist das bei der Lebensmittelproduktion ein industriell spezialisiertes und damit monokulturalistisches System, das zu all diesen Folgeproblemen führt. Und so wie auf dem Land findet es im Meer auf ähnliche Weise statt. Die Ausbeutung der Weltmeere und die Auswirkungen des Klimawandels auf dieses wunderbare Ökosystem werden oft vergessen. Dabei sind wir mit unseren Vorstellungen, wie wir leben wollen, dafür verantwortlich. Diese Vorstellung sollten wir mit Freude und in Beziehungstätigkeit anpassen, auf dass der Earth Overshoot Day global nicht mehr im August stattfindet sondern zeitlich ganz weit nach hinten rückt.

Pirmin Spiegel: Absolut richtig. Deshalb haben wir bei Misereor in den letzten drei Jahren die Frage, wie wollen wir leben, damit auch in Zukunft alle leben können, stark in den Fokus gerückt. Dabei gilt es, den Blick über unseren eigenen Horizont auf andere auszuweiten.

3. Frage: Wo müssen wir politisch ansetzen und welche Richtung müssen wir gesamtgesellschaftlich einschlagen, um unseren Enkeln eine bewohnbare Welt hinterlassen zu können?

Ursula Hudson: Für mich ist es schon fast keine Frage mehr, sondern eine dringendste Notwendigkeit, anzusetzen, indem wir die Vielfalt schätzen, die der Arten ebenso wie die unter den Menschen. Politisch muss einem ganz offensichtlich nachweisbar ressourcenausbeuterischen System ein Ende gesetzt werden. Es gilt die politische Uhr sofort umzustellen, auf biologische und damit ressourcenschonende Landwirtschaft. Das wäre sofort die politische Richtung, die man bei entsprechenden Willen einschlagen könnte anstatt immer den Lobbyisten der industriellen Produktion das Ohr zu leihen. Und dann sind es natürlich wir als Verbraucher, die wir uns mit Wertschätzung und Freude am Essen und Genießen sowie gleichzeitig mit Verantwortung beschäftigen müssen, damit es weitergehen kann.

Pirmin Spiegel: Große Chemiekonzerne und die Ernährungsindustrie alarmieren die Gesellschaft immer wieder mit der Aussage, dass in Zukunft sieben oder gar zehn Milliarden Menschen ernährt werden und dafür mehr Lebensmittel produziert werden müssen. Ihr landwirtschaftliches, hoch industrialisiertes Modell verkaufen sie dabei als die Lösung. Wir wissen aber von unseren Partnern in Afrika, Asien und Lateinamerika, dass der große Anteil der Lebensmittel, die weltweit produziert werden, aus der bäuerlichen Landwirtschaft stammt. Diese Lebensmittel sind es, die in Vielfalt, regionaler Verschiedenheit, nachhaltig und den lokalen Bedingungen angepasst, hergestellt werden. Wir werden nicht nachlassen, diese Perspektive immer wieder in die gesellschaftliche Debatte einzubringen und die Kompetenz und den Reichtum, den die bäuerliche Landwirtschaft mit sich bringt, zu betonen. Von daher war die Sympathie direkt groß, als ich Slow Food das erste Mal kennenlernte. Denn auch für uns ist Ernährung mehr als nur Essensaufnahme oder eine wirtschaftliche Dimension. Ernährung hat eine soziale und kulturelle Komponente. Das macht es so wichtig, Essen nicht nur auf das Kalorienzählen zu reduzieren Es macht Freude, das Mandat, sich für eine andere Art der Ernährung, eine andere Wahrnehmung unseres Ernährungssystems einzusetzen, mit Slow Food zu teilen.

Illustration oben: Die Erde – aus der Broschüre "95 Thesen für Kopf und Bauch". | ©  Lara-Anna Roesch, Kurt Stieding

Bild oben: Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, und Pirmin Spiegel, Misereor-Hauptgeschäftsführer, stellen die Broschüre "95 Thesen für Kopf und Bauch" sowie die zugehörige Veranstaltungsreihe der Öffentlichkeit vor.  | © Rose Schweizer

Mehr Informationen:

Veranstaltungsreihe: 95 Thesen für Kopf und Bauch

Die 95 Thesen als Broschüre (PDF) herunterladen



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