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95 Thesen für Kopf und Bauch: "Die landwirtschaftliche Ausbildung ignoriert die Ökologie."

19.10.2017 – Die lebenswichtige Ressource Boden stand vergangenen Sonntag im Fokus der Veranstaltungsreihe "95 Thesen für Kopf und Bauch" von Slow Food Deutschland und Misereor. Diskutiert wurde auf dem Biolandhof von Josef Braun in Freising bei München, einem Pionier bodenschonender Landwirtschaft, die auf der "Mitarbeit" der Bodenlebewesen aufbaut.

Die Veranstaltung widmete sich dem Boden in Theorie und Praxis. Nach einer „Bodenbesichtigung“ ging es in einer Diskussionrunde um die entscheidende Rolle des Bodens für die Sicherung unserer Ernährung und das Klima. Als Experten nahmen Ursula Hudson (Vorsitzende von Slow Food Deutschland), Hildegard Keck (Misereor-Beraterin für nachhaltige Landwirtschaft), Josef Braun (Biolandhof Braun), Wilfried Bommert (Institut für Welternährung) und Barbara Schmidt (Misereor München) an der Veranstaltung teil. Die Moderation übernahm Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung.

Bild oben: Bodenbesichtigung und Regenwurmzählen auf dem Bioland-Hof Braun

Dem Klimawandel durch Bodenschutz entgegenwirken

Gesunde Böden sind für das Überleben aller Lebewesen unabdingbar. 95 Prozent unserer Nahrungsmittel werden auf Böden erzeugt und auch der Zustand des Klimas hängt stark von der Beschaffenheit der Böden ab. Humus ernährt uns und jede zusätzliche Tonne Humus entlastet die Atmosphäre zugleich um mehr als 1,8 Tonnen des Klimakillers CO2. Bodenschutz ist Klimaschutz.

„Boden ist keine Ware ist, sondern ein endliches Allgemeingut, das es zu schützen gilt, vor Erosion, Übernutzung und Versiegelung“, stellt die Slow Food Deutschland Vorsitzende Ursula Hudson klar. „Im Slow-Food-Kontext sind gesunde Böden unabdingbar für das Entstehen von guten, sauberen und fairen Lebensmitteln. Ein lebendiger Boden ist entscheidend für den Geschmack eines Lebensmittels und dessen Nährstoff- und Vitaminreichtum“, so Hudson und verweist auf den täglichen Hebel eines jeden Verbrauchers für den Einkauf von ökologisch hergestellten Nahrungsmitteln.

Barbara Schmidt von Misereor München appelliert in ihrer Begrüßungsrede an die Teilnehmer: „Wenn wir die Anbauweisen in der Landwirtschaft verändern, können wir den Herausforderungen des Klimawandels begegnen und sie in den Griff bekommen. Das macht Hoffnung, wenn wir uns alle gemeinsam für den Wandel stark machen“. Und wie wichtig die Abmilderung des Klimawandels im globalen Ernährungskontext ist, das weiß Hildegard Keck von Misereor, die sich seit Jahren für eine nachhaltige Landwirtschaft im globalen Süden einsetzt. Während der Diskussion berichtet sie, dass weltweit jährlich 24 Milliarden Tonnen fruchtbare Erde verloren gehen, weil große Investoren große Landstriche aufkaufen, um diese intensiv zu für den Weltmarkt zu bewirtschaften. Darunter leiden in erster Linie die Gemeinschaften vor Ort. Für sie bleiben nicht nur zu wenig Landflächen für die Sicherung ihrer Ernährung. Sie spüren zusätzlich die verheerenden Folgen der Erderwärmung, werden durch Umweltkrisen ihres Lebensraumes beraubt und kämpfen aufgrund von Dürren und ausfallenden Ernten ums Überleben. Boden- und Klimaschutz ist ganz klar ein globales Thema.

Wir treten den Boden mit unseren Füßen

Trotz der Bedeutung des Bodens für die Lebensmittelproduktion, für unser Klima und damit für unser Überleben, scheint der Politik, der Wirtschaft und auch den Verbrauchern die Wertschätzung für diese wichtige Ressource gänzlich abhanden gekommen. Jürgen Maier nennt während seiner Moderation allein Zahlen für Deutschland, die für sich sprechen: Laut Europäischer Kommission kommt es durch Erosion in Deutschland zu einem Bodenverlust von zehn Tonnen pro Hektar und Jahr. Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung verdeutlicht den Einfluss des Klimawandels auf unsere Böden am Beispiel des Kaffee-Anbaus in Brasilien. Brasilien droht künftig als wichtigster Hauptlieferant von Kaffee auszuscheiden, da der fortschreitende Klimawandel etwa 80 Prozent der Anbaufläche überhitzt. „Der Boden heizt sich durch die erhöhte Sonneneinstrahlung bis zu 50 Grad auf und 'verbrennt‘ förmlich. Nicht die Plantagenbesitzer, die große Mengen Kaffeebohnen anbauen reagieren darauf, sondern die Kleinbauern. Sie sind es, die ganzjährig ihre Böden abdecken und so versuchen ein Bodenklima aufrechtzuerhalten, auf dem weiterhin geerntet werden kann“, so Bommert.

Der Blick nach vorne: Was ist also zu tun?

Alle Experten sind sich einig: Die fehlende Wertschätzung für den Boden muss wieder hergestellt werden. Mit gutem Vorbild voran gehen dafür Erzeuger wie Bio-Bauer Josef Braun: Bodenqualität ist für ihn von höchster Bedeutung. Denn ein physikalisch guter und lebendiger Boden bietet Wohn- und Arbeitsräume für alle Bodentiere und Pflanzenwurzeln mit ausreichend Bewegungsfreiheit und Luft zum Atmen. Mit einer Besatzungsdichte von 400 Regenwürmern pro Quadratmeter ist Braun eher ein Exot in der Branche. Seine gezielte Förderung von Regenwürmern bewirkt, dass diese fleißigen, grabenden Helferlein den Boden lockern und damit fruchtbar halten.

Braun bedauert, dass die landwirtschaftliche Ausbildung heute keinerlei Verständnis für Ökologie schafft. Das Kapitalinteresse steht im Vordergrund obwohl die öffentliche Diskussion weiter ist, dringt dies nicht bis in die Ausbildungsstätten und Landwirtschaftlichen Hochschulen vor. Aus diesem Grund hat er mit Kollegen eine „Bodenpraktikerausbildung“ ins Leben gerufen, die sich zur zur Aufgabe macht, Bauern über zwei Jahre hinweg bei der Umstellung auf ökologischen Landbau zu begleiten, um aus Agrarmanagern wieder Bauern zu machen.

Großstädter für die Ernährungswende

Auch aus den Großstädten gibt es positive und zukunftsweisende Ansätzen. So berichtet Wilfried Bommert, dass die unausweichliche Ernährungswende in Städten wie München, Hamburg, Berlin und Köln durch sogenannte Ernährungsräte vorangetrieben werden kann. Es ist in dem Fall die Zivilbevölkerung , die sich dafür einsetzt, die Ernährung der Städter auf regionale Wertschöpfungsketten auszurichten. Sollte diese Entwicklung Früchte tragen, rückt es die Verbraucher wieder näher an die Erzeuger und ihre Produktionsweisen heran und damit auch an die dafür notwendigen und zu schützenden Ressourcen.

Slow Food Deutschland setzt sich schon seit Langem mit Partnerorganisationen dafür ein, dass die Ressource Boden durch einen gesetzlichen Rahmen geschützt und als Allgemeingut anerkannt wird. „Wir dürfen nicht weiter so machen wie bisher. Deswegen liegt unsere Hoffnung darin, durch Aufklärung und Mobilisierung der Zivilgesellschaft Aufmerksamkeit für diese wichtige, aber untergrabene Ressource zu schaffen. Die Politik muss endlich mit einem Maßnahmenkatalog zum Bodenschutz gegensteuern“, so Ursula Hudson. Der dringend nötige Wandel hin zu einem zukunftsfähigen Lebensmittelsystem ist nur umzusetzen, wenn sich die Zivilgesellschaft an der Debatte und Umgestaltung beteiligt. Denn trotz schwerwiegender Umwelt- und Klimaschäden, welche wir durch unser Ernährungsystem anrichten, ist von Seiten der Politik kein Umsteuern in Sicht. Deshalb begeben sich Slow Food Deutschland und Misereor im Reformationsjahr mit den 95 Thesen zur Reformation des globalen Ernährungssystems und der begleitenden Veranstaltungsreihe gemeinsam mit Verbrauchern und Partnern auf die Suche zukunftsfähiger Alternativen.


Die Referenten der Veranstaltung "Boden und Ernährung" (v. r. n. l.): Josef Braun, Biolandwirt; Barbara Schmidt, Misereor München; Wilfried Bommert, Institut für Welternährung; Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland; Hildegard Keck, Misereor-Beraterin für nachhaltige Landwirtschaft; Jürgen Maier, Forum Umwelt und Entwicklung; Rupert Ebner, Mitglied im Vorstand von Slow Food Deutschland


Bilder: © Rose Schweizer


Hintergrund:

Martin Luther und seine 95 Thesen haben vor 500 Jahren die Missstände im kirchlichen Ablasshandel kritisiert und die Reformation eingeleitet. Als Beitrag zum Reformationsjahr „Luther 2017“ präsentiert Slow Food Deutschland e. V. in Partnerschaft mit Misereor insgesamt 95 Thesen für Kopf und Bauch - für die „Reformation“ unserer Ernährungswelt.

Die Erde rahmt die 95 Thesen am Anfang und Ende ein, dazwischen stehen die Themenblöcke Wasser, Boden, Klima, die Pflanzen und Tiere – dann tritt der Mensch mit seinen Bedürfnissen auf – Einkaufen, Essen, Genießen – seinem immer größeren Fußabdruck, der tiefe Spuren im Erdzeitalter des Anthropozäns hinterlässt.

Slow Food Deutschland und Misereor machen damit auf die eklatanten Missstände und dringende Reformbedürftigkeit von Landwirtschaft / Fischerei und Nahrungsmittelproduktion aufmerksam. Immer mehr Konsumenten möchten wissen, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie hergestellt wurden und welche Folgen Produktionsweisen und Ernährungsstile für die Zukunft unseres Planeten Erde haben. Dieses Interesse ist der Beginn einer dringend notwendigen Veränderung. Slow Food und Misereor möchte diesen Prozess aktiv unterstützen und den gemeinsamen Dialog verstärken und vertiefen. Eine Veranstaltung zu jedem der neun Themenblöcke (Wasser, Boden, Klima, Essen etc.) ermöglicht dies.

Mehr Informationen:

Slow Thema: Boden

Veranstaltungsreihe "95 Thesen für Kopf und Bauch"




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