IGA: Slow-Food-Bildungsprojekt

19.7.2017 – Im Rahmen des Slow-Food-Schulprojektes „Boden Begreifen“ führt Slow Food Deutschland bei der Internationalen Gartenausstellung 2017 in Berlin über das Jahr hinweg mehrmals die Veranstaltung „Boden – unsere Lebensgrundlage“ auf dem Gelände des 2000m² Weltackers durch. Das Aktionsformat beinhaltet Aspekte der beiden von Slow Food initiierten Projekte Boden Begreifen und 10.000 Gärten in Afrika und findet in Kooperation mit dem Projekt 2000m² Weltacker der Zukunftsstiftung Landwirtschaft statt. Ein Bericht von Sharon Sheets, Slow Food Deutschland.

IGA Berlin: Slow-Food-Aktionstage auf dem Weltacker

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Bei den „Boden – unsere Lebensgrundlage“ Workshops auf dem Gelände des 2000m² Weltackers auf dem IGA Campus wird Schülern vermittelt, wie viel Ackerfläche jedem Menschen theoretisch zur Verfügung stünde, wenn die Flächen global gleich und gerecht verteilt wären. Die Zusammenhänge des globalen Lebensmittelsystems werden vor allem durch einen direkten Austausch per Video Live-Schaltung mit Schülern aus Äthiopien erarbeitet. So lernen die Schüler andere Lebenswelten kennen und verstehen, was unser Essen mit der Lebens- und Ernährungssituation der Menschen in anderen Ländern zu tun hat. Zur praktischen Veranschaulichung und modellhaften Präsentation des internationalen Slow-Food-Projektes der 10.000 Gärten in Afrika ist Slow Food Deutschland auf dem IGA-Campus auch mit einer Parzelle eines äthiopischen Schulgartens vertreten. Beim Projekttag am 11. Juli 2017 galt es mit einer 7. Klasse aus Berlin Neukölln zu erörtern, welche Auswirkungen unsere Essgewohnheiten im globalen Kontext haben, und zu verstehen, wie sich unsere Ernährungswelt von der von Menschen aus Äthiopien unterscheidet.

Bild oben: Äthiopische Schüler zeigen bei der Live-Schaltung nach Deutschland stolz ihren Nutzgarten und stellen ihre Ernährungswelt anhand von Grafiken vor.

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"Denkt beim Essen auch an die Menschen, die euer Essen produzieren!"

Welche Wechselwirkungen gibt es innerhalb des globalen Lebensmittelsystems und wie hängt das Konsumverhalten im globalen Norden mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen im globalen Süden zusammen? Slow Food setzt sich zum Ziel bei seinen Bildungsprojekten Essen immer in den ganzheitlichen Kontext einzubetten. Folglich richtet sich der Blick über den nationalen Tellerrand hinaus. Als Einführung in die Thematik stellt der Projektbeauftragte des Slow-Food-Schulprojektes Boden Begreifen, Daniel Diehl, an diesem sonnigen Dienstag Morgen das Konzept des 2000m2 Weltackers vor, das die Initiatoren wie folgt beschreiben: „Wenn wir die globale Ackerfläche von 1,4 Milliarden Hektar durch die Zahl der Erdenbürger teilen, ergibt das 2000 m² pro Nase. Darauf muss also alles wachsen, womit Mutter Erde uns nährt und versorgt: Brot, Reis, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Öl, Zucker – aber auch all das Futter für die Tiere, deren Fleisch, Milch und Eier wir verzehren, das vom Acker und nicht von Wiesen und Weiden stammt“.

Daran anknüpfend erklärt Daniel, was das praktisch für uns als Verbraucher bedeutet: Wie viel jeder von uns persönlich an Ackerfläche verbraucht, hat eine direkte Auswirkung darauf, wie viel Land den Menschen in anderen Ländern zur Verfügung steht. Zum Auftakt der Diskussion über die globale Lebensmittelproduktion fordert Daniel die Schüler auf, sich darüber Gedanken zu machen, wo unsere Lebensmittel herkommen.

Bild oben: Projektbeauftragter des Slow-Food-Schulprojektes Boden Begreifen, Daniel Diehl, stellt das Konzept des 2000m2 Weltackers vor.

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Verbrauch von Ackerflächen im Ausland durch Import

Es wird schnell deutlich: Gerade hierzulande beziehen wir viele unserer Produkte aus dem Ausland und die dortige Ackernutzung dient oft dem Export und nicht dem Eigenbedarf. Wie es wohl den Personen ergeht, die unsere Lebensmittel erzeugen? Das ist eine weitere Frage, die hier behandelt wird. Als Anstoß gibt Daniel den Teilnehmern mit auf den Weg, man solle doch das eigene Essen in den Kontext der Lebensmittelproduktion stellen: „Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass ihr beim Essen auch an die Menschen denkt, die euer Essen produzieren“. Als Beispiel erzählt er von seiner Arbeit mit Bauern in Kambodscha, die oft im Matsch und gebückt den ganzen Tag lang in prahlender Sonne arbeiten, um Reis anzubauen, damit wir diesen dann hierzulande essen können. Das Beispiel bringt den Schülern nahe: Für die Erzeugung unserer Lebensmittel hierzulande werden also auch Ackerflächen in anderen Ländern genutzt.

Bild oben: Diskussion des globalen Ernährungskontextes unserer Lebensmittel.

Erfahrungsaustausch zwischen Äthiopien und Deutschland

Nach diesem Denkanstoß zur globalen Lebensmittelproduktion sollen die Schüler nun skizzieren, wo wir in Deutschland unsere Lebensmittel her beziehen, was wir hier essen und wo wir einkaufen. Gleichzeitig sollen sich die Schüler Fragen überlegen, die sie dann bei der Live-Schaltung nach Äthiopien an die Schüler dort richten sollen. Durch schöne, selbstgezeichnete Bilder erklären die deutschen Schüler den Äthiopiern nun vor der Kamera, dass wir hier hauptsächlich im Supermarkt einkaufen. Umgekehrt können die Neuköllner erfahren, dass die Schüler in Äthiopien ihr eigenes Obst und Gemüse im Schulgarten anbauen und dort nicht die selben Einkaufsstrukturen vorhanden sind. Der Bereich "Logistik und Transport" interessiert die deutschen Schüler auch: Durch die Frage, ob es in Äthiopien ebenfalls Autos gibt, wird schnell klar, dass sich die Infrastruktur in Äthiopien stark von unserer unterscheidet. Dass es in Äthiopien mehr Esel als Autos gibt eröffnete den Schülern hier eine Vorstellung über das dortige Lebensmittelsystem. Lebensmittel werden nicht so einfach wie hier mit dem LKW hin und her gefahren.

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Was esst ihr, was essen wir?

Im nächsten Schritt des Austausches zeigen Videobotschaften, welche Kulturpflanzen im jeweiligen Land angebaut werden und welche Lebensmittel daraus hergestellt werden. Während unsere Schüler über den Weltacker laufen und per Video unter anderem Weizen und dessen Erzeugnisse wie Brot und Pizzateig vorstellen, können die deutschen im Gegenzug einen Einblick in den Schulgarten in Äthiopien bekommen. Der Projekttag war für beide Seiten sehr bereichernd und informativ. Voller Stolz stellten die deutschen sowie die äthiopischen Schüler ihre Bilder vor und lauschten im Gegenzug den Antworten des Gegenüber. Der Austausch führte bei den Schülern hier nicht zuletzt zu einer größeren Wertschätzung der hier vorzufindenden Gegebenheiten, vor allem im Hinblick auf Lebensmittel und die Lebensbedingungen.

Bild: Die Schüler aus den beiden Ländern stellen sich gegenseitig ihre Lieblingsgerichte vor und zeigen, was auf dem jeweiligen Acker wächst.

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So schmeckt Äthiopien

Abgerundet wird der Projekttag mit einer Kochaktion, bei der die deutschen Schüler in einer Küche unter freiem Himmel äthiopische Gerichte kochen, um auch ganz praktisch zu erfahren, wie Äthiopien ‚schmeckt‘. Begeistert und voller Freude helfen die Schüler unserer Bundesfreiwilligen Claudia beim Kochen und bereiten einen Kartoffelsalat mit Roter Beete, Linseneintopf sowie eine äthiopische Gemüsepfanne zu. Ganz traditionell bleiben Messer und Gabel dem Tisch fern. Stattdessen wird das Gemüse durch frisch vor Ort zubereitetes äthiopisches Brot – Injera – aufgegabelt. Injera ist ein in der Pfanne ausgebackener Sauerteigfladen, der in Äthiopien als Besteckersatz dient.

Bild oben: Zum Abschluss der Bildungseinheit wurde gemeinsam äthiopisch gegessen.

Zum Aktionsformat

Die Veranstaltung Boden – unsere Lebensgrundlage beinhaltet Aspekte der beiden Slow Food initiierten Projekte Boden Begreifen und 10.000 Gärten in Afrika und findet in Kooperation mit dem Projekt 2000m² Weltacker der Zukunftsstiftung Landwirtschaft statt.

Bilder: © Sharon Sheets (4), Archiv Slow Food Äthiopien (1)

Mehr Informationen:

Slow-Food-Schulprojekt: Boden begreifen

Slow-Food-Projekt: 10.000 Gärten in Afrika

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