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Tierzucht: Antibiotikaresistenzen – eine gesellschaftliche Herausforderung

18.1.2018 – Durch Antibiotikaresistenzen weltweit verursachte Todesfälle machen immer öfter Schlagzeilen. Fachleute schätzen, dass im Jahr 2050 über zehn Millionen Menschen jährlich sterben, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Ein zu willkürlicher Einsatz des Medikaments in der Humanmedizin sowie dessen erhöhte Verabreichung in der intensiven Tierhaltung weltweit führen die Experten zu dieser Prognose.

Der Verzicht von Antibiotika in der Tierhaltung könnte einen großen Beitrag zur Entschärfung dieses Problem leisten. Bei der Podiumsdiskussion „Antibiotikaresistenzen – eine gesellschaftliche Herausforderung“ der Heinrich-Böll-Stiftung am 16. Januar 2018 in Berlin, diskutierten Slow-Food-Vorstandsmitglied Rupert Ebner, Reinhild Benning, Germanwatch, und Klaus-Dieter Zastrow, Leiter des Hygiene-Instituts der Regiomed-Kliniken Thüringen, über Herausforderungen und Entwicklungen des Einsatzes von Antibiotika in der Tierzucht.

Slow Food Deutschland und Germanwatch forderten die politischen Entscheidungsträger dazu auf, dem übermäßigem Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ein baldiges Ende zu setzen, dadurch Krankheitsrisiken für Menschen zu minimieren und durch Achtung von Mensch, Tier und Umwelt das Gemeinwohl zu schützen.

In ihrem einleitenden Vortrag stellte Reinhild Benning von Germanwatch aktuelle Fakten aus dem jüngst erschienen Fleischatlas 2018 vor, die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) große Sorge bereiten: „Jährlich werden weltweit derzeit 131.000 Tonnen Antibiotika bei Tieren eingesetzt, die als Speisen auf den Tisch kommen – etwa doppelt so viel wie bei den Menschen selbst“. Prognosen geben Grund zur Annahme, dass der Antibiotikaeinsatz bis 2030 ein noch dramatischeres Ausmaß annehmen wird. Dafür ist vor allem unser steigende Hunger nach tierischen Produkten verantwortlich. Rund zwei Drittel der verabreichten Mengen an Antibiotika gehen auf das Wachstum der Fleisch- und Milchproduktion zurück, rund ein Drittel auf die zunehmende Industrialisierung der Haltungssysteme. Damit steige parallel die Gefahr, dass Keime Resistenzen gegen diese Medikamente entwickeln, die damit ihre Wirksamkeit verlieren.

Bild oben: Junge Schweine – bei deren Aufzucht bis zum schlachtreifen Tier wird oft viel Antibiotika eingesetzt. | © Katharina Heuberger

WHO empfiehlt beschränkten Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung

Laut WHO können solche Resistenzen zwischen Menschen, zwischen Tieren sowie zwischen Menschen, Tieren und Umwelt übertragen werden. Die Übertragung und Ausbreitung von Bakterien oder Genen, die die Resistenzinformationen tragen, kann in Krankenhäusern ebenso wie im Alltag und über die Nahrungsmittelkette erfolgen. Der Verzehr von tierischen Produkten, die mit Antibiotika behandelt wurden, spielt eine wesentliche Rolle für die Übertragung der Resistenzen auf den Menschen. Der steigende Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung hat die WHO deshalb dazu veranlasst, eine Liste mit fünf Wirkstoffklassen sogenannter Reserveantibiotika zu veröffentlichen, die prioritär für den Menschen wichtig sind und deshalb nach WHO-Empfehlung möglichst nicht in der Tierhaltung eingesetzt werden sollten.

Antibiotikaeinsatz in Deutschland und der Welt

Während ihres Vortrags hielt Benning fest, dass sich in Deutschland zwar insgesamt ein rückläufiger Antibiotikaeinsatz seit 2011 abzeichne. Gleichzeitig gäbe es aber bei den von der WHO als Reserveantibiotika festgelegten Wirkstoffklassen teilweise sogar Anstiege bei der Verwendung in der Tierhaltung in Deutschland. Im Vergleich zu Ländern wie Dänemark, die in Europa als Vorreiter bei der Reduzierung von Antibiotika auf allen Ebenen voranschreiten, hinke Deutschland hinterher und zeige sich politisch als Bremse, so Benning weiter. Dänemark mache vor, dass es auch anders geht. Deutschland müsse sich seiner politischen Rolle auf EU- und internationaler Ebene bewusst werden und durch den Umbau der Tierhaltung global ein Zeichen setzen. Immerhin, so Benning, ginge es hier um Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt.

Vorsorgeprinzip durch zukunftsfähige Tierhaltung wahren

Während der Diskussion hob Slow-Food-Vorstandsmitglied Rupert Ebner hervor, dass das Problem der Antibiotikaresistenzen überhaupt erst durch die industrielle Tierhaltung zugenommen habe. Auch wenn, wie Klaus-Dieter Zastrow verdeutlichte, Humanmediziner dem Menschen zu viele und falsche Antibiotika verschreiben, sprechen aktuelle Zahlen für sich: Der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung ist etwa doppelt so hoch als beim Menschen. „Grund dafür ist die Haltungsform und damit die intensive Tierhaltung für die industrielle Massenproduktion, welche Antibiotika fest mit einkalkuliert. Dabei kommt es häufig zu ‚Antibiotika-Fehldosierungen‘ sowie Missständen, weil es beispielsweise dem Futtertrog bzw. der Tränke beigemischt wird und dadurch sowohl von kranken aber auch gesunden Tieren aufgenommen wird“, so Ebner. Antibiotika-Resistenzen seien ein systemimmanentes Problem. Deswegen sei der einzige Ausweg ein grundlegender Umbau der Tierhaltung im Sinne einer zukunftsfähigen Lebensmittelproduktion sowie die Reduzierung des Fleischkonsums. Statt Mastanlagen, bei denen Tiere keinen Bewegungsraum haben und sich Krankheiten schneller ausbreiten, seien geschlossene Systeme einer Kreislaufwirtschaft von Nöten. Tiere sollen dort aufwachsen, wo sie geboren und geschlachtet werden. Einer größere Besatzdichte ermögliche ein deutlich besseres Wohlbefinden der Tiere.

Slow Food und Germanwatch forderten an diesem Abend eine echte politische Verpflichtung für artgerechte Tierhaltung und konsequente Beschränkungen des Antibiotikaeinsatzes und ein Verbot von Reserveantibiotika. Rupert Ebner verwies zusätzlich zum Tierschutz auf die dadurch mögliche Reduzierung der durch Antibiotika-Überdosierung anfallenden Gesundheitskosten. Er machte zugleich klar, dass dieser Wandel von den Verbrauchern mitgetragen werden müsse. Denn der Fleischkonsum muss weltweit zurück gehen. Aufgefordert sind dazu primär die Industrienationen mit ihrer fleischlastigen Ernährung. Die Reduktion des Fleischkonsums ist auch für den Klima- und Umweltschutz unabdingbar. Besinnen wir uns also zurück zum Sonntagsbraten, zum reduzierten aber dafür geschätzten Fleischkonsum hochwertiger Produkte aus artgerechter Haltung.

„Wir haben es satt“-Demonstration am 21. Januar

„Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ ist deshalb auch eines der Mottos der alljährlichen „Wir haben es satt“-Demo, die dieses Jahr am 21. Januar 2018 in Berlin stattfindet und zu der Slow Food Deutschland, Germanwatch und die Heinrich-Böll-Stiftung als Bündnispartner an diesem Abend aufriefen. Denn hier wird das Thema Tierhaltung auch eine große Rolle spielen. Statt Massentierhaltungsanlagen strebt das Netzwerk der „Wir haben es satt“-Bündnispartner wieder kleinbäuerliche Strukturen an, die nur im Notfall auf Antibiotika in der Tierhaltung zurückgreifen.

Text: Sharon Sheets, Slow Food Deutschland


Auf dem Podium (v. li. n. re.): Reinhild Benning, Germanwatch; Christine Chemnitz; Rupert Ebner, Slow Food Deutschland; Klaus-Dieter Zastrow, Hygiene-Institut der Regiomed-Kliniken Thüringen | © Sharon Sheets


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