Forschungsstand zum Thema Hülsenfrüchte

22.03.2019 - Von 2017 bis 2021 läuft das europäische Forschungsprojekt TRUE zu Hülsenfrüchten an der Universität Hohenheim. Slow Food Deutschland ist einer von 24 Partnern aus Praxis und Wissenschaft, die daran beteiligt sind. Das TRUE-Projekt zielt unter anderem darauf ab, Hülsenfrüchte wieder auf die Speisepläne zu bringen und als alternative Eiweißquelle zu tierischen Produkten zu nutzen, denn aus Klima- un Umweltsicht muss der Konsum tierischer Produkte dringend reduziert werden. Im Interview berichtet Sabine Zikeli vom Zentrum für Ökologischen Landbau der Universität Hohenheim, die auch am Projekt beteiligt ist, über den Forschungsstand zum Thema Hülsenfrüchte.

Frau Zikeli

Frau Zikeli, Hülsenfrüchte oder Leguminosen spielen eine wichtige Rolle im ökologischen Landbau. Worum geht es beim Leguminosenprojekt TRUE (TRansition paths to sUstainable legume based systems in Europe)?

Ein Teil des Projekts dreht sich um die Ernährung: Wie schaffen wir es, dass die Menschen wieder mehr Hülsenfrüchte als Eiweißquelle nutzen – sowohl alte als auch neue Sorten – und diese wieder ganz selbstverständlich in ihren Speiseplan integrieren. Das würde dazu führen, dass wir landwirtschaftliche Flächen einsparen würden, da wir diese zur Erzeugung für Lebensmittel und nicht für Tierfutter verwenden würden. In diesem Projektteil ist auch das Hülsenfrüchte-Kochbuch angesiedelt, das von Slow Food Deutschland als Partner betreut wird. Der zweite Teil des Projekts forscht zu verschiedenen anderen Einsatzmöglichkeiten und evaluiert die Nachhaltigkeit der Anbausysteme. Wichtig ist hierbei, dass Leguminosen die Fähigkeit haben, Stickstoff als Dünger für die Folgekulturen in den Boden einzubringen.

Gibt es so etwas wie die idealen Leguminosen, die sehr gute Werte in beiden Bereichen haben, bei der Bodenverbesserung und in der Ernährung?

Leider nein, da muss man immer einen Kompromiss schließen. Die Leguminosen bauen den Stickstoff, den sie mit Hilfe der Knöllchenbakterien in ihren Wurzeln aus der Luft fixieren, in die Pflanze ein, vor allem in die Samen, die wir ja dann als Eiweißquelle verzehren. Je mehr Eiweiß aber in den Samen eingelagert wird, umso weniger verbleibt für die Folgekultur im Boden.

Heißt das, man muss sich als Landwirt beim Leguminosenanbau zwischen den beiden Zielen entscheiden: Stickstoff zur Düngung des Bodens oder Eiweiß für die menschliche Ernährung?

Die Abwägung ist noch etwas komplizierter. Man muss sich entscheiden zwischen Eiweißgehalt, Stickstoff im Boden und Ernteertrag. Ein paar Beispiele: Die Sojabohne hat den höchsten Ertrag und am meisten Eiweiß, bis zu 45 Prozent im Erntegut. Das heißt umgekehrt, sie entzieht vergleichsweise mehr Stickstoff als die Erbse mit einem Eiweißgehalt von 25 Prozent. Die Lupine enthält zwar auch viel Eiweiß, hat aber nur halb so hohe Erträge wie die Sojabohne. Die Ackerbohne kommt an den Ertrag der Sojabohne heran, enthält aber weniger Eiweiß und hinterlässt dafür am meisten Stickstoff im Boden.

LupinenWelche Leguminosen, die in Deutschland angebaut werden können, sind für den Nutzen der menschlichen Ernährung besonders wertvoll?

Prinzipiell ist es so, dass alle Leguminosen sogenannte antinutritive Inhaltsstoffe haben. Das sind schwerverdauliche Stoffe, mit denen sie ihre eiweißreichen Früchte gegen Fressfeinde verteidigen. Wenn man Leguminosen erhitzt, verschwinden diese. Es gibt aber einen Unterschied zwischen den Hülsenfrüchten, die wir traditionell nutzen und die ohne Weiterverarbeitung eingesetzt werden und denen, die stärker aufbereitet werden. Die alten traditionellen Kulturen wie Linsen, Ackerbohnen und Körnererbsen werden direkt gekocht und gegessen – allerdings muss man sie vor dem Kochen in kaltem Wasser einweichen. Lupinen hingegen werden in der Regel stark aufbereitet, zum Beispiel als Kaffee, in Brot oder als Eis. Deshalb gibt es Linseneintopf, aber keinen Lupineneintopf. Auch Sojabohnen werden in der Regel als Tofu oder Sojamilch verarbeitet verzehrt.

Die Soja-Bohne ist in ihrem Herkunftsland China auch eine sehr alte Kulturart, aber in Deutschland noch relativ neu. Warum wird sie erst jetzt angebaut?

Die Sojabohne ist relativ wärmebedürftig, es war ihr bei uns zu kühl in den Sommern; mit neuen Züchtungen hat man dieses Problem überwunden. Im Unterschied zu den anderen Kulturen muss Soja jedoch vor der Aussaat mit den passenden Knöllchenbakterien zur Stickstofffixierung aus der Luft geimpft werden, da diese bei uns nicht im Boden vorkommen. Die Sojabohnen würden zwar auch ohne diese Impfung wachsen, sie entziehen den Stickstoff dann einfach dem Boden und nicht mehr der Luft. Um einen guten Ertrag zu bekommen, müsste man sogar noch mit Stickstoff düngen, genauso wie bei Getreide. Dies wird aber durch die Impfung mit den passenden Knöllchenbakterien vermieden.

Können diese Bakterien aus China in unseren Böden Schäden verursachen? Es handelt sich ja um eine Art Freilandexperiment.

Wir selbst haben die Bakterien nicht speziell untersucht. Aber wir gehen davon aus, dass sie verschwinden, wenn ihr Partnerorganismus über einen bestimmten Zeitraum nicht vorhanden ist und dass sie nicht in der Lage sind, mit anderen Leguminosen in Interaktion zu treten. Im Boden sind außerdem so große Mengen an Mikroorganismen vorhanden, dass diese wenigen Knöllchenbakterien völlig irrelevant sind. Die Bodenmikrobengemeinschaften sind zudem sehr stabil – leider. Man versucht ja in der Landwirtschaft, sie zu verändern und bestimmte Mikroben zu fördern oder gezielt auszubringen, so dass sie beispielsweise Nährstoffe besser verfügbar machen z. B. Phosphor aufschließen. Aber dies gelingt bisher noch nicht so recht.

Vita 

Dr. Sabine Zikeli ist Leiterin des Zentrums Ökologischer Landbau an der Universität Hohenheim. Sie studierte Agrarwissenschaften an der TU-München-Weihenstephan und an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war und 2003 am Institut für Bodenkunde und Pflanzenernährung promoviert wurde. Im gleichen Jahr trat sie ihre Tätigkeit an der Universität Hohenheim an.

Bereits vor und während ihres Studiums sammelte Frau Dr. Zikeli im In- und Ausland zahlreiche praktische Erfahrungen im Ökologischen Landbau. In ihrer aktuelle Forschung befasst sie sich Fragen zur Bodenfruchtbarkeit und Pflanzenernährung im Ökologischen Landbau.

Zentrum Ökologischer Landbau der Universität Hohenheim

Ziel des Zentrums Ökologischer Landbau der Universität Hohenheim ist es, Wissenschaft und Praxis zusammenzuführen um den Ökologischen Landbau gemeinsam weiterzuentwickeln. Die Kernaufgaben des Zentrums bestehen in der Initiierung, Koordination und Durchführung von Forschungsprojekten, in der Lehre zum Ökologischen Landbau und im Wissenstransfer im Dialog mit dem Ökosektor. (Quelle: https://oeko.uni-hohenheim.de/aufgaben)

Weitere Informationen zum Thema:

Hülsenfrüchte: Hoffnung der Agrarwissenschaft
https://www.slowfood.de/aktuelles/2019/huelsenfruechte-hoffnung-der-agrarwissenschaft

Zentrum Ökologischer Landbau an der Universität Hohenheim
https://oeko.uni-hohenheim.de/

TRansition paths to sUstainable legume based systems in Europe (TRUE)
https://oeko.uni-hohenheim.de/projekte#jfmulticontent_c365890-7

Das Interview führte Katharina Heuberger.

Bilder: (c) Sabine Zikeli