Kaufland im Liebestaumel

05.04.2019 - Der Kaufhausriese wird von seinen Gefühlen übermannt und startet eine neue internationale Werbekampagne. Essen ist künftig weder Fisch noch Fleisch, sondern Liebe, Freiheit, Hingabe und noch viel mehr. Die Marketingabteilung fährt große Geschütze auf.

Wir haben es sattLiebe ist, wie wir alle wissen, ein hormonell bedingter, temporärer Wahnzustand, der jegliche Vernunft ausschaltet und uns zu Handlungen verführt, die unter die Rubrik „total Banane“ fallen. Deshalb passt die Liebe natürlich bestens zu Discountern, großen Lebensmittelketten und anderen Vollsortimentern, die seit jeher mit wahnhaften Preisen und ebensolchen Billigprodukten um die Kundschaft buhlen. McDonalds fiel schon vor Jahren in den Liebesrausch („Ich liebe es“), bevor Edeka in den Hormonen absoff („Wir lieben Lebensmittel“). Beide sind bis heute nicht geheilt. Jetzt ist auch Kaufland schwer liebestrunken. Der zur Schwarz-Gruppe gehörende Kaufhausriese mit seinen 660 Filialen und 75.000 Beschäftigten behauptet in seiner neuen Kundenkampagne ganz originell: „Essen ist Liebe“. Essen sei natürlich auch Freude, Geselligkeit, Heimat, sagt Marketing-Chef Michael Lüttgen, aber eben auch Liiiiiiebe. In dem dazu passenden Videoclip pult eine langhaarige Schönheit aus ihrem gerade zerkauten Speisebrei einen Verlobungsring heraus, den der leicht debil dreinschauende Angebetete für sie im österlichen Guglhupf versenkt hat. Wie süß! Für die Zeit nach Ostern droht uns Kaufland die Fortsetzung der Kampagne an mit dem Slogan: Essen ist Hingabe. „Der Kunde wird den Kampagnenbotschaften das ganze Jahr über an mehreren Stellen begegnen.“ Ach Michael, sei uns gnädig!

Essen ist Liebe, Essen ist Hingabe. Irgendwann muss dann aber auch kommen: Essen ist Abwasch! Essen ist Bäuerchen machen! Und den Müll runtertragen!

Aber im Ernst: Dass Werbung dick aufträgt und reichlich dumme Sprüche fabriziert – geschenkt. Die ständige inhaltsleere Ausbeutung ausgerechnet der Liebe für rein kommerzielle Zwecke ist allerdings schon ziemlich unanständig. Im Fall Kaufland: Wo sind denn die Produkte, lieber Michael Lüttgen, in denen die Liebe drinsteckt? Wir sehen im Angebot: Frischwurst-Aufschnitt für 0,49 Euro je 100 Gramm. Ist da richtig viel Liebe drin? Oder eher richtig viel Wasser, das mit entsprechender Chemie schnittfest gemacht wurde? Den Braten der Saison gibt’s für 0,84 Euro und Schinkenknacker für nur 0,66 Euro je 100 Gramm. Machen die Knacker richtig große Gefühle? Schmetterlinge im Bauch? Oder nur Blähungen und ein schlechtes Gewissen? Geht es vielleicht nur um die Liebe zum billigen Produkt, also möglichst viel für möglichst wenig Geld zu bekommen, egal in welcher Qualität? Zum Vergleich: Hundefutter ist deutlich teurer. Bei Kaufland kostet ein Hundesnack Chicken Vitalkraft 3,99 Euro im praktischen 250-Gramm-Beutel. Da muss dann, für unseren Rauhaardackel Waldi, noch viel mehr Liebe drin sein.

Weitere Themen der „internationalen Kampagne“ sind: Essen ist Tradition. Essen ist Freiheit. Essen ist ein Genuss. Da werden die großen Geschütze aufgefahren. Die schönsten Termini, die wir in unserer Esskultur kennen, werden für schnödes Marketing missbraucht und damit komplett entwertet. Und das alles ohne den ernsthaften Versuch, die Werbebotschaften in irgendeiner Weise inhaltlich zu füllen. Essen ist Tradition. Wie sieht denn die kulinarische Tradition zu Ostern bei Kaufland aus? Billige Schokoladenosterhasen und Ostereier, die vor allem aus Zucker bestehen und schon kurz nach Weihnachten in den Regalen liegen? Essen ist Freiheit. Freiheit für wen? Die Freiheit, die Produzenten zu knebeln? Die Freiheit die Integrität unserer Nutztiere zu missachten? „Wir zelebrieren den Stellenwert von Essen in unserer Gesellschaft.“ Geht’s auch eine Nummer kleiner?

Liebe, Freiheit, Hingabe. Wunderschöne, hoch emotionale Begriffe und schreckliche Produkte. Außen hui und innen Pampe. Für wie dumm darf man die Verbraucherinnen und Verbraucher eigentlich halten? Essen ist Liebe. Werbung ist Mist. Die Kampagne ist schamlos. Übrigens: Liebe ist niemals frei von Schmerzen. Sagte der Haase und umarmte den Igel.

Ein Beitrag von Manfred Kriener

Bild (c) Lotte Heerschop