Neue Pflanzenzüchtungstechniken

05.06.2019 - Vytenis Andriukaitis, scheidender EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, sprang im März in einem Artikel auf »Euractiv« überraschenderweise in die Bresche für neue Pflanzenzüchtungstechniken wie die Genschere CRISPR/Cas. Verfahren, welche Gensequenzen von Samen und Pflanzenzellen so präzise wie nie zuvor verändern können, um bestimmte Eigenschaften entweder zu vermindern oder zu verstärken sowie neue Pflanzensorten zu entwickeln. Verfechter wie Andriukaitis und mit ihm Vertreter der Biotech-Branche sehen darin die Lösung, um ausreichend Lebensmittel für eine wachsende Weltbevölkerung zu produzieren und unsere Nutzpflanzen gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen. "Wir müssen wissen, was wir säen und essen" sagt dagegen Ursula Hudson in ihrem Kommentar dazu aus dem Slow Food Magazin.

Dr. Ursula Hudson_(c) MISEREOR.JPGDer Europäische Gerichtshof ist da deutlich kritischer und entschied 2018, dass neue Gentechnikverfahren unter die Richtlinie für genetisch veränderte Organismen (GVO) fallen. Sie unterliegen damit strengen Vorgaben zur Risikobewertung, Etikettierung und Rückverfolgbarkeit. Dem folgte auch Andriukaitis vor seinem jüngsten Sinneswandel. Inzwischen aber verklärt er diese Techniken als puren Fortschritt und fordert für sie neue gesetzliche Rahmenbedingungen (und verkennt dabei, dass die GVO-Richtlinie durchaus auf technische Entwicklungen in der Gentechnik angewendet werden kann). Zugleich spricht er sich gegen die Manipulation der öffentlichen Meinung und die Angstmacherei durch ausgewählte Akteure aus. Da fühle ich mich als Vorsitzende von Slow Food Deutschland glatt angesprochen. Denn zu Recht fordern wir Aufklärung und Transparenz, lassen uns mit pauschalen Antworten nicht abspeisen, wenn wir Gefahr laufen, einen veränderten Organismus mit einem natürlichen gleichzusetzen.

Fakt ist, Gentechnik – ob alt oder neu – ist ein wesentlicher Bestandteil einer immer intensiveren und größtenteils auf Monokultur basierenden Landwirtschaft, die bekanntermaßen zum Klimawandel und zum Verlust der biokulturellen Vielfalt beiträgt, die ausschließlich auf Ertrag und Aussehen optimiert. Gentechnik treibt die Bauern in eine noch brutalere Abhängigkeit von multinationalen Konzernen, die das gentechnisch veränderte Saatgut und das dazugehörige Pflanzenschutzmittel verkaufen. Gentechnisch veränderte Organismen schaden nicht nur der Umwelt, sondern unmittelbar uns Menschen mit bis dato unvorhersehbaren Folgen. Während Andriukaitis die Risiken kleinredet, wirft er allen Ernstes die Frage auf, wie viele Menschen an den Folgen von GVO gestorben seien.

Für einen EU-Kommissar, der gerne öffentlich daran erinnert, dass er Arzt ist, ist das unwissenschaftlich und beschämend zugleich. Erstens gibt es bislang weder eingehende klinische Studien noch unabhängige Langzeituntersuchungen, die beweisen, dass GVO sicher sind. Der Konsum von GVO wirft innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft weiterhin Fragen auf und gibt Anlass zu Bedenken. Zweitens birgt das gesamte Modell von gentechnisch veränderter Landwirtschaft Risiken, die erheblich weitreichender sind als die Gefahren für die menschliche Gesundheit durch direkten und indirekten Konsum (durch Rückstände von Futtermitteln in tierischen Produkten). In den intensiven und für den Export bestimmten Anbaugebieten von gentechnisch veränderten Futtermitteln treten nachweislich Pestizidvergiftungen, Entwaldung, Vertreibung und Menschenrechtsverletzungen auf. Hinzu kommen die negativen Auswirkungen von monokulturellen Anbausystemen – gentechnisch verändert, oder nicht – auf unsere Böden, die fast immer vernachlässigt werden.

Mit industrieller Landwirtschaft setzen wir die Biodiversität, Grundlage einer lebendigen Pflanzenwelt und funktionierender Ökosysteme, aufs Spiel. Vor diesem Hintergrund gebe ich zu, bin ich froh, dass Andriukaitis seine Tätigkeit in der Europäischen Kommission im Mai beendet. Sonderlich hoffnungsvoll gestimmt bin ich trotzdem nicht. Denn es wäre an der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik, langfristige und tragfähige Lösungen für unser Nahrungsmittel- und Landwirtschaftssystem in Europa entschieden voranzutreiben. Und sicherzustellen, dass wir wissen, was wir säen und essen und uns dessen mit allen Konsequenzen bewusst sind, die Folgen transparent kommunizieren.

Doch lässt der bisherige Stand auf keinen wesentlichen Durchbruch hoffen. Es sieht so aus, als würden wir uns auf die falschen Lösungen konzentrieren. Geld kann man nur einmal investieren und bestenfalls in Forschung und Förderung der Agrarökologie sowie in Landwirte, die bereits heute umweltschonend wirtschaften. Wir sollten so den Klimawandel am Schopfe packen anstatt die Kontrolle der Nahrungsmittelherstellung in den Händen weniger Interessenvertreter zu bündeln.

Immer mehr Studien geben an, dass agrarökologische Systeme das Potential haben, die Resultate der industriellen Landwirtschaft zu verbessern. Sie sichern auf lange Sicht Bodenfruchtbarkeit, faire Lebensbedingungen und genetische Vielfalt auf Basis von traditionellem Saatgut. Es ist dieses Saatgut, mit dem wir auf zukünftige Herausforderungen reagieren können und sollten. Nicht zuletzt, weil es ohne genetische Eingriffe anpassungs- und widerstandsfähig ist und es das Wertvollste ist, was wir haben. Landwirte haben es über Jahrtausende als das große Gut der Menschheit gezüchtet und gesichert und deshalb darf es nicht schleichend in den Besitz von Konzernen übergehen.

Bild (c) Misereor, im Bild: Slow Food Deutschland Vorsitzende Ursula Hudson