Neues Vorstandsmitglied: Fragen an Slow-Food-Youth-Aktivistin Lea Leimann

17.07.2019 - Seit Anfang Juli bereichert die gelernte Konditorin, Ökotrophologin und Slow-Food-Youth-Aktivistin Lea Leimann aus Köln den Vorstand von Slow Food Deutschland als Beisitzerin. Im Gespräch mit Slow Food und Slow Food Youth berichtet sie über ihre Motivation und Lieblingsthemen.

Lea Leimann (c) Daniel Rögelein_IMG_6670.JPGSlow Food: Nach 3 Jahren in der Slow Food Youth Leitung, bist du seit Kurzem im Vorstand von Slow Food Deutschland. Herzlichen Glückwunsch! Warum engagierst du dich für Slow Food und was bewegt dich im Kontext des aktuellen Lebensmittelsystems am Meisten?

Lea: Das, wofür Slow Food sich einsetzt, ist für mich die essentielle Basis unseres Lebens. Boden, Saatgut, Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Kochen, Teilen, Genießen. Es wäre nicht dran zu denken, das aus der Hand zu geben. Slow Food ist ein vielfältiges, internationales, politisches und inspirierendes Netzwerk, das mir Kraft und Zuversicht gibt.

Was mich derzeit am Meisten interessiert ist die Frage, was Menschen dazu bewegt, ihr Verhalten zu verändern. Und dabei meine ich nicht nur die ‚Konsumgesellschaft’, sondern eben auch Politik und Wirtschaft. Zölle, Regulierungen, Verbote und Sanktionen oder doch eher Förderungen, Anreize, Storytelling, friedliche Demonstrationen und Klimastreiks. Wie erreichen wir die Menschen, die etwas bewegen können, und wie schaffen wir die Wende im Agrar- und Ernährungssystem?

Slow Food: Welche Themen möchtest du im Zuge deiner Vorstandsarbeit vorantreiben, was möchtest du in den nächsten drei Jahren im Verein bewegen?

Lea: Mir ist wichtig, dass Slow Food sichtbarer und auch für jüngere Menschen attraktiv wird. Social Media ist dabei ebenso wichtig, wie die langfristige Finanzierung der Slow Food Youth Akademie. Innerhalb des Vereins möchte ich versuchen, die Kommunikation und das gegenseitige Verständnis zwischen den Youthies und Slow Food zu verbessern und an einer gemeinsamen Vision zu arbeiten. Und daneben natürlich mein Lieblingsthema ‚Behaviour Change‘: Wir als Verein sollten bei unseren Veranstaltungen anfangen, das umzusetzen, für das wir stehen: regionale und saisonale Produkte, wenn überhaupt viel weniger, dafür aber gutes Fleisch, ehrliches Handwerk und am Ende weniger Lebensmittel in der Tonne. Das ist mir ein großes Anliegen für unsere kommenden Veranstaltungen.

Slow Food Youth: Du hast Ökotrophologie studiert, du bist ausgebildete Konditorin und du machst gerade einen Master über nachhaltige Ernährungssysteme und natürliche Ressourcen. Inwiefern haben dir diese verschiedenen Erfahrungen gezeigt, was im aktuellen Lebensmittelsystem gut oder nicht so gut läuft?

Lea: Das Ökotrophologie-Studium hat mir gezeigt, wie sehr Wissenschaft, Politik und Wirtschaft verwoben sind. Die Ernährungs- und Agrarindustrie hat da umfassend ihre Finger im Spiel und beeinflusst so Ernährungsempfehlungen und wissenschaftliche Studien im Allgemeinen. Durch die Ausbildung habe ich erfahren, wie sehr handwerklich arbeitenden Betrieben die Hände gebunden sind, zum Beispiel beim Einkauf und ihrer Preisgestaltung. Viele sind damit beschäftigt im laufenden Betrieb den Kopf über Wasser zu halten. Da bleibt keine Zeit und Kraft, anders einzukaufen oder zu produzieren.

Mein aktuelles Masterstudium ‚Sustainable Food and Natural Resources’ am Centre for Alternative Technology in Wales zeigt mir tagtäglich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und nicht nur ich. Immer mehr Menschen setzen sich auf vielfältige Weise für eine Veränderung im Lebensmittelsystem ein. Neben dem Wissen über lokale und globale Auswirkungen unserer Ernährung, das ich durch das Studium erlange, sind es vor Allem Mut, Inspiration und Motivation, die ich mitnehme.

Slow Food Youth: Welche sind die zentralen Herausforderungen für junge Menschen, im Lebensmittelhandwerk zu arbeiten? Warum hast du dich dagegen entschieden, deinen Beruf als Konditorin auszuüben?

Lea: Die zentralen Herausforderungen sind schlechte Arbeitsbedingungen in Ausbildung und im Beruf, geringe Wertschätzung und oft hierarchische, traditionelle Strukturen mit wenig Gestaltungsspielraum. Dazu kommt eine schulische Ausbildung, die nicht sonderlich zeitgemäß ist.

Ich wollte andere, innovative Produkte herstellen, wollte Milchprodukte vom Bauern aus der Region, wollte keine Erdbeeren im Winter und vor allem wollte ich kein pasteurisiertes und mit Zusatzstoffen versehenes Ei aus dem Tetrapack mehr verwenden. Das gab es leider nicht, zumindest nicht in Köln. Selbstständig machen wollte ich mich zu dem Zeitpunkt auch nicht. Das hätte zudem noch eine Menge Zeit und Geld für den Meister vorausgesetzt, ohne den man sich gar nicht selbstständig machen darf. Daher backe ich jetzt nur noch für Freunde, die heiraten oder Geburtstag haben, und zwar so, wie ich das möchte und für richtig halte. Nur für das Problem mit der fairen Bezahlung für mein Handwerk habe ich dabei noch keine Lösung.

Slow Food: Wenn du dir was wünschen könntest, was wäre eine zentrale Veränderung im Bereich Lebensmittelhandwerk, die die Politik dringend umsetzen müsste, um das System zukunftsfähiger zu machen?

Lea: Definitiv das Ausbildungssystem! Hier wird der Grundstein gelegt für ein Bewusstsein und eine Wertschätzung von Lebensmitteln und Handwerk. Azubis sollten lernen und ausprobieren dürfen. Tüten aufreißen und mit Wasser mischen gehört da nicht dazu. Auch sollte ein Grundverständnis über ernährungspolitische Zusammenhänge, Umweltauswirkungen, von Konsum und Produktion in der Ausbildung vermittelt werden. Derzeit wird das nicht einmal in der Meisterausbildung wirklich thematisiert.

Slow Food Youth: Du studierst, arbeitest und engagierst dich bei Slow Food (Youth) seit 10 Jahren. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Lea: Ich bin seit 10 Jahren Mitglied bei Slow Food, bin 2013 nach Köln gezogen und habe mich dort der frisch gegründeten lokalen Slow-Food-Youth-Gruppe angeschlossen. Von 2016 bis 2019 war ich dann in der Leitung und bin jetzt im Vorstand. Das geht eigentlich nur, weil ich gerade Teilzeit arbeite und nicht viel zum Leben brauche. All die schönen Slow-Food-Veranstaltungen und vor allem die Menschen, die ich dadurch kennenlerne und wieder sehe, geben mir Kraft, Energie und Inspiration, weiter zu machen. Privates jongliere ich irgendwie darum, meinen Kalender sollte ich allerdings nie verlieren. Das Studium strapaziert das alles ein wenig, denn die Abgabetermine für die Hausarbeiten kommen doch immer schneller als erwartet. Insgesamt fügt sich alles aber ganz wunderbar zusammen, denn die Themen auf der Arbeit, im Studium, bei Slow Food und in meinem Herzen drehen sich alle um die gleichen Fragen: wie schaffen wir die Transformation hin zu einer Welt, in der wir leben möchten und hin zu einem Ernährungssystem mit Zukunft.

Slow Food Youth: Und die letzte Frage: Was ist das sinnvollste und das sinnloseste Küchengerät, das man in deiner Küche finden kann?

Das sinnvollste ist definitiv ein scharfes Messer, kurz gefolgt von einem profanen Löffel und einer dichten Aufbewahrungsbox für übrig gebliebenes Essen. Gar nicht so leicht zu entscheiden. Das sinnloseste ist womöglich mein Thermomix.

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