Zum Wohl!

01.04.2019 - Die staatliche Tierwohl-Initiative unseres Bundeslandwirtschaftsministeriums war sehr lange Zeit in der Pipeline. Im Februar wurde sie nun endlich vorgestellt. Ihr Ziel: Die Lebensbedingungen unserer Nutztiere von Geburt bis zur Schlachtung deutlich zu verbessern. Angesichts des Ergebnisses fragt sich Ursula Hudson besorgt, wo die Köpfe dieser Initiative ihren gesunden Menschenverstand gelassen haben.

Rotes Höhenvieh (c) Ulrich Schlette.JPGMehr Platz, weniger Stress bei Transport und Schlachtung, geschultes Personal, Landwirte, die für (mehr) Tierwohl be- und entlohnt werden. Das klingt vernünftig. Die Abgründe der vermeintlichen Tierwohl-Initiative aber kommen schnell ans Licht! So liegt Stufe 1 der dreistufigen Kennzeichnung knapp über dem gesetzlichen Mindeststandard. Allein diesen als Grundlage für die ministeriellen Verbesserungen zu nehmen, lässt mich durchaus verblüfft und konsterniert zurück. Auch Stufe 2 und 3 haben rein gar nichts mit einer Annäherung an möglichst artgerechte Haltung von Nutztieren zu tun. Die neuen Kriterien sind schwammig formuliert und die Umsetzung – ja, die ist noch offen. Sie beginnt erst 2020, zunächst für Schweinefleisch. Die Teilnahme ist nicht verpflichtend, sondern freiwillig. Unser Bundeslandwirtschaftsministerium gibt damit die Verantwortung, für mehr Wohl unserer Nutztiere zu sorgen, vollständig an Landwirte und Verbraucher ab. Der Bauer müsse nur mit dem Tierwohl-Label werben und den Bürger davon überzeugen, mehr für seine Produkte zu zahlen. Dann wären auch die Kosten für die Umstellung auf mehr Tierwohl langfristig abgedeckt. Zu einem echten Wohl von Tieren tragen wir mit der Initiative nichts bei. Es sind nur minimale Verbesserungen eines ohnehin miserablen Status quo in einem System, welches Tiere nicht als fühlende Wesen, sondern nur als Produktionsmasse für tierische Produkte sieht. Wir bewegen uns damit auf einem derart niedrigschwelligen Niveau, dass ich mich als Verantwortliche schämen würde. Wem nutzt es? Den Tieren nicht.

Was wir brauchen, ist ein einheitliches und verpflichtendes staatliches Label für die artgerechte Haltung aller Nutztiere. Das erfordert Mut, einen langen Atem und ein ehrliches Bekenntnis zu Tieren als Mitgeschöpfen. Der Staat müsste Geld in die Hand nehmen, um die Landwirte bei der Umstellung zu unterstützen. Denn diese werden ihre Mehrkosten nicht durch Werbung beim Verbraucher kompensieren, weil der Verbraucherwunsch nach (mehr) Tierwohl bei der Mehrheit ein Lippenbekenntnis ist. Das wird die meisten Landwirte vom Tierwohl abhalten. Vorwerfen darf und kann man es ihnen nicht, sie passen sich schlichtweg der Logik des gegenwärtigen Systems an, in dem der Preis entscheidet. Diese Logik muss von den politischen Entscheidungsträgern durchbrochen werden. Sie müssen die Basis für souveräne Kaufentscheidungen schaffen und das Billigangebot von Fleisch vom Markt nehmen. Damit bekämen Verbraucher zwangsläufig wieder ein Gefühl für faire Fleischpreise. Dass Fleisch, wie Frau Klöckner vor einigen Monaten im »taz«-Interview sagte, nicht nur etwas für Besserverdiener sein dürfe, da stimme ich mit ihr überein. Aber Fleisch muss seinen Preis und Wert haben. Erklärtes Ziel sollte sein: wesentlich weniger Fleisch auf unsere Teller, aber wesentlich besseres! Mit dieser Initiative wird der Staat weder seine Deutungshoheit zurückerlangen, die ihm der Discount bereits vor einem Jahr mit einer eigenen Haltungskennzeichnung strittig machte. Noch wird er für Klarheit beim Verbraucher sorgen. Für den ist das staatliche Tierwohl ein weiteres Siegel unter vielen.

Bild: (c) Ulrich Schlette