Warum wir alle die Ernährungswende vorantreiben können – und es ohne Politik dennoch nicht geht

Mehr Wertschätzung für Landwirte, Bereitschaft zu faireren Preisen, Unterstützung regionalen Lebensmittelhandwerks: Verbraucher*innen können aktiv den Wandel zu einer besseren Lebensmittelwelt vorantreiben. Am Ende braucht es aber politische Unterstützung – und die fällt zu unentschlossen aus, zeigt ein politisches Werkstattgespräch von Slow Food Deutschland und dem Institut für Welternährung.

Achim Spiller ist einer der renommiertesten Forscher in Deutschland, wenn es um Fragen einer nachhaltigen Landwirtschaft geht. Die Zahl seiner Publikationen zum Thema geht in die hunderte, er ist Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft und des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik und Ernährung. Und trotz all dieser wissenschaftlichen Autorität hält auch Achim Spiller es an diesem Abend für geboten, seine Kernforderung doppelt abgesichert, ausführlich erklärend, ja fast etwas entschuldigend, vorzutragen: „Wir brauchen mehr staatliche Steuerung in der Ernährungspolitik“, sagt Spiller. Und schiebt nach: „Ich weiß, dass das umstritten ist.“

In der Tat. Vor allem in den vergangenen vier Jahren liefen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik in der Bundesregierung meistens so: die zuständigen Menschen sprachen die Probleme – Rückgang der Artenvielfalt, Dumpingpreise für Milch- oder Fleischprodukte, immer industrieller werdende Lebensmittelproduktion – zwar offen an. Es folgten dann aber keine Versuche, diese Missstände durch staatliche Regulierung einzudämmen. Stattdessen arbeitete man mit Appellen und freiwilligen Erklärungen. Das hat die Ernährungspolitik in Deutschland nicht wirklich vorangebracht. Und weil das aus Sicht von Slow Food und Slow Food YouthDeutschland anders werden muss, rufen sie die kommende Bundestagswahl im September zur Ernährungswahl aus.

„Damit Menschen künftig Lebensmittel auswählen können, die positiven Einfluss auf die Vielfalt der Nahrung, der Natur und den Erhalt des Handwerks haben“, begründete Slow Food Deutschland-Chefin Nina Wolff den Einsatz des Vereins. Und begrüßte zusammen mit Wilfried Bommert, Gründer des Instituts für Welternährung, Politiker*innen der Bundestagsparteien zu einem Werkstattgespräch. Letzterer fand mit Blick auf den Zustand der Ernährungspolitik auch gleich klare Worte: „Das kann doch so nicht weitergehen.“

Vorbild Norwegen

Die Frage ist nur: Wie soll es dann weitergehen? Für Spiller ist der Weg zu einer nachhaltigeren Ernährungswende klar. Und auch wissenschaftlich vorgezeichnet. Schließlich haben sowohl die Zukunftskommission Landwirtschaft der Bundesregierung als auch der Wissenschaftliche Beirat beim Landwirtschaftsministerium längst aufgeschrieben, dass eine künftige Regierung Landwirtschaftspolitik nachhaltiger, Ernährungspolitik ganzheitlicher denken sollte. Das schließt nahtlos an eine der sieben Forderungen von Slow Food und Slow Food Youth zu Ernährungswahl an: Schafft eine integrierte Ernährungspolitik.

Was das heißt? Nun, zum einen, dass Agrarpolitik nicht nur aus Sicht der industriellen Landwirtschaft sondern aus Perspektive aller Beteiligten – vom Landwirt, über die Verarbeiterin bis hin zum Kunden – gedacht wird. Aber auch, dass der Staat sich wieder traut, mehr Regeln zu setzen. „Viele Menschen sind mit der komplexen Aufgabe, sich nachhaltig zu ernähren, im Alltag überfordert“, sagt Spiller. Und leitet daraus die Frage ab: „Wie kann Politik ein Umfeld einrichten, das den Einzelnen in Ernährungsfragen nicht überfordert?“ Er verweist etwa auf das Beispiel Norwegen – auch ein liberaler Staat – der seinen Bürger*innen ein recht dichtes Netz an staatlichen Vorgaben bei der Ernährung bietet.

Mit mehr verbindlichen Regeln kann sich auch Turgut Altug anfreunden, der für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus Verbraucher- und Ernährungspolitik betreibt. Harte Verbote will er zwar nicht aussprechen, sympathisiert aber deutlich mit dem von Spiller aufgezeigten Weg. Auch Ralph Lenkert, der für Die Linke Umweltpolitik im Bundestag gestaltet, sagte: „Die Verbraucher sind überfordert, wenn sie all diese Urteile selbst treffen müssen. Das geht nicht, die haben anderes zu tun.“

Gesunde Ernährung auch erschwinglich gestalten

Skeptischer zeigte sich Marlene Mortler, Sprecherin der CSU im Europaparlament für Ernährungspolitik. Sie warnte davor, dass einzelne verbindliche Regeln „Verbraucher nicht unbedingt klüger machen“ und sprach sich eher für den bisherigen Ansatz aus: „Wir müssen die Menschen aufklären, mehr Bewusstsein schaffen.“ Auch die CDU-Bundestagsabgeordnete Ingrid Pahlmann sagte: „Es gibt natürlich auch Menschen, die Hilfe brauchen. Aber denen wollen wir ermöglichen, nicht verbieten.“ Der niedersächsische FDP-Landwirtschaftspolitiker Hermann Grupe warb dafür, sich nicht nur auf Wissenschaft zu verlassen und den Bauern mehr zu zutrauen. Mit Blick auf Wünsche, mehr Bio-Lebensmittel in Deutschland zu erzeugen, um menschen- und planetenfreundlicher zu wirtschaften, sagt er: „Wir können das nicht nur mit kalten Rechenbeispielen ausrechnen, welche Bilanz nun grade besser ist.“

Die SPD-Ernährungspolitikerin Ursula Schulte warnte dagegen, Verbraucher*innen die Entscheidung zu überlassen. „Ich bin zuletzt durch den Supermarkt gegangen und habe Obstpreise gesehen. Ich war erschrocken, wer eine Familie ernähren muss, hat da ein Problem“, sagte sie. Und stellte auch klar: „Für gute landwirtschaftliche Produkte muss man angemessen Preise erzielen können, anders geht das ja nicht.“ Aber nachhaltige Lebensmittel würden sich in der Breite nur durchsetzen, wenn sie im Rahmen klarer Regeln und nicht durch unterschiedliche Preise entstehen.

Mehr Geld an die richtigen Adressat*innen

Dennoch scheint Konsens in Politik wie Wissenschaft: Es muss nicht unbedingt mehr Geld ins Ernährungssystem, aber mehr Geld bei den Erzeuger*innen und Handwerker*innen ankommen. „Wir müssen da mehr Geld in die Hand nehmen“, sagte Spiller. Und auch CSU-Frau Mortler sagte: „Wir müssen der EU-Kommission bei der Gemeinsamen Agrarpolitik ganz klar machen: Wenn sie Farm to Fork will, muss sich auch die kleinen, regionalen Kreisläufe entsprechend fördern.“

Was sinngemäß zu Nina Wolffs Erklärung einer der grundlegendsten Slow Food-Forderungen passt: „Es braucht ein gutes, institutionelles Umfeld und eine angemessen finanzielle Ausstattung“, sagte Nina Wolff. „Wir müssen jetzt eine Strategie entwickeln, die zu unseren Zielen führt. Und dafür bitte einen schnellen Weg beschreiten.“

Autor: Sven Prange

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